Während außerhalb der Kinosäle auf der Berlinale rege über die politische Leisetreterei der Festivalleitung in Sachen Gaza diskutiert wird, laufen im Programm einige Filme mit Bezug zum Nahostkonflikt. Es lohnt sich, diese unabhängig von der Debatte zu beleuchten.
Es tobt eine Debatte um die Berlinale und ihre Haltung zum Gaza-Krieg. Wortmeldungen, Pressestatements bilden dabei nur einen Teil der Argumente ab, der andere Teil schlägt sich im Programm nieder. Von den insgesamt 278 Filmen setzen sich eine Handvoll mehr oder weniger direkt mit dem Nahostkonflikt auseinander. Das entspricht ungefähr auch den Bemühungen um Abbildung der filmischen Verarbeitung des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine bei der Berlinale 2023.
Eine eher subtile Auseinandersetzung mit dem Gaza-Krieg findet in Ilker Çataks um den Goldenen und die Silbernen Bären konkurrierendem Drama »Gelbe Briefe« statt. Dort wird vordergründig die Geschichte eines türkischen Künstlerpaares erzählt, das vor dem Hintergrund von Antikriegsprotesten ins Visier des Staates gerät. Der Film ist in Berlin gedreht, spielt aber in dreister Behauptung in der Türkei – ein genialer Schachzug.
Denn das gibt dem deutsch-türkischen Regisseur die Möglichkeit, einen politisch-assoziativen Denkraum aufzumachen. Çatak nutzt die pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin, um darüber nachzudenken, wie sich auch hierzulande die Räume für die freie Meinungsäußerung, für Kunst und Regierungskritik verengen. Man muss nicht mit dem Finger in die Türkei zeigen, macht er deutlich, um das Abgleiten einer Gesellschaft in polarisierte Lager und staatliche Repressionen zu beobachten.
Nicht minder subtil geht Angela Schanelec in ihrem Film »Mein Frau weint…« vor. In der Schlusssequenz läuft in einem Pausenraum ein Livestream aus Gaza. Dabei wird die Stille immer wieder vom übertragenen Bombenlärm aus Nahost unterbrochen. Hier das Leben, dort der Tod – in dieser aufs Notwendige reduzierten Miniatur erzählt Schanelec von der unerträglichen Gleichzeitigkeit der Welt und der Schwierigkeit, dafür Worte zu finden.
Direktere Verarbeitungen des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern finden sich außerhalb des Wettbewerbs.
Chronicles From the Siege

Der völlig geschwächte Arafat irrt durch die Ruinen einer Stadt unter Beschuss. Auf dem Boden findet er einen Zigarettenstummel, ein Schatz in diesen Verhältnissen. Eigentlich müsste er dringend etwas Essen, aber bei der Ausgabe der wenigen Nahrungsmittel, die in der Stadt noch zu bekommen sind, wurde ihm der ergatterte Beutel Brot aus der Hand gerissen. So muss nun der Qualm der Zigarette seinen leeren Magen wärmen, während um ihn herum der Krieg tobt.
In einer Zeit vor der Besetzung hat der ausgehungerte Arafat einmal eine Videothek besessen. Die ist schon lange geplündert, ein paar DVDs stehen noch in den Regalen. Alles andere ist geklaut oder im Feuer gelandet, wie ein paar Kinobegeisterte aus der Nachbarschaft feststellen, als sie bei einem Angriff in den Räumen Zuflucht finden. Länger als gewollt müssen sie bei eisigen Temperaturen in dem Laden ausharren und bald selbst dazu beitragen, dass von dieser Videothek nach dem Krieg nichts übrig bleibt. Damit steht das Schicksal der Videothek für das dieser Stadt, die permanenten Bombardement ausgeliefert in Schutt und Asche liegt.

Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der 2021 auf der Berlinale seinen Dokumentarfilm »Little Palestine – Diary of a Siege« vorstellte, ist nun mit dem Kriegsdrama »Chronicles From the Siege« im Festival vertreten. Darin verarbeitet er nicht nur die Geschichten, die er in seiner Dokumentation gesammelt hat, sondern auch die Situation in Gaza seit dem Einmarsch der israelischen Truppen. Die Fiktion macht den Zugang zum Thema emotionaler und psychologisch tiefer; und damit auch direkter im Zugang.
Die Dreharbeiten haben in Jordanien, Algerien und Frankreich stattgefunden, dem ganzen Team sei es wichtig gewesen, die Besatzung der Palästinenser »in ihrer ganzen Realität darzustellen«, erklärte der in Deutschland lebende Filmemacher im Berlinale Talents Talk »Filming Under Siege«. Dass der Nachwuchs ein Panel mit einem jungen Regisseur bekam, dessen Film deutlich Position zum Krieg gegen die Zivilbevölkerung bezieht, spricht zumindest erst einmal gegen den allgemeinen Vorwurf, dass die Berlinale Meinungen von Filmschaffenden unterdrücke.

