Der Zeichner als Reporter

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Ähnlich ist auch Paula Bulling vorgegangen, die in ihrem Comicdebüt Im Land der Frühaufsteher die grafische Blaupause für eine Beschreibung der deutschen Asylverhältnisse geliefert hat, die aktuell so emotional diskutiert werden. Für diese Arbeit ist die Kommunikationsdesignerin in verschiedene Asylbewerberheime in Sachsen Anhalt gereist und hat mit denen gesprochen, die dort leben und darauf warten, dass über ihren Asylantrag entschieden wird. Eindrucksvoll erzählt sie von den Erfahrungen der Isolation und Tristesse der Schutzsuchenden, von Rassismus und Ausgrenzung vor Ort.

Die Gegenprobe zu Bullings Arbeit ist Reinhard Kleists 20-seitige Comicreportage Kawergorsk – 5 Sterne, für die er im Auftrag von Arte in ein syrisches Flüchtlingslager im Nordirak gereist ist. Dort hat er mit Flüchtlingen gesprochen (Auszüge davon finden sich in seiner Reportage) und für syrische Flüchtlingskinder einen Comicworkshop organisiert. Einige Bilder, die dabei entstanden sind, hat er in seine Reportage eingebunden. Darin dokumentieren sie ihren Alltag im Flüchtlingslager, verarbeiten aber auch ihre Erinnerungen an den Krieg. »Ich frage mich, was der Junge schon alles gesehen hat«, sehen wir den Zeichner in seiner Reportage denken. »Aber besser, es ist auf dem Papier, als dass es im Kopf bleibt.«

KawergoskAus dem Kopf aufs Papier bringen, das war auch der Ansatz, den Emmanuel Guibert verfolgte und der hinter seinen außergewöhnlichen Doku-Comics steckt. Das besondere an Guiberts Arbeiten ist die Zusammenführung von Fotografie und Zeichnung, die ihm im Falle seiner dreibändigen Afghanistan-Reportage Der Fotograf den Globe de Cristal eingebracht hat, eine Auszeichnung, über deren Vergabe seit zehn Jahren 15.000 französische Journalisten abstimmen. Gemeinsam mit dem Fotografen Didier Lefèvre und dem Künstler Frédéric Lemercier erzählt Guibert in dem Comic, das seit Juli 2015 auch als Sammelband vorliegt, von einem Einsatz der Organisation Ärzte ohne Grenzen, die 1986 unter extremen Bedingungen in dem Land aktiv war. Mit Lemercier und dem Fotografen Alain Keler unternahm Guibert Reisen zu den Roma, der gleichnamige Band ist eines der wenigen Dokumente, der eine solche Begegnung mit Mitgliedern dieser Minderheit unvoreingenommen festhält.

Auch der Franzose Philippe Squarzoni hat in seinen Comics Fotografie und Zeichnung zu einer einzigartigen Melange zusammengeführt. Der in Deutschland bislang noch vollkommen unentdeckte Zeichner aus Lyon hat in einem eindrucksvollen Doppelalbum die Geschichte eines vergessenen mexikanischen Dorfes erzählt, das in Kriegszeiten Zapata und in Friedenszeiten Garduno genannt wurde. Sein Album Torture Blanche ist ein Zeugnis der israelischen Besetzung des Westjordanlandes, in Saison Brune führt er die Folgen des Klimawandels und mögliche Gegenstrategien nebeneinander.

Im Randbereich zwischen Comicreportage und Alltagsverarbeitung bewegen sich Guy Delisles Tagebücher aus Pjöngjang, Shenzen oder Jerusalem, Manu Larcenents bewegende Dokumentation des Niedergangs der französischen Industrie Mein alltäglicher Kampf oder Ed Piskors fiktive und überaus lesenswerte Hacker-Biografie Wizzywig.

Comicjournalismus

Titelansichten der hier besprochenen Comicreportagen

Das verbindende Element ist die Recherche vor Ort, das Wesensmerkmal des Comicjournalismus, das in Zeiten des Agenturjournalismus zum Standortvorteil wird. In Frankreich hat sich neben der Satirezeitschrift »Charlie Hebdo« mit »La Revue Dessinée« ein Fachmagazin ausschließlich für Comicreportagen gegründet, in dem renommierte Zeichner wie James, Manuele Fior, Étienne Davodeau, Pascal Rabaté oder Pierre Christin wirken dort mit. Angesichts des weiterhin unsicheren Status der Neunten Kunst in Deutschland ist ein solches Magazin hierzulande noch undenkbar. Solange muss man auf Onlinequellen wie www.cartoonmovement.com, die nach eigenen Worten weltweit wichtigste Plattform für politische Cartoons und Comicjournalismus zurückgreifen.

Tageszeitungen haben aber längst die Chancen erkannt. Nachdem kein Geringerer als Art Spiegelman auf Bitten der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit hin die Ereignisse des 11. September 2011 reflektierte – seine Zeichnungen erschienen als Zeitungsseiten unter dem Titel Im Schatten keiner Türme – brachte das Blatt Ende 2011 seine Wirtschaftsredaktion mit den Illustratoren Miriam Migliazzi und Mart Klein zusammen, um fünf Jahre Finanzkrise auf mehreren Seiten als Superknall in Comicform noch einmal aufzurollen. Wenngleich die Nähe zum Genre der Sachcomics, bei denen nicht immer ein Erkenntnisgewinn eintritt, hier besonders nah ist.

Die Wochenzeitung der freitag verfolgt in seinem Alltags-Buch ein ähnliches Konzept, dort greifen verschiedene Zeichner gesellschaftspolitische oder historische Fragen auf und verarbeiten sie als Strips. Ob mit dem Comicjournalismus das fast vergessene Genre der Zeitungsstrips dauerhaft eine zweite Chance erhält, bleibt abzuwarten.

Comic2615Eine kürzere Version dieses Beitrags erschien bereits im Stadtmagazin tip Berlin.