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Von wegen magischer Realismus

Die lateinamerikanische Gegenwartsliteratur reflektiert eindrucksvoll die wechselhafte Geschichte zwischen Mexiko und Feuerland.

Der Augsburger Maler Johann Moritz Rugendas war Draufgänger und Perfektionist. Als solcher bereiste er zu Beginn des 19. Jahrhunderts das noch weitgehend unbekannte Amerika. Alexander von Humboldt lobte seine Zeichnungen, Radierungen und Gemälde und soll als Auftraggeber zu seinen wichtigsten Förderern gehört haben. Wohl deshalb trug die Novelle »Eine Episode im Leben des Reisemalers« von César Aira den Titel »Humboldts Schatten«. Einen anderen Grund gibt es nicht, denn der Generalgelehrte spielt darin quasi keine Rolle.

Aira-Reisemaler
César Aira: Eine Episode im Leben des Reisemalers. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Matthes & Seitz Berlin 2016. 127 Seiten. 16 Euro

Das neueste Büchlein aus der bei Matthes & Seitz Berlin erscheinenden Bibliothek César Aira erzählt von der Reise, die Rugendas 1837 mit dem deutschen Maler Robert Krause von Chile über die Anden nach Argentinien unternahm. Bei dieser abenteuerlichen Unternehmung kam es Krauses Aufzeichnungen zufolge zu einem schweren Unfall, bei dem sich Rugendas einen Schädelbruch zuzog. Aira hat aus dieser verbrieften Geschichte stilsicher einen biografischen Abenteuerroman gemacht, in dem sich die verbriefte Wirklichkeit erst in der surrealen Opulenz der Landschaften und dann in den Wahnvorstellungen des vom Blitz getroffenen (welch grandiose Metapher) deutschen Malers auflöst. Diese fantastische und von Christian Hansen wunderbar übersetzte Abenteuernovelle kann es mit Daniel Kehlmanns »Die Vermessung der Welt« locker aufnehmen.

Der 1949 geborene Argentinier ist ein Meister der Täuschung und Verführung. Seine sympathischen, aber alles andere als zuverlässigen Erzähler verbiegen die Wirklichkeit so lange, bis sie in ihrer surrealen Wirkung schon wieder echt sein könnte. Erwartungen sind dafür da, sie zu hintergehen. Zu den Anhängern seiner fantastischen Literatur, bei der er mit dem Universellen und dem Individuellen Karambole spielt, haben sich unter anderem Patti Smith und Roberto Bolaño bekannt. Dass der Verlag deren Bewunderung auf die Buchtitel der Reihe druckt, ist dem Umstand geschuldet, dass der in Übersee gefeierte Autor von über 100 Büchern, der für die Vielfalt seines literarischen Werkes gerade den mit 60.000 US-Dollar höchstdotierten lateinamerikanischen Literaturpreis Manuel Rojas erhielt, hierzulande noch zu den Geheimtipps zählt.

Aira-Duchamp
César Aira: Duchamps in Mexiko. Aus dem Spanischen von Klaus Laabs. Matthes & Seitz Berlin 2016. 136 Seiten. 16 Euro

Als Aira vor wenigen Wochen das Internationale Literaturfestival in Berlin eröffnete, spielte er erneut Billard mit den an ihn herangetragenen Erwartungen. Statt über Politik sprach er mit einem Lächeln über die Prädisposition des Schriftstellers, gut zu schreiben. Mit der These, dass jeder Schriftsteller gut schreibe, solange er sich nur der Literatur überantworte, stiftete er dabei einmal mehr spielerisch Verwirrung. In dieser ging der Satz, dass dabei die Zeit im Zentrum des schriftstellerischen Interesses stehe, nahezu vollkommen unter. In »Duchamp in Mexiko«, wo er sein Schreiben essayistisch in der Kunst- und Literaturtheorie verankert, wird dieser Faden aufgegriffen. Die Zeit ist deshalb zentral für den Schriftsteller, weil sie »vollgestopft mit Geschichte« ist, die zu erzählen sich niemand die Mühe mache, heißt es dort in der Übersetzung von Klaus Laabs. Niemand außer der Schriftsteller selbst, hallt es nach.