Im Mittelpunkt seines Films stehen ein gutes Dutzend Menschen, deren Leben der Krieg auf den Kopf gestellt hat und die einfach nur versuchen, da irgendwie lebend rauszukommen. Da ist die Gruppe junger Studenten, die durch die Brutalität des Krieges auseinandergerissen wird. Ein Mann, der seine schwer verletzte und schwangere Frau in die nächste Klinik bringt. Eine junge Ärztin, die im Einsatz die Hölle auf Erden erlebt.
Alkhatibs Anliegen ist kein politisches, sondern ein zutiefst menschliches. Er zeigt, wie unter extremen Bedingungen gesellschaftliche Verabredungen ihren Wert verlieren und lässt keinen Zweifel daran, dass das moralische Versagen bei denen liegt, die diese Situation herbeigeführt haben. Gaza findet erst im Abspann eine Erwähnung, der Film könnte aber auch in jedem anderen bewaffneten Konflikt spielen. Eindrucksvoll macht er deutlich, dass die Belagerung einer Zivilbevölkerung ein Angriff auf die Menschlichkeit ist.
Effondrement

In jedem Sinn etwas mehr Abstand nimmt die israelische Filmemacherin Anat Even in ihrem nachdenklichen Dokumentarfilm »Effondrement« ein. Für ihren Film ist sie in den Kibbuz Nir Oz zurückgekommen, wo sie einige Jahre gelebt und Freunde gefunden hat. Einige davon sind beim terroristischen Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 ermordet worden. Was ist dieser Ort noch, jetzt, wo jene, mit denen er für die Filmemacherin verbunden war, nicht mehr am Leben sind? Was bleibt von der linken Kibbuz-Bewegung noch übrige, da die Siedlungen zu einer Pilgerstätte für Angehörige und Neugierige geworden sind und die Felder als Rückzugs-, Sammlungs- und Angriffsraum der israelischen Armee im Gaza-Krieg dienen? Und wie als politisch bewusster Mensch vom Süden Israels über eine Katastrophe sprechen, die sich in Blickweite ereignet, aber Lichtjahre entfernt ist, wie es im Kommentar aus dem Off zu Beginn des Films heißt. Es sind diese und andere Fragen, denen Anat Even in ihrem Filmessay nachgeht.
Monatelang ist sie jeden Tag durch das israelische Grenzgebiet zu Gaza gestreift, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich wofür genau filmt. Ihre Kamera fängt den Blick über die Grenze in das Kriegsgebiet unter Beschuss ein, zeigt Bombenexplosionen und Raketeneinschläge. Auf israelischer Seite filmt sie die von Panzern und Bulldozern zerwühlten Felder, über denen verwirrte Vögel panisch kreisen. Sie sucht mit der Kamera Halt an den Überresten der vom Terror der Hamas zerrissenen Gemeinden und hält die politische Instrumentalisierung der Ereignisse des 7. Oktober durch das Netanyahu-Regime sowie das gesellschaftliche Phänomen des Katastrophentourismus am Rande einer Todeszone fest. »Hier das Museum der Trauer, dort die Vernichtung«, wie es im Film lakonisch heißt. Und nicht zuletzt bezeugt sie die als Happenings inszenierten Mobilisierungsaktionen der radikalen Siedler, die im Schatten der Kriegszone bereits von der ethnischen Vertreibung der Palästinenser träumen und die Übernahme des Gazastreifens planen.
Ihre Aufnahmen hat sie lange Zeit einem Freund namens Ariel nach Paris geschickt, mit dem sie sich im Dialog an die Wahrheit hinter den Bildern herantastet. Aus der Distanz macht dieser Freund die Filmemacherin immer wieder darauf aufmerksam, was ihrem Blick entgeht. Aussagen wie »Der Sieg, den man uns schmackhaft machen will, soll das Vergehen, die Scham und den Moment des Desaströsen verbergen« klingen nach und machen auf die gesellschaftspsychologischen Prozesse aufmerksam, die in Israel so viele wegsehen lassen. Der Dämon der Geschichte, der von der Leine gelassen wurde, ernährt sich konstant vom Horror, der sich am 7. Oktober zugetragen hat. Der Gefechtslärm lege den Rachedurst über die Trauer und umgekehrt, wie Even aus dem Off kommentiert.
»Effondrement« erzählt in nachdenklichen Einstellungen von den Erschütterungen des Krieges in der gesamten Region – »from the river to the sea«, wenn man so will.
Where to?

