Ein funkelnder Textkristall

Biografiesuche

Mit dem Text »Vielleicht Esther« hat Katja Petrowskaja im vergangenen Jahr in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Darin hatte die in der Ukraine geborene und seit 1999 in Berlin lebende Autorin die Abgründe des Holocaust am Beispiel ihrer Urgroßmutter zu einem ebenso poetischen wie welthistorischen Kleinod der Literatur gemacht. Der gleichnamige Roman ordnet diese Geschichte in die Familienüberlieferungen ein.

Maxim Biller müsste nach der Lektüre von Katja Petrowskajas für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Erstlingsroman in Tränen des Glücks baden, denn er erfüllt all jene Anforderungen, die Biller kürzlich an – aus seiner Sicht – lesenswerte Gegenwartsliteratur gestellt hat. Vielleicht Esther wahrt die Migrantenperspektive, bringt auf beeindruckende Weise neue sprachliche Impulse aus der Herkunftssprache  der Autorin mit, spielt weder in der Uckermark noch in Frankfurt am Main und behandelt darüber hinaus – hier geht der Roman weiter, als Biller forderte – in virtuoser Manier die Schrecken des Holocaust. Man kann Maxim Billers inzwischen vielfach kritisierte und entlarvte Anspruchshaltung aber getrost beiseite legen, um von Petrowskajas Roman begeistert zu sein. Sie erzählt darin von ihren Reisen zu den Schauplätzen der an sie in Gerüchten und Erzählungen herangetragenen Familiengeschichte sowie den ständig kreisenden Gedanken und Erinnerungen an ihre Vorfahren.

Ausgangspunkt ist der Berliner Hauptbahnhof, auf dem Reisende mit dem Schriftzug »Bombardier Willkommen in Berlin« begrüßt werden. Um diesen Schriftzug erfindet Petrowskaja eine globale Werbekampagne unter dem Titel »Bombardier YourCity« – und schon ist man als Leser gedanklich mehr als sechzig Jahre zurückgesprungen in eine Zeit, in der diese Worte eine ganz andere, verheerende Bedeutung trugen. Und nun geht diese Kampagne von deutschem Boden aus… Es wird nicht das letzte Mal sein, dass die Ukrainerin ihre Lesenden sprachversiert aus dem heute in die Geschichte katapultiert.

Der Klagenfurter Textauszug war ein Konzentrat des Romans, in dem sie dem Unklaren der Erinnerung auf die Spur zu kommen versucht. Denn am Anfang ihrer Suche hat sie nicht viel mehr als ein paar Gesprächsfetzen, wenige Fotos und Briefe. Reisend und recherchierend macht sich Petrowskaja mit diesen Nichtigkeiten zwischen Berlin und Babij Jar, Google und Amazon auf die Suche nach den toten Enden ihres Familienstammbaums, nach den Gellers und Hellers, Levins, Krzewins und Sterns, deren Spuren sich in Lodz, Krakau und Kiew, Paris, Warschau und Wien verlieren. Und die sie zu einem Kristall arrangiert, bei dem jede Fläche für sich glänzt und dennoch stets im Zusammenhang mit allem steht.

Der Name Petrowskaja taucht erst im Laufe des 20. Jahrhunderts im Familienbuch auf. Er wurde vom Großvater der Autorin im Untergrund angenommen und nicht wieder abgelegt, weil sein Bruder Judas Stern in ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat Fritz von Twardowski 1932 verwickelt war. Petrowskaja zeichnet den Schauprozess gegen den Großonkel anhand der offiziellen Akten nach, um dort auf »unseren Familienstil« zu stoßen, bei dem der Witz wichtiger ist als eine richtige Antwort: »Ein Jude, der ein Attentat auf einen deutschen Diplomaten verübt, wäre Goebbels und seiner Propaganda  wie gerufen gekommen, die perfekte Kreatur. Hätte es Stern nicht gegeben, er hätte ihn sich erschaffen müssen, als einen bolschewistischen Golem.«

Petrowskaja spannt in Vielleicht Esther über die Abgründe der europäischen Geschichte erzählerische Brücken, die die Attribute wortgewaltig, weltliterarisch und moralphilosophisch verdienen. Ihre Erzählung führt sie mithilfe dieser vom Subjektiven zum Objektiven, vom Familiären zum Grundsätzlichen über. Zu diesem Grundsätzlichen gehören auch der Umgang und die Aufarbeitung der Vernichtung des europäischen Judentums. Sind dieser Verwandte und seine Tat Symptom oder Auslöser der Katastrophe in den Folgejahren, steht ihre vom Holocaust auseinandergerissene Familie viel stärker im Zentrum dieses Abgrunds? Was in der Wirklichkeit eine rhetorische Frage sein muss, kann im Roman eine Aussage als Antwort erhalten, weil das Familienschicksal zu dem des europäischen Judentums zugespitzt werden kann. »Er schießt in die Dunkelheit, und Jahre später schießt die Dunkelheit zurück.«

