Ein zeichnender Reporter

Joe-Sacco_2_credit_Thomas-Hummitzsch_WEB

Joe Sacco reist seit Jahren in die Krisenherde der Welt, um als Comicjournalist vom Schicksal der Menschen zu berichten. Mit »Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme« hat er ein historisches Panorama vorgelegt, das die Materialschlacht sichtbar macht und zeigt, wie sich das Individuum in der Masse auflöst.

Es war eine groteske Situation, mit der die Besucher des Schlosses in Erlangen Mitte Juni 2014 konfrontiert waren. Wenn sie, vom Schlossplatz kommend, das barocke Bauwerk betreten wollten, mussten sie zuvor an einem überdimensionalen Leporello vorbeigehen, das während des diesjährigen Comicsalons vor der Westfassade des Schlosses aufgestellt war. Auf zwei Meter Höhe und siebzig Meter Breite zeigte es detailreich die Kriegsereignisse am 1. Juli 1916: Soldaten, die fröhlich in den Kampf ziehen, die im Granat- und Kugelhagel fallen und in Massengräbern verscharrt werden. Der 1. Juli 1916 ist der Auftakt der Schlacht an der Somme, die mit über einer Million getöteten, vermissten und verwundeten Soldaten die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs war. Von den 120.000 britischen Soldaten, die am 1. Juli 1916 die Schlacht an der Somme eröffneten, fielen in den ersten 24 Stunden 60.000 Soldaten dem deutschen Sperrfeuer zum Opfer. Entsprechend ist der Anblick, der sich dem Betrachter bietet, einer des Grauens.

Verantwortlich für dieses erzählende Kriegsgemälde ist der in Malta geborene und in Australien sowie den USA aufgewachsene »Comicjournalist« Joe Sacco. Vor über fünfzehn Jahren hatte ihn ein Freund angesprochen und gefragt, ob er nicht die Westfront in einem breiten Panoramabild zeichnen wolle. Damals schien ihm das Vorhaben zu statisch. Jahre später kam er auf die Idee, den ersten Tag der Schlacht an der Somme zu zeichnen, weil dieser Tag den Ersten Weltkrieg zusammenfasse. Die entstandene Bildgeschichte wurde im Juni in Erlangen in zehnfacher Vergrößerung präsentiert. Als sieben Meter langes und zwanzig Zentimeter hohes Leporello ist das Original unter dem Titel Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme im Züricher Verlag Edition Moderne erschienen.

Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass sich Sacco, der für seine journalistischen Reportagen aus dem Nahen Osten oder dem zerbombten Ex-Jugoslawien bekannt ist, dem historischen Thema »Erster Weltkrieg« widmet. Ein Blick auf sein fast ausschließlich in schwarz-weiß gehaltenes Gesamtwerk (»Ich weiß nicht, wie man Farben benutzt.«) lässt aber eine Linie erkennen. Als Sacco nach seinem Journalistikstudium keinen passenden Job fand, ging er 1983 nach Malta zurück und begann, Liebesgeschichten zu zeichnen. Wenige Jahre später ging er zum renommierten Comicverlag Fantagraphics Books in Los Angeles und arbeitete am Comics Journal mit.

Sacco Installation Erlangen 1

Picture 1 of 12

Joe Sacco

Anfang der 1990er Jahre war Sacco mehrere Monate in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten. Die Geschichten, die ihm dort begegneten, hat er in seinem viel gelobten Comicalbum Palästina versammelt, mit dem er den American Book Award gewonnen hat. Anschließend reiste er als Comicjournalist durch die Welt, etwa in die bosnische Enklave Goražde, wo er das bittere Leben der Menschen in der zerbombten Stadt dokumentierte. Für seinen daraus resultierenden Comic Bosnien erhielt er einen der renommierten Eisner Awards. In den folgenden Jahren reiste er für kleinere Aufträge in verschiedene Weltregionen, um von dort Comicreportagen mitzubringen. In Inguschetien hielt er die Situation der tschetschenischen Flüchtlinge fest, aus Indien schickte er eine erschütternde Geschichte über die Situation der »Unberührbaren«, in seiner Heimat Malta dokumentierte er die Situation der afrikanischen Flüchtlinge. Er flog 2005 und 2006 sogar als »embedded journalist« in den Irak, um über den Militäreinsatz der alliierten Truppen zu berichten.

Sacco ist der weltweit einzige Zeichner, der auch für sich beansprucht, Journalist zu sein. Kein Wunder also, dass er das Attentat auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo und deren zeichnende Journalisten nicht unkommentiert gelassen hat. »Immer wenn wir eine Linie zeichnen überschreiten wir auch eine«, schreibt er in seinem lesenswerten und nachdenklichen Minicomic zur Debatte um die Meinungsfreiheit. Als Anhänger der subjektiven und authentischen Berichterstattung setzt er sich in seinen Berichten auch immer wieder selbst in Szene. Dass er dabei Position bezieht, ist für ihn Teil seiner journalistischen Verantwortung. Reporter sollten »neutral und ohne Vorurteile auf der Seite der Leidenden stehen«, schreibt er in einem »Manifest« zum Comicjournalismus, der im die genannten Geschichten versammelnden Band Reportagen abgedruckt ist. Ein Beleg dafür ist auch der 2011 erschienene Band Days of Destruction, Days of Revolt, in dem er gemeinsam mit Pulitzerpreisträger Chris Hedges über die Armut in den USA berichtet. Einige Journalisten kritisieren Saccos Arbeiten als parteiisch, doch ihm ist das egal: »Was die Menschen, die ich gezeichnet habe, von dem Ganzen halten, ist mir wichtiger als jede kritische Besprechung.«

Immer wieder kehrte Sacco in den vergangenen fünfzehn Jahren in den Nahen Osten zurück. Anlass war vor allem die Recherche für den Band Gaza, in dem mit Zeit- und Augenzeugenberichten zwei Massaker rekonstruiert, die die israelische Armee an der palästinensischen Bevölkerung während der Suez-Krise verübt haben soll. 2009 erschien der opulente historische Comicband, in dem er diese Geschichte aufarbeitete und sie der damaligen Situation im Gazastreifen gegenüberstellte. Sacco bewies damit endgültig, dass man die Legitimität von Comics als ernstzunehmendes journalistisches Medium nicht abstreiten kann. In Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme zeigt er sich nun gleichermaßen als historisch versierter Analytiker.

Als Vorbild für seinen Bilderbogen diente Sacco der Teppich von Bayeux, der auf knapp sieben Metern Länge die Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer zeigt. Allerdings hat Sacco der »sequenziellen Erzählung« die Sequenz entzogen, indem er die Ereignisse an der Westfront nicht in Einzelszenen, sondern in einem durchgehenden Gesamtpanorama erzählt. Es habe einfach keinen guten Platz zum Anhalten und Luft holen gegeben, sagt Sacco. »Wie die Soldaten muss man immer weitergehen, und weiter und weiter.«

Entsprechend ist sein Werk alles andere als eine Momentaufnahme. Sie bildet die Ereignisse des ersten Kriegstages in einer an einem fiktiven Raum ausgerichteten Chronologie ab. Seine Bildgeschichte basiert auf einem zeiträumlichen Kontinuum, das nicht nur von den Linien hinter der Front über die Schützengräben und das Schlachtfeld bis in die Massengräber führt, sondern auch der zeitliche Abfolge vom 30. Juni bis zum 1. Juli 1914 folgt. Der Comic erinnert in dieser Komposition an Alexander Sokurows Film Russian Ark, in dem ein anonymer Erzähler durch den Winterpalast in St. Petersburg und dreihundert Jahre russische Geschichte läuft. Sacco weitet dabei den Blick auf das gesamte Geschehen, indem er es aus der Vogelperspektive zeichnet. So sieht man nicht nur die Ereignisse im Vordergrund, sondern auch in der Entfernung.