In dem Berlin-Film »Where to?« des israelischen Regisseurs Assaf Machnes wird der räumliche Abstand zum Gazakrieg ein deutliches Stück größer. Im Mittelpunkt steht der in Berlin lebende Palästinenser Hassan, der mit seinem Taxi durch die Berliner Nacht fährt und das Partyvolk von A nach B bringt. Während er gegenüber seinen Fahrgästen recht tolerant ist, tut er sich bei seiner erwachsenen Tochter Juman schwer, sich nicht in ihr Leben einzumischen. Als eines Abends der junge Amir aus Israel mit seinem Freund ins Taxi steigt, geraten Hassans Annahmen und Sicherheiten ins Wanken.
Die Erzählung erstreckt sich über einen Zeitraum von zwei Jahren, in den auch der 7. Oktober und der anschließende Gaza-Krieg fällt. Amir wird dabei mehrmals in Hassans Taxi steigen und aus der befremdlichen ersten Begegnung entwickelt sich ein Verhältnis, das die Männer über Sprachbarrieren und den Nahostkonflikt hinweg mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. Denn beide kommen aus Galiläa im Norden Israels. Hassans Familie ist im Zuge der Nakba 1948 nach Dschenin geflohen, er selbst Ende der Neunziger der Liebe wegen nach Berlin gezogen. Nichts desto trotz sehnt er sich nach Galiläa zurück und ist umso verwunderter, dass Amir, der dort problemlos leben könnte, nichts in seiner Heimat hält. Aus der Verwunderung erwächst eine Sorge, die das Verhältnis zwischen Hassan und Amir stärkt.

Die titelgebende Frage »Where to?« bezieht sich auch auf die Frage nach dem »Wohin?« mit dem Taxi. Aber in Zeiten von Uber ist das oft obsolet. Deshalb muss man sie weiter fassen und im Sinne von »Wohin mit uns in dieser Welt?« auslegen. Das wirkt auf den ersten Blick bleischwer, ist aber mit Gespür für die feinen Zwischentöne in genau beobachteten Momenten eingefangen. Bei aller Sensibilität gönnt Machnes seinen Figuren aber auch eine Prise (schwarzen) Humor, etwa wenn Hassan israelische Touristen durch Berlin fährt, während sein Cousin am Telefon über den Dschihad scherzt.
In »Where to?« werden keine Stellvertreterdebatten geführt, eine politische Alibi-Funktion kann man dem Film nicht zum Vorwurf machen. Stattdessen kreist er um Fragen des menschlichen Miteinanders und wird damit relevant. Denn dass sich ein Israeli und ein Palästinenser begegnen, ohne explizit über den Konflikt zu sprechen, ist bereits eine Ansage. Es gibt ein Miteinander jenseits nationaler, ethnischer und sozialer Grenzen. Was aber auch die Menschen mitschleppen, ist ein Bewusstsein für die Dinge und ihre historische Entstehung.
Zugleich hält der Film auch keine einfachen Lösungen vor, sondern lässt die Widersprüche und Differenzen nebeneinander stehen. »I like you Amir«, gesteht Hassan, als er den jungen Mann nach dem 7. Oktober zum Flughafen fährt, weil er im Krieg bei seiner Mutter sein will. »And this is a problem for me!«
Who Killed Alex Odeh?

