Essay, Geschichte, Gesellschaft, Politik, Sachbuch

Bilanz eines bösartigen Narzissten

Amerika steht vor den Wahlen und das ist nicht nur wegen Corona eine besondere Situation. Eine Wiederwahl von Donald Trump scheint keineswegs ausgeschlossen. Dabei hat kein Präsident vor ihm mit Klientelpolitik, Beleidigungen und Lügen so stark zur Spaltung der amerikanischen Gesellschaft beigetragen wie Donald Trump. Zahlreiche Sachbücher zeigen, wohin diese fatale Politik führt.

Wie tief der Riss durch Familien, Nachbarschaften und Communities geht, veranschaulicht der Bildband »Divided We Stand«, über den hier kürzlich berichtet wurde. Darin befinden sich die Porträts dutzender Amerikaner, ein überaus diverses Bild. Dem Bildband gelingt medial, was gesellschaftlich derzeit unmöglich scheint: Er bringt Menschen zusammen, die momentan wie Kriegsfeinde gegenüberstehen. Eine zweite Amtszeit des amtierenden Präsidenten wird diese Situation nur verschlimmern.

Sven Lindhorst-Emme: Overtrump. Kerber Verlag 2020. 128 Seiten. 12,95 Euro. Hier bestellen

Warum das der Fall ist, belegt eindrucksvoll das schmale Büchlein »Overtrump« des in Berlin lebenden Kommunikationsdesigner Sven Lindhorst-Emme. Es ist schon fast poetisch, wie die deutsche Übersetzung des Titels »Übertrumpfen« dem amtierenden Präsidenten entspricht, der alles größer, schöner und besser gemacht haben will als all seine Vorgänger. Wenngleich das natürlich für den namen selbst auch gilt. Unter »trump« finden sich im Wörterbuch Übersetzungen wie erdichten und erschwindeln. Die Trump-Zitate, die Lindhorst-Emme aus Interviews, TV-Shows und – natürlich – Twitter zusammengestellt hat, reichen von 1984 bis in den Sommer 2020 und bilden eine Art Psychogramm des mächtigsten Mannes der Welt.

Als Trump 1990 über seine Luxusimmobilien sprach, räumte er ein, dass er kaum Zeit in ihnen verbringe. »For me, you see, the important thing is the getting… not the having.« Das bekommen ist für ihn also wichtiger, als das haben. Das gilt wohl auch für eine zweite Amtszeit, um die er kämpft. Was er mit ihr vorhat, weiß so richtig niemand.

Immer mehr sind hingegen überzeugt, dass es bei einer Wahlniederlage nicht zu einer friedlichen und demokratischen Machtübergabe kommt. Viel zu intensiv bastelt Trump seit Monaten an seiner Verschwörungstheorie, die Demokraten würde die Briefwahl manipulieren. Das ist aber bei weitem nicht die einzige Verschwörung, mit der Trump seine Politik begründet, wie die Essays in Eliot Weinberges »Neulich in Amerika« zeigen.

Der New Yorker Autor, der eigentlich als Übersetzer von Octavio Paz und anderen lateinamerikanischen Autoren bekannt ist, hat sich seit den 2000er Jahren aber auch einen Ruf als hervorragender Essayist erarbeitet. Sein 2005 (und nun in diesem Band erneut) veröffentlichter Text »Was ich hörte vom Irak« ist grundlegend für seine Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen, in denen er lebt. Darin rekonstruierte er in über 250 zusammengetragenen Schnipseln die Kontinuität der moralischen Verkommenheit der amerikanischen Irakpolitik.

Eliot Weinberger: Neulich in Amerika. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender, Eike Schönfeld und Peter Torberg. Berenberg Verlag 2020. 267 Seiten. 16,- Euro. Hier bestellen

Die Form, die an Langgedichte wie T.S. Eliots »The Waste Land« erinnert, zieht sich in Variationen durch all seine Texte und macht sie genau deshalb lesenswert. In der Zusammenstellung der Fakten trifft er eine Auswahl, was relevant und was nicht relevant ist. Die Deutung der Fakten überlässt er seinen Leser:innen. Und man könnte sagen, dass es ihm auch in diesem Band darum geht, nicht einfach nur einen Politiker und dessen Entscheidungen zu dämonisieren, sondern eine Linie der Verkommenheit zu zeichnen. Deshalb enthält dieser Band nicht nur Texte aus der Trump-Ära, sondern umfasst gesammelte Blumen des Bösen aus den Amtszeiten von George W. Bush und Donald Trump.

