Der deutsche Anglist Manfred Pfister ermöglicht mit seinem Prachtband »Englische Renaissance« etwas selten gewordenes: einen Raum zum Selberdenken. Auf 480 verspielt gesetzten Seiten führt er eindrucksvoll und facettenreich vor Augen, wie die britische Nationwerdung, die Reiseliteratur, der Religionsstreit und der Kolonialismus, wie Wissenschaft, Kriege, Buchdruck und (Bühnen)Kunst, wie der Blick auf die Frau, auf Arbeitswelten, Gesundheit und Klassenlagen die englische Renaissance geprägt haben.
Es gibt Bücher, die man liest. Und es gibt Bücher, die sich ihren Leser*innen geradezu zumuten. »Englische Renaissance« von Manfred Pfister gehört eindeutig zur zweiten Kategorie: der Band ist eine Zumutung – und das ist ausdrücklich nicht als Kritik gemeint. Schon rein haptisch ist dieser Band ein Großereignis: Leinen, Gewicht, ein klarer Mehrfarbdruck, zahlreiche Abbildungen, die hervorragend reproduziert sind. Ein Prachtband, zweifellos – aber einer, der zudem eine inhaltliche Fülle bietet, die alles andere als dekorativ ist. Sie ist fordernd und mutet sich den Lesenden zu.
Diese Zumutung zeigt sich bereits im Aufbau. Der Band umfasst 27 Kapitel, die jeweils mit einem einführenden Kurzessay beginnen und dann in eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl von Primärquellen übergehen. Pfister rahmt, kontextualisiert – und zieht sich dann zurück. Er lässt die Texte im besten Sinne für sich selbst sprechen. Viele davon sind von ihm selbst übersetzt, andere von renommierten Wissenschaftler*innen, wie von Ina Schabert, Andreas Mahler und weiteren. Dabei fällt auf, dass Pfister weder priorisiert noch hierarchisiert. Er gibt keine Lesart vor, sondern stellt die Texte in ihrer Unterschiedlich- und Widersprüchlichkeit nebeneinander und überlässt deren Wirkung und das darüber Nachdenken den Lesenden.

Thematisch entfaltet sich dabei eine beeindruckende Bandbreite. Manche dieser Themen mögen den ein oder anderen Lesenden überraschen, nicht zuletzt, weil sie immer wieder an die Gegenwart erinnern. So liest man zum Beispiel über »Dialoge mit und um Europa«, vom »englischen Sonderweg« (und nein, damit ist nicht der Brexit gemeint), von »Alternativen Welten«, »Arbeitswelten« oder »Psychologie«, um hier nur eine kleine Auswahl zu nennen. Natürlich sind in diesen 27 Kapiteln die kanonischen Stimmen und Texte, beispielsweise von William Shakespeare, Ben Jonson, John Milton oder John Donne zu finden. Aber ganz gleichwertig daneben stehen dann Texte der Hebamme Jane Sharp, der Schriftstellerin Margaret Cavendish oder des Melancholie-Gelehrten Robert Burton (um auch hier nur einen Bruchteil zu nennen). Sie vervollständigen, verändern und verrücken die kanonisierte Erzählung über die englische Renaissance.
Wie vielschichtig Pfisters Verständnis der englischen Renaissance ist, wird schon an der Papierbanderole des Umschlags deutlich. Sie zeigt den Ausschnitt einer mehrteiligen Tapisserie (1495-1505) über die Jagd auf ein Einhorn. Das Einhorn wird auf diesem Ausschnitt zentral und (noch) unversehrt dargestellt. Eingebettet in einen locus amoenus – einen lieblichen Naturraum, in dem traditionell wilde und zahme Tiere Seite an Seite leben – repräsentiert diese Darstellung des Einhorns (das als Enblem verwendet eine Christusikonographie ist) mindestens zwei wichtige Gemeinplätze der frühen Neuzeit, die auch in der englischen Renaissance wirksam sind. Zum einen das Einhorn selbst, das in der englischen Renaissance zugleich mythisches Wesen – an dessen Existenz noch geglaubt wird – und wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand ist. Zum anderen die stilisierte Darstellung des paradiesischen Gartens, der immer auf ein bereits verlorenes goldenes Zeitalter verweist. Es sind emblematische Darstellungen, die in der Literatur und Kultur der frühen Neuzeit eine zentrale Rolle eingenommen haben und die einen wichtigen Teil des kulturellen Wissens der Zeit gehörten.

Wie wirkmächtig diese Bilder bis heute nachwirken, zeigt sich vielleicht auch an der im Januar dieses Jahres zu Ende gegangen Ausstellung »Das Einhorn« im Potsdamer Museum Barberini: eine Schau über Mythos, Wissen und Faszination dieses Wesens. Wer dieses Motiv weiter verfolgen möchte, findet in dem Band »Das Einhorn. Geschichte einer Faszination« von Bernd Roling und Julia Weitbrecht eine kulturhistorische Einordnung, die unter anderem genau diese Tapisserie und ihre Bedeutungen ausführlich, klug und kurzweilig analysiert.

Pfisters Umschlag ist in diesem Sinne hoch selbstreferenziell, nutzt er doch das kulturelle Wissen der Zeit, um ihre vielschichtigen Eigenschaften in ihren Widersprüchlichkeiten und ihrem Nebeneinander zu umreißen. Pfisters eigene Texteinlassungen und seine Textauswahl erzählen die englische Renaissance nicht als Epoche mit klarer Dramaturgie, etwa als Aufbruchsgeschichte oder Blütezeit. Es gibt hier kein klares und geschlossenes Narrativ, wie die frühe Neuzeit Englands gewesen sei. Stattdessen begegnet man einer Gleichzeitigkeit des Antagonistischen, Diskrepanten und Paradoxen: Aberglauben neben Rationalität, mythologisches Denken neben wissenschaftlicher Neuordnung, religiöse Ideologisierung neben epistemischer Verunsicherung.
Dabei vermeidet er das, was viele zeitgenössische Sachbücher auszeichnet: die Ökonomisierung von Wissen. Es gibt hier keine »lessons learned«, keine impliziten Handlungsanweisungen, keine moralische Instrumentalisierung von Geschichte. Texte, Bilder, Diskurse und kulturelle Praktiken stehen nebeneinander – und bleiben zunächst genau das: nebeneinander. Man muss sich selbst ein Bild machen dessen, was die Texte zu erzählen haben, anlaufen, vergleichen, ins Stocken geraten, aushalten und wieder neu ansetzen. Das Buch sagt an keiner Stelle, was man denken soll. Ja nicht einmal, wie man sich ihm nähern oder es lesen soll. Es mutet sich einfach nur seinen Leser*innen zu.
Pfisters »Englische Renaissance« ist damit kein typisches Überblickswerk. Es ist ein Lesebuch im besten Sinne, das die eigene Urteilskraft einübt, ohne sie anzuleiten. Hier nimmt ein Autor sein Lesepublikum ernst – vielleicht mehr, als man es gewohnt ist. Dieses Opus Magnum ist eine auf 480 prall gefüllte Seiten ausgedehnte Denkschule, die Pfister seinen Leser*innen nicht nur zumutet, sondern auch zutraut. Die Komplexität und Fülle nicht scheut, sondern ausstellt.
Man kann diesen Band als schönes Lesebuch zur englischen Renaissance nutzen, sich festlesen und verweilen. Man kann ihn aber auch anders lesen: als Einladung, Widersprüchlichkeit auszuhalten, ohne sie vorschnell zu nivellieren. In einer Zeit, in der Wissen oft auf Verwertbarkeit hin zugerichtet wird, ist das nicht nur eine klare, sondern auch lohnende Zumutung.