Darin besteht die bestechende Kraft dieses großen Romans, der einzig Bachmann-Juror Paul Jandl schon im letzten Sommer nicht erliegen wollte. »Darf ein Autor auf diese Art und Weise Biografie erfinden?«, fragte Jandl nach Petrowskajas Vortrag, die im präsentierten Kapitel »Vielleicht Esther« die mögliche Geschichte ihrer namenlosen Urgroßmutter (vielleicht Esther?) nacherzählte. Diese war vor dem Einmarsch der Deutschen nicht mit ihrer Familie aus Kiew geflohen, sondern blieb. Als die Deutschen allen Juden befohlen, sich auf den Weg nach Babij Jar zu machen, kam sie dem nach – Schritt für Schritt, »wie die Schildkröte aus den Aporien von Zenon«. Um noch auf der Straße erschossen zu werden. Jandls Problem war die Anmaßung, das zu erfinden (»die erfundene erschossene Großmutter«). Mitjurorin Meike Feßmann sprang der Autorin bei: »Wenn es erfunden ist, ist es Anmaßung, meinen Sie?« Wenn man dieses denken konsequent zu Ende führe, dürften sich künftig nur jene dem Thema annehmen, die in der »Todesstatistik der Literatur« auftauchten.

Doch Petrowskaja ist eine, die auf der »Überlebensstatistik« auftaucht, und deshalb diese Geschichten – Vielleicht Esther ist kein Roman – schreiben kann: »Wenn mein Großvater diesen fragwürdigen Fikus nicht von der Ladefläche heruntergenommen hätte, hätte der neunjährige Junge, der später mein Vater wurde, keinen Platz in der Arche des Lastwagens bekommen, wäre er nicht auf der Liste der Überlebenden gelandet, würde ich nicht existieren.« Die Handlung des Großvaters sichert das Überleben des Vaters und damit die Möglichkeit des Daseins der Autorin. Oder anders herum gedacht: Hätte der Großvater nicht agiert – »in der Logik der damaligen Ereignisse hätte auch dies normal sein können« – wäre die Existenz der Autorin mindestens fraglich und damit auch die Möglichkeit dieser famosen Erinnerungs- und Suchgeschichte. »Man verliert eine einzige Karte, und schon kann man nicht mehr weiterspielen«, heißt es auf der erzählerischen und erzähllogischen Ebene.

Auf der psychologischen Ebene verbindet Katja Petrowskaja ihre Sprachaneignung des Deutschen mit dem historischen Erbe ihrer jüdischen Familie. Einer der Ausgangspunkte ist dabei ihr Urgroßvater Ojzel Krzewin, der sich als Lehrer um taubstumme Waisenkinder kümmerte. Seine Fürsorge gegenüber den Verlassensten hat er tief ins familiäre Gewissen gepflanzt. Die Erzählerin Petrowskaja liest aus diesem »Familienschicksal« zugleich Bedeutung und Auftrag für ihre Recherche: »Ich begab mich ins Deutsche, als würde der Kampf gegen die Stummheit weitergehen, denn Deutsch, nemeckij, ist im Russischen die Sprache der Stummen, die Deutschen sind für uns die Stummen, nemoj nemec, der Deutsche kann doch gar nicht sprechen. Dieses Deutsch war mir eine Wünschelrute auf der Suche nach den Meiningen, die jahrhundertelang taubstummen Kindern das Sprechen beigebracht hatten, als müsste ich das stumme Deutsch lernen, um sprechen zu können, und dieser Wunsch war mir unerklärlich.«

So verfolgt die Autorin neben der unzuverlässigen Familienspur auch die Fährten des Vergessens und der Aufarbeitung. In dem Versuch, zu verstehen und nicht zu vergessen, fragt und sucht sie nach Zeugen, Dokumenten und Belegen, und stößt dabei auf die Erkenntnis, dass eine Bequemlichkeit im Umgang mit der Geschichte existiert, die offensiv beschwiegen wird. Gegen diese Bequemlichkeit schreibt Katja Petrowskaja mit den Geschichten ihrer Suche nach den Stimmen der eigenen Ahnen an. Wie viele dieser Stimmen fiktiv und wie viele tatsächlich zu Petrowskaja gesprochen haben ist, spielt keine Rolle, denn die Geschichten, die diese Stimmen erzählen, sind unbestreitbar.

42404Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Suhrkamp Verlag 2014

285 Seiten. 19,95 Euro.

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2 Gedanken zu “Ein funkelnder Textkristall

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