»Wir leben gegen die Zeit«

75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sind immer weniger Zeitzeugen am Leben. Wie aber glaubhaft erinnern, wenn niemand mehr aus erster Hand berichten kann? Christoph Heubner zeigt, dass die Literatur ein Weg sein kann.

Wäre Takis Würgers Machwerk über Stella Goldschlag ein Jahr später erschienen, der veritable Literaturskandal wäre wohl zu einer internationalen Krise der deutschsprachigen Literazur ausgewachsen. Denn nichts wäre fataler gewesen, wenn im 75. Jubiläumsjahr der Befreiung von Auschwitz diese historisch schludrige und literarisch kitschige Lovestory aus dem Dritten Reich das Bild der hiesigen literarischen Erinnerungsarbeit repräsentiert hätte.

Wie es besser geht, hat Nathan Englander bereits vor Jahren in seinen fulminanten Stories »Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden« beweisen. Aber auch deutschsprachige Autoren wie Katja Petrowskaja oder Maja Haderlap haben gezeigt, dass literarische Erinnerung verantwortungsbewusst betrieben werden kann. Mit Christoph Heubner beweist nun ein weiterer Autor, wie Erinnerung und Literatur zusammengehen. In dem schmalen Band »Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen« hat er drei Erzählungen versammelt, die jede für sich stehen, aber alle irgendwie in dem Ort münden, der hier nur mit A. angedeutet, aber nicht noch einmal explizit genannt wird.

Heubner ist Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees. Nachdem im vergangenen Jahr Würgers Stella-Goldschlag-Roman in der Kritik stand, trug er ein Vorwort zur Wiederauflage von Peter Wydens Erinnerungsbuch »Stella Goldschlag. Eine wahre Geschichte« bei, das er im Gegensatz zu Würgers Werk als faktenreiches Vermächtnis sieht, in dem es vor dem Hintergrund des Geschehens um ein Verstehen jenseits des Verurteilens geht.

Es geht Heubner um ein verantwortungsbewusstes Erinnern, wie er im Nachwort zu seinen Erzählungen deutlich macht. Dass diese überhaupt entstanden sind, ist dem Appell von Simone Weil zu verdanken, die Auschwitz überlebte und sich bis zu ihrem Tod 2017 dafür stark machte, dass sich kein Staub über die Toten von Auschwitz legen konnte. Die Unmengen aufgezeichneter Protokolle und Gespräche mit Holocaust-Überlebenden seien nicht ausreichend, sagte sie ihm bei eine Gespräch 2004. »Ihr müsst unsere Geschichten weiterschreiben, ihr müsst euch die Fakten und unsere Erinnerungen aneignen und künstlerische Wege finden, unseren Emotionen eure Emotionen hinzuzufügen«, so erinnert Heubner die Worte der französisch-jüdischen Intellektuellen.

Die drei Erzählungen in dem knapp einhundert Seiten umfassenden Band sind genau solche emotionale Aneignungen. Darin steigen wir in die Köpfe zweier ungarischer Juden in der Warteschlange vor den Krematorien in Auschwitz oder bekommen von einer nach Amerika ausgewanderten Jüdin geschildert, wie die Angst ewig in den Knochen steckt und das kein Hirngespinst ist. Die stärkste Erzählung aber ist die des Künstlerpaars Felix Nussbaum und Felka Platek. Sie beginnt viele Jahre vor dem Dritten Reich. In wechselnden Miniaturen beschreibt Heubner aus der Ich-Perspektive von Nussbaum und Platek ihre Kindheit und Jugend in Osnabrück und Warschau, den zunächst verdeckten und später immer offensichtlicher hervortretenden Antisemitismus, die insbesondere bei den Nussbaums existierende nationale Identifikation, den aufmerksamen Blick beider Künstler auf ihre Umwelt und ihren Weg in die schillernde Metropole Berlin, wo man »den Kopf gar nicht so schnell drehen« könne, »wie die Ohren wollen«, wie Heubner Nussbaum in den Mund legt. Während der Hass gegen die Juden in Deutschland »lauter und alltäglicher« wird, kommen sich Felix und Felka näher. Doch es bleibt ein tiefes schwarzes Loch in ihrer Mitte, das keine Liebe vertreiben kann. »Felix und ich – wir beschweigen uns. Jedes offene Wort gälte uns als Kapitulation vor unserer Angst«, notiert Felka in dieser Erzählung bereits 1930. Und dennoch malen beide weiter. Dafür fliehen sie vor den Deutschen von Stadt zu Stadt und später von Geheimatelier zu Geheimatelier. Über zehn Jahre später heißt es: »Ich stehe vor der Staffelei: Und sehe, dass der Pinsel in meiner Hand zittert. Ich zittere, weil wir ausgeliefert sind: an die Angst, an die Grausamkeit, an die Deutschen.« Zwei weitere Jahre später beschreibt sie ihr heimliches Schaffen als trotzigen Akt des Widerstands. »Wir sprechen kaum. Wir bemühen uns, nicht zu flüstern. Wir wehren uns – immer leiser werdend – gegen die Angst, wir leben gegen die Zeit.«

Christoph Heubner gelingt in seinen Erzählungen genau das, worum Simone Weil ihn bat. Er fügt den Emotionen der Überlebenden die eigenen hinzu. In der Komposition seiner authentischen Kurzprosa wird die Fassungslosigkeit und das Erschrecken deutlich, das die Opfer des Holocaust angesichts des Grauens getroffen haben muss und das uns heute in Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Bergen-Belsen oder Yad Vashem überkommt. In der Kürze und Prägnanz der Texte wird sie in all ihrer Acktheit geradezu spürbar. Die aus den Erinnerungen und Berichten zahlreicher Überlebender verdichteten Schilderungen ziehen die Leser:innen in Bann und tragen das Grauen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Als literarisches Mahnmal bleiben sie dort für die Zukunft.

»Wir nehmen alles mit von hier, es bleibt doch eingeschrieben in uns«, heißt es in einer der Erzählungen. Diese Geschichten tragen dazu bei, dass der Holocaust als Menschheitsverbrechen in unserem Gewissen eingeschrieben bleibt. Warum das wichtig ist, hat Primo Levi in dem Satz »Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen« unvergesslich deutlich gemacht.

Heubner_Hund_Cov.jpgChristoph Heubner: Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen

Steidl Verlag 2019

104 Seiten. 14,80 Euro

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