Die noch junge, aber mit dramatischen Wendungen gespickte Geschichte Süd- und Mittelamerikas bietet viel Erzählstoff. Vor allem das verheerende Wüten der rechtskonservativen Regierungen und Militärdiktaturen sowie die sozialistischen Gesellschaftsexperimente lasten auf den lateinamerikanischen Gesellschaften. Diese gewaltvolle Geschichte veranlasste Roberto Bolaño, zu schreiben, dass kein Ort der Welt Kafkas Strafkolonie ähnlicher sei als Lateinamerika. Etliche Autoren aus Lateinamerika setzen sich in ihren aktuellen Büchern mit der unruhigen Geschichte ihrer Heimatländer auseinander. Darin arbeiten sie – eher realistisch, als magisch – das verheerende Wüten der rechtskonservativen Militärdiktaturen und ihre Folgen sowie die sozialistischen Gesellschaftsexperimente der jüngeren Vergangenheit auf.

Oesterheld-Eternauta
Héctor Germán Oesterheld: Eternauta. Aus dem argentinischen Spanisch von Claudia Wente. avant-verlag 2016. 392 Seiten. 39,95 Euro

Das Historische prägt auch den literarischen Kosmos von Airas zehn Jahre jüngerem Landsmann Alan Pauls ist ein Beleg dafür. In seinem Roman »Die Vergangenheit« hat er dem selbstverlorenen Dasein der argentinischen Jugend inmitten der Wirtschaftskrise Ende der neunziger Jahre ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Die Zeit der Militärdiktaturen hat Pauls in einer Romantrilogie reflektiert, die nach der »Geschichte der Tränen« (2010) und der »Geschichte der Haare« (2012) in der »Geschichte des Geldes« auch dank der glänzenden Übersetzung von Christian Hansen einen famosen Abschluss findet. Pauls ist ein kühner Erzähler, der alles wagt, um das Ganze zu fassen zu kriegen. Seine Trilogie schließt an die Krise des Peronismus an, die Héctor German Oesterheld in seinem allegorischen SciFi-Comicklassiker »Eternauta« mit überwältigender Bildgewalt verarbeitet hat.

Pauls-Geschichte des Geldes
Alan Pauls: Geschichte des Geldes. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Klett-Cotta 2016. 271 Seiten. 19,95 Euro

Wie schon in den beiden ersten Teilen lässt Pauls aus dem Mikrokosmos seines Erzählers den gesellschaftlichen Makrokosmos der siebziger Jahre emporsteigen. Als sich die Eltern des Erzählers scheiden lassen und das persönliche Drama des Erzählers seinen Lauf nimmt, steht Argentinien vor einer Zeit heftiger Gewerkschaftskonflikte, bankrotter Banken, flüchtiger und entführter Finanzmanager sowie niedergeknüppelter Proteste von Kleinanlegern. Pauls ist ein kühner Erzähler, der alles wagt, um das große Ganze zu fassen zu kriegen. Er beschreibt gleichermaßen die Nöte der kleinen Leute wie die großen politischen Verwerfungen Argentiniens. Sie bilden die beiden Seiten der einen Medaille, die im trüben Licht von Gewalt, Betrug und Verlust bedrohlich glänzt. Schnell sind die gesellschaftspolitischen Ereignisse nicht mehr von der Familiengeschichte zu trennen. Der dubiose Finanzmanager eines Stahlkonzerns, den man zu Beginn des Romans auf dem Grund des Río San Antonio findet, ist der neue »Mann der Mutter«, der Vater schlägt sich als Zocker und Geldeintreiber auf Argentiniens Straßen durch und der Erzähler verschließt seine während der gescheiterte Ehe nebst Tränen in einem Bankschließfach. Das erzählerische Leitmotiv dieses Romans ist das Geld, die daran gekoppelten Mechanismen des Einnehmens und Zahlens mäandern in hochkomplexen Nebensatzkonstruktionen durch diese packend-politische Gesellschaftsgeschichte. Pauls deutet stilistisch an, wie undurchsichtig das neoliberale Finanzsystem ist, von dem er erzählt. Als Leser muss man auf diesem vielarmigen Erzählstrom kräftig rudern, um über dem Wasser zu bleiben. Das Verjubeln der Lebensgrundlagen durch die ältere Generation verweist auch auf den allgegenwärtigen Generationenkonflikt.

Tyszka-Die letzten Tage des Comandante
Alberto Barrera Tyszka: Die letzten Tage des Comandante. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Nagel & Kimche Verlag 2016. 256 Seiten. 22 Euro

»Wir sind alle Chávez«, heißt es in Alberto Barrera Tyszkas »Die letzten Tage des Comandante«. Alle meint den verdienten Arzt im Ruhestand, den arbeitslosen Journalisten, den abgehängten Beamten genauso wie die an die Straße verlorene Jugend. Tyszka rekonstruiert mit seinem vielstimmigen Figurenkabinett die kaputte venezolanische Gesellschaft. Er zeigt die vielen Gesichter der Gewalt und spiegelt die kollektive Paranoia des Chavismus, die verinnerlichte Angst, »abgehört zu werden, aufgespürt, gepackt von der unsichtbaren Hand des Staates«. Die wechselnden Perspektiven verknüpft der Venezolaner zu einem fesselnden gesellschaftspolitischen Thriller, in dem er mit der Heiligenverehrung durch die Armen, der Existenzangst des Mittelstands und der Verbitterung der Reichen ein ambivalentes Porträt der Gallionsfigur des lateinamerikanischen Sozialismus zeichnet. Besser als in diesem von Matthias Strobel flüssig übertragenen Roman kann man die soziale Wirklichkeit Venezuelas nicht abbilden.

Gleich zwei Autoren aus Lateinamerika sind unter den zehn besten Büchern aus unabhängigen Verlagen. Dies ist zum einen Hernán Ronsinos wunderbar verschachtelter Erinnerungsroman »Lumbre«, zum anderen das Opus Magnum des Guatemalteken Rodrigo Rey Rosa »Die Gehörlosen«.

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Rodrigo Rey Rosa: Die Gehörlosen. Aus dem guatemaltekischen Spanisch von Anna Gentz. Septime Verlag 2016. 288 Seiten. 22,90 Euro

Der Titel von Rey Rosas Roman spielt auf die hörgeschädigten Kinder der an den Rand gedrängten indigenen Einwohner Guatemalas an. Kinder wie der verschwundene Andrés, die angeblich magische Kräfte haben sollen. Weit weg von diesen Gehörlosen sorgt sich der windige Geschäftsmann Don Claudio um seine Tochter Clara und heuert den jungen Indio Cayetano als Leibwächter an. Diesen hat die junge Schönheit aber schnell um den Finger gewickelt, weshalb er ihrem bunten Treiben lange zusieht. Erst als sie mit einem jungen Anwalt verschwindet, wacht er aus seinen Tagträumereien auf und macht sich auf die Suche nach dem dunklen Geheimnis, das beide verbindet.

Rey Rosas Stil ist nüchtern, er beschränkt sich auf das Notwendige. Seine Übersetzerin Anna Gentz setzt das in ihrer Übertragung wunderbar um. So wird jede Auslassung zu einem potentiellen Hort von Unheil, jede Figuren erhält in ihrer bewusst lückenhaften Zeichnung eine geradezu dämonische Leerstelle. Nichts ist hier, wie es scheint, es herrscht eine Atmosphäre allgegenwärtiger, aber kaum greifbarer Gewalt. »Die Gehörlosen« ist eine schonungslose Gesellschaftskritik, in der sich die extreme Differenz zwischen Arm und Reich, das Ausmaß der politischen Korruption sowie die strukturelle Vergewaltigung der indigenen Völker wie Lianen durch den erzählerischen Dschungel dieser dichten Erzählung ziehen.

Halfon-Signor Hoffman
Eduardo Halfon: Signor Hoffman. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Hanser Verlag 2016. 192 Seiten. 20 Euro

Die Literatur des in Guatemala geborenen, in den USA lebenden Eduardo Halfon ist autobiografisch motiviert und damit sehr zeitgenössisch-westlich. In seinem Debütroman »Der polnische Boxer« beauftragt er sein Alter Ego damit, die Geschichte seines Großvaters ausfindig zu machen. Der überlebte das Konzentrationslager nur dank der Hilfe eines polnischen Boxers. Seine ambitioniert komponierte Reise durch Raum und Zeit, die auch der Selbstfindung diente, findet in der Erzählungssammlung »Signor Hoffman« gewissermaßen ihre Fortsetzung. Die acht Texte hängen vermeintlich allenfalls lose zusammen, bilden tatsächlich aber die Irrfahrt des Erzählers ab. Er sucht die Antwort auf die Frage, was es heißt, Enkel eines polnischen Juden und Auschwitzüberlebenden zu sein. So unwägbar, wie seine Reisen nach Israel, Polen oder in die USA verlaufen, so glasklar ist die Prosa, in der sie festgehalten werden. Diese Klarheit ermöglicht den Blick in den düsteren Abgrund der europäischen Katastrophe, der der Großvater entkommen ist.

Der Zivilisationsbruch der Shoah ist in Halfons Texten, ähnlich wie in Nathan Englanders Erzählungen »Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden«, immer nur einen halbironischen Gedankensprung entfernt, was diese Texte gleichermaßen komisch wie ernsthaft macht. Zwischen den Zeilen lauern »Gedanken, die dunkle und glitschige Sprünge machen, wie kleine Frösche.« Etwa wenn sich der Erzähler mit einer attraktiven Stewardess am Toten Meer von dem Hochzeitsvorhaben seiner zum orthodoxen Judentum konvertierten Schwester erholt. Während er mit den an Selbstverleugnung grenzenden Täuschungsmanövern polnischer Juden im Zweiten Weltkrieg seine innere Ablehnung des Judentums zu erklären versucht, verschlingt der Ich-Erzähler seine attraktive Begleitung mit Blicken. Näher können sich die tödliche Vergangenheit und das Leben kaum kommen. Wann genau in diesen Texten die Fiktion die Realität über den Tisch zieht, bleibt ein Geheimnis des Erzählers, das wohl nicht einmal sein Übersetzer Luis Ruby zu lüften vermag. Und dennoch, oder genau deshalb, passt seine Übertragung aufs Vortrefflichste. Am Ende mag das Gebäude dieser Literatur, in der selbst der eigene Name nicht mehr sicher ist, aus Lügen gebaut sein. Aber man findet sich darin besser zurecht, als in der rätselhaften Gegenwart, die uns umgibt. Eine Erzählung ist eine Lüge, die nur funktioniert, wenn wir uns darauf einlassen, hieß es in Halfons Debütroman. »Signor Hoffman« beweist als Nachreichung diese These.

Juan Villoro-Das dritte Leben
Juan Villoro: Das dritte Leben. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Hanser Verlag 2016. 288 Seiten. 19,90 Euro

Das ist in den amüsanten, aber ernst gemeinten Gesellschaftssatiren »Ich verkauf dir einen Hund« von Juan Pablo Villalobos und »Das dritte Leben« von Juan Villoro nicht der Fall. Die historisch und gesellschaftlich brisanten Themen – Politik, gesellschaftliche Spaltung und Gewalt – werden von den beiden mexikanischen Autoren mit Leichtigkeit und Ironie verhandelt. Geht es in Villalobos Roman um den perfiden Terror, den ein Literaturklub auf den in der Vergangenheit schwelgenden Ich-Erzähler ausübt, handelt Villoros Husarenstück davon, wie ein gefälschtes Paradies durch den Einbruch der Realität zu einer echten Hölle verkommt. Die von Carsten Regling und Susanne Lange ins Deutsche übersetzten Romane spielen mit den unterschiedlichen Abgründen der mexikanischen Gesellschaft – hier die Tristesse von Alter und Armut, dort der Kitzel von Abenteuertourismus und Drogenmafia –, wobei die liebevoll gezeichneten Erzähler mit eingeschobenen Erinnerungen falsche Fährten in die sarkastisch erzählte Wirklichkeit legen.

Villalobos-Ich verkauf Dir einen Hund
Juan Pablo Villalobos: Ich verkauf dir einen Hund. Aus dem Spanischen von Carsten Regling. Berenberg Verlag 2016. 224 Seiten. 24 Euro

Villalobos ulkige Hundemetzgerfarce ist zudem eine Liebeserklärung an die Literatur und weist damit Parallelen zu Villoros Jugendroman »Das wilde Buch«, zur Novelle »Das Papierhaus« des Argentiniers Carlos María Domínguez oder zu den Romanen von Alan Pauls auf. Die Erzählung wechselt zwischen den Erinnerungen des Ich-Erzählers Teo und seiner Gegenwart. Der naive Erzähler träumt sich in seine Jugendjahre zurück, als der Lieblingshund seiner Mutter am Nylonstrumpf von Vaters Sekretärin zugrunde ging und seine Freundin bei Diego Riviera Modell stand. Jetzt aber nervt den in die Jahre gekommenen Teo nicht nur der hausinterne Literaturklub mit der Unterstellung, er schreibe einen eigenen Roman, sondern auch die Aktivitäten eines Tierschutzvereins schlagen ihm gehörig auf den Magen. Villalobos verbindet die Frage nach der richtigen Würze guter Tacos mit der Beseitigung von Hundekadavern und kreuzt so Adornos »Ästhetische Theorie« mit der revolutionären Kultur seiner Heimat. Dass sich zudem einige seiner Protagonisten mit Händen und Füßen dagegen wehren, als Romanfiguren abgestempelt zu werden, und der Erzähler am Ende des Buches beginnt, einen Roman zu schreiben, der wie das Buch  beginnt, dass man in den Händen hält, macht diesen Metaroman zum vergnüglichsten Buch auf dieser Liste.

Die lateinamerikanische Gegenwartsliteratur muss sich keineswegs vor der hiesigen verstecken. Im Gegenteil: sie hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Denn statt sich im magischen Realismus zu verlieren, wendet sie sich auf faszinierende Weise der Wirklichkeit Süd- und Mittelamerikas zu.