Das Phänomen Trump, so lernen wir daraus, hat nicht nur eine Vorgeschichte, sondern ist ein Zeichen für den Zustand der gesamten US-Gesellschaft. »Der Präsident ist eine lächelnde Stoffpuppe, umgeben von erfahrenen und intelligenten Militärs, Industriellen und christlichen Fundamentalisten, die zusammen mit einer republikanischen Mehrheit im Kongress und ohne Gericht, dass sie aufhalten könnte, im Prinzip tun und lassen können, was sie wollen«, heißt es da etwa. Dass der Auszug aus dem Januar 2001 ist, könnte man leicht übersehen.

Es werden auch andere erschreckende Parallelen sichtbar, etwa wenn man Weinbergers Prosagedicht »Die Republikaner« aus dem August 2004 mit dem Text »Wen sie hätten nehmen können…« vom Juli 2016 vergleicht. Die zehn Essays zeigen, dass die amerikanische Misere schon länger andauert als vier Jahre und Trumps rassistische, homophobe und frauenfeindliche Politik keineswegs eine Ausnahme darstellt.

Stephan Bierling: America First. Donald Trump im Weissen Haus. Verlag C.H.Beck 2020. 271 Seiten. 16,95 Euro. Hier bestellen

Wer eine nüchterne und auf Trumps Amtsjahre beschränkte Analyse wünscht, ist bei Stephan Bierling und dessen Bilanz »America First« ideal aufgehoben. Seine überaus lesbare Zusammenfassung zeigt in 15 Kapiteln die Resultate dieser Präsidentschaft. Dabei konzentriert sich Bierling – abgesehen vom einleitenden Kapitel zu Donald Trump als Immobilieninvestor, Fernsehstar und »Bankrotteur« – auf das politische Wirken des »TV- und Twitter-Präsidenten«, wie er ihn nennt.

Bierlings Bilanz fällt negativ aus, egal ob er auf die zahlreichen Entlassungen selbst engster Mitarbeiter, die politische Agenda oder den Führungsstil blickt, den Trump national wie international für sich in Anspruch genommen hat. Er hat das westlichen Lager gespalten, ist mit Russland entgegen der außenpolitischen Linie ein enges Verhältnis eingegangen, hat im Nahen Osten mehr Feuer gelegt, als er mit den aktuellen Annäherungen zwischen Israel und einigen arabischen Handelspartner löschen kann und die US-Asiatischen Beziehungen über die Maße belastet. Innenpolitisch hat er Kulturkriege angezettelt, klientelistische Steuerpolitik betrieben und sich als Opfer von politischen Kampagnen inszeniert.

Wie aber konnte er sich dennoch halten? Indem er seine Anhängerschaft wie ein Messias hinter sich gesammelt und die republikanische Partei zu einer Trump-Partei umgestaltet. Weil er durch Tweets und politische Provokationen den öffentlichen Diskurs und die politische Debatte wie kein zweiter dominiert hat. Und weil er seine Führungs- und Charakterschwäche zum Programm – gegen Expertentum, gegen die Wissenschaft, gegen eine faktenbasierte Politik – erhoben hat.

Elmar Thevessen: Die Zerstörung Amerikas. Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert. Piper Verlag 2020. 320 Seiten. 22,00 Euro. Hier bestellen

Es ist ein Programm gegen den angeblichen Mainstream, wie die Journalisten Elmar Thevessen einerseits sowie Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby in ihren Büchern deutlich machen. Demnach kann man statt von Mainstream auch von einem politischen Konsens sprechen, den Trump pulverisiert hat. Thevessen spricht gar von eine »Zerstörung Amerikas« die Trump vorgenommen habe. Der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in den USA geht in seiner Bilanz der Frage nach, wie die Politik des »bösartigen Narzissten« Trump nachhaltige Schäden verursacht hat.