Den größten räumlichen, aber auch zeitlichen Abstand zum Gaza-Krieg nimmt die Dokumentation »Who Killed Alex Odeh?« der beiden amerikanischen Filmemacher Jason Osder und William Lafi Youmans ein. Darin gehen sie dem gewaltsamen Tod des amerikanischen Palästinensers Alex Odeh auf den Grund, der 1985 bei einem Bombenanschlag auf das kalifornische Büro des American-Arab Anti-Discrimination Committee ums Leben kam. Zwar wurden damals drei Tatverdächtige ermittelt, doch auf Drängen des US-Bundesstaatsanwalts und des FBI nahm die Polizei keine Festnahmen vor.
Der Dokumentarfilm rollt diesen Fall neu auf und recherchiert den drei ermittelten Tatverdächtigen hinterher, die in den Akten Israel Fuchs, Robert Manning und Andy Green genannt werden. Bei allen dreien präsentiert der Film ausreichend Belege, die ihre aktive Verwicklung in die Ermordung von Alex Odeh nahelegen. Fuchs lebt sogar noch in den USA. könnte als leicht angeklagt werden, Manning und Green in Israel, hier bräuchte es die Unterstützung eines Auslieferungsersuchs durch Israel. Doch nichts wird unternommen. Als offener Fall befindet sich das Verfahren seit Jahren in einem Schwebezustand. Er wird zwar nicht geschlossen, aber es wird eben auch nicht weiter ermittelt. Für Odehs Familie ist die Tatsache, dass die Mörder weiter frei herumlaufen, unerträglich.
Zumal es delikate Bezüge zur Gegenwart gibt. Fuchs, Manning und Green standen zum Tatzeitpunkt in engem Kontakt zu dem ultraorthodoxen Rabbiner und späteren Politiker Meir Kahane, der in seinen Predigten die Palästinenser mit einem Krebsgeschwür verglich, dass entfernt werden müsse. Kahanes Jünger stecken hinter zahlreichen Anschlägen und Massakern, unter anderem auf die Ibrahimi-Moschee in Hebron, bei der 29 Menschen getötet wurden, sowie auf Israels Premierminister Yitzhak Rabin, was zum faktischen Scheitern der Oslo-Verträge geführt hat.
Aus dem Umfeld von Meir Kahane und seinen Anhängern sind auch die Ultranationalisten um den rechtsextremen Politiker Itamar Ben Gvir, der im Kabinett Netanyahu als Minister für Nationale Sicherheit aktiv war. Lehrer und Ideengeber von Ben Gvir ist der Anwalt und rechtsideologische Aktivist Baruch Ben Yosef, der den Recherchen des Filmteams zufolge 1985 unter dem Namen Andy Green in den USA gelebt hat. Ist also vielleicht einer der führenden Köpfe der radikalen jüdischen Siedlerbewegung in einen Mord in den USA verwickelt? Das Filmteam konfrontierte Baruch Ben Yosef vor der Kamera mit diesem Verdacht. Der brach daraufhin das Gespräch sofort ab. Wochen später folgten einschüchternde Anwaltsschreiben.
Jason Osder und William Lafi Youmans nehme für sich nicht in Anspruch, die Täter zweifelsfrei ermittelt zu haben. Das ist letztlich auch nicht ihre Aufgabe. Aber sie liefern einige stichhaltige Beweise, die die Verwicklung der drei Genannten in den Mord an einem US-Bürger nahelegen. Und sie fragen, warum die Behörden mit viel durchdringenderen Mitteln nicht herausfinden wollen, was sie als Filmemacher und Journalisten allein mit Zugang zu öffentlichen Quelle recherchieren konnten.
Denn wo kein Kläger, da kein Richter. Und solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen sind, fehlt die Grundlage für eine Klage. Es gibt also entweder Menschen in den Behörden, die kein Interesse an der Wahrheit haben und die Mörder von Alex Odeh schützen wollen. Oder es könnte Bewegung in einen Fall kommen, der für einen Cold Case viel zu heiß ist. Angesichts der politischen Allianzen unter Rechtsextremen ist jedoch nicht zu erwarten, dass sich in den USA jemand daran die Finger verbrennen will.
Die mutmaßlichen Mörder von Alex Odeh genießen derweil weiterhin ein Leben in Freiheit, in dem sie ihre rassistische Ideologie weiter streuen und eine ganze Region in Flammen setzen.
Fazit
Die politische Haltung eines Festivals und/oder seiner Leitung ist das Eine, die Haltung der Filme, die gezeigt werden, das Andere. Und dieses Andere macht zumindest deutlich, dass der Gaza-Krieg im Kino weder totgeschwiegen noch unterdrückt, sondern in unterschiedlichen Formen, aber stets mit einer humanistischen Haltung auf der Leinwand diskutiert wird.

