Der Zeichner als Reporter

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Mit dem Aufschwung der Neunten Kunst ist ein totgeglaubtes Subgenre wiederbelebt worden, dass den herkömmlichen Journalismus herausfordert. Gemeint ist der »Comic Journalism«, der meist in Form der visuellen Reportage daherkommt. Wenn »Zeichner als Reporter« aktiv sind, kann viel passieren, wie ein Blick auf verschiedene Arbeiten zeigt.

Es war schon eine kleine Sensation, die sich beim Deutschen Reporterpreis 2015 Anfang Dezember zugetragen hat. Denn den alljährlich von Journalisten für Journalisten vergebenen Preis haben mit David Schraven und Jan Feindt zwei Comicautoren gewonnen. Prämiert wurden sie für ihre gezeichnete Neonazi-Studie Weiße Wölfe (hier als Webcomic zu lesen), die »dramaturgisch perfekt erzählt und meisterhaft gezeichnet« sei und »wegweisend zeige, auf wie vielen Kanälen man eine gute Geschichte erzählen könne«, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Das Genre des »Comic Journalism« hat seine Wurzeln in Strips und Cartoons des 19. Jahrhunderts, als die Tagespresse die Neunte Kunst für sich entdeckte. Seit einigen Jahren erlebt das Genre ein einzigartiges Revival, das im Wesentlichen auf den Comickünstler Joe Sacco zurückzuführen ist. Sacco ist der Pionier des Genres, das Cartoonmuseum in Basel widmet ihm noch bis April 2016 eine Retrospektive.

Weisse-WölfeSeit Anfang der 1990er Jahre zieht es den auf Malta geborenen, in Australien groß gewordenen und in den USA lebenden Kosmopoliten, der als einziger Comickünstler für sich in Anspruch nimmt, Journalist zu sein, an die Krisenherde dieser Welt, um dort nach der von Hunter S. Thompson geprägten Methode des New Journalism herauszufinden, »was in einer bestimmten Situation wirklich geschah«, wie er im Interview zum überaus lesenswerten, weil das Subgenre mit dem Nachwuchs in visuell-essayistischer Form ergründenden Begleitband Zeichner als Reporter erklärt.

Dieser versammelt dreiundzwanzig Beiträge von Studierenden der Hochschule Luzern, die sich im Rahmen des Studienganges Illustration mit so genannten Visual Essays auseinandergesetzt haben. Die auf Zeitungspapier gedruckten Bild- und Textbeiträge ergründen das Genre vielfältig und regen das Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen der bildhaften Berichterstattung an, nicht nur thematisch oder stilistisch, sondern auch konzeptuell, etwa indem sie das Gezeichnete und Gesagte eng zusammenführen oder so weit wie möglich voneinander entfernen. Als eine Art Vorwort befindet sich in dem Band auch eine Analyse von Saccos Werk sowie ein Interview, in dem der Comic Journalist über die besonderen Herausforderungen des Genres und seine eigenen Ansprüche Auskunft gibt.

Joe Sacco berichtete seinen preisgekrönten Werken aus Bosnien, Palästina und Gaza. Es sind jeweils voluminöse Ergründungen, in denen er die Verhältnisse zum Zeitpunkt seiner Recherchen mit prägenden gesellschaftsgeschichtlichen Ereignissen zusammenführt. Der 2013 erschienene Reportagen-Band versammelte gezeichnete journalistische Essays über die Lebensverhältnisse der tschetschenischen Flüchtlinge in Inguschetien (siehe Titelbild) oder die Situation der afrikanischen Boat-People auf Malta. Vor wenigen Wochen ist der Band Sarajevo erschienen, der drei frühe Erzählungen Saccos aus der bosnischen Hauptstadt kurz nach Kriegsende 1995 erzählt. Die Berichte des großspurigen Kriegsveteranen und Mittlers Neven (»Der Fixer«), des depressiven Fronthelfers »Soba« sowie des draufgängerischen Radiojournalisten Kasey (»Weihnachten mit Karadzic«) bilden die Kristalle dieses grafischen Kaleidoskops, durch das Sacco die bosnische Wirklichkeit anno 1995 spiegelt und beweist, dass es keinen Ersatz zur Vor-Ort-Recherche gibt.

Zeichner-als-ReporterDie ständige Selbstinszenierung in situ ist Teil seines journalistischen Konzepts, dient als Beleg für die Authentizität seiner Erzählung und Dokumentation seiner Vorgehensweise. Diese zeichnet aus, dass Sacco nicht nur oft Fragen stellt, für die Tagesjournalisten keine Zeit haben, sondern vor allem, dass er länger zuhört, als die schreibenden Kollegen von AFP oder DPA. Auf diese Weise wühlt