Die Umstände, denen die Journalisten auf den Grund gehen, gleichen natürlich Bierlings Analyse. Dennoch lohnt sich die Lektüre, denn sie zeigen die Gefahr, die sich aus dieser Politik des bewussten Machtmissbrauchs ergibt, auf. In Thevessens Augen stehen die USA bei dieser Wahl vor der grundsätzlichen Frage, ob sie sich für demokratische Prinzipien oder eine systemzerstörende, menschenverachtende One-Man-Show entscheiden. »Es geht darum, dass demokratische Prinzipien wichtiger sind als eine Partei oder eine Person. Es geht darum, dass politisch Andersdenkende keine Feinde sind, sondern gleichberechtigte Teilnehmer in einem Wettbewerb der Ideen auf der Suche nach echten Lösungen für die Herausforderungen der modernen Welt. Es geht um einen prinzipiengeleiteten Konservatismus zum Wohl aller Menschen.«

Klaus Brinkbäumer, Stephan Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe. Verlag C.H.Beck 2020. 391 Seiten. 22,95 Euro. Hier bestellen

Dies bestätigen Brinkbäumer und Lamby in ihrem Buch »Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe«. Sie haben ein Jahr lang in den USA recherchiert und dabei beobachtet, wie ein demokratisches System durch permanente Unterhöhlung mehr und mehr in sich zusammenbricht. Sie zeichnen das Bild eines organisierten Staatszerfalls, der von einem Präsidenten (und seiner ergebenen Entourage) betrieben wird, der davon am meisten profitiert. Denn er selbst wäre der erste, der, einmal abgewählt, die Instrumente einer funktionierenden Demokratie zu spüren bekommen würde.

»Im Wahn« zeigt anhand anhand der Untersuchung des tobenden Medienkriegs, des von Trump geförderten Gewaltregimes gegen Schwarze und der darauf folgenden Proteste, der innerparteilichen Grabenkämpfe und Trumps Politikstil, wie die stabilste Demokratie der Welt durch Trumps Kampagnen schwere Schäden davongetragen hat und wie diese fatale Präsidentschaft dazu beigetragen hat, dass uralte Risse wieder aufgebrochen sind und ein zutiefst gespaltenes Land hinterlassen haben.

Die zwei politischen Lager stehen sich nahezu unversöhnlich gegenüber. Geht es nach der amerikanischen Historikerin Jill Lepore, dann brauchen die USA ein neues Verständnis von Nationalismus. Das ist überraschend, hat man doch den Eindruck, dass es angesichts von Trumps »America First«-Motto nicht an nationalistischen Tönen fehlt. Allerdings sterbe der Nationalismus nicht ab, wenn man ihn in die Schmuddelecke dränge. Ganz im Gegenteil, »stattdessen verschlingt er den Liberalismus«, und genau das gelte es nun zu verhindern.

Jill Lepore: Dieses Amerika. Manifest für eine bessere Nation. Aus dem Englischen von Werner Roller. Verlag C.H.Beck 2020. 158 Seiten. 14,95 Euro. Hier bestellen

Lepore, an der politische Denker seit ihrer fulminanten US-Historie »Diese Wahrheiten« nicht mehr vorbeikommen, zeichnet in ihrem schmalen Buch die komplizierte amerikanische Nationwerdung nach und zeigt auf, warum es nun zur Last wird, dass die USA ein Staat waren, bevor sie eine Nation wurden. Dabei legt sie auf die Analysen von Web Du Bois, Martin Luther King und James Baldwin mehr Wert als auf die schon dutzende Male vorgekauten Ansichten weißer Historiker wie etwa Eric Hobsbawm. Das ist keinesfalls naiv, sondern zeigt, dass Lepore eine Anhängerin einer gegenwartsbezogenen Geschichtsforschung ist.

In ihrem Manifest für eine bessere Nation plädiert sie dafür, dass die Liberalen den Begriff des Nationalismus zurückerobern, um den Liberalismus als solchen in den USA zu retten. Der neue Amerikanismus, den sie von Demokraten und Linken fordert, ermöglicht eine stolze Identifikation mit der »liberalen Nation«, »der jeder Mensch angehört, der ihre bürgerschaftlichen Ideale teilt«. Denn »ob Nationen liberal bleiben können, hängt von der Wiedergewinnung eines vielfältigen Verständnisses dessen ab, was es bedeutet, einer Nation anzugehören und eine Nation sogar zu lieben, den Ort, die Menschen und die Idee selbst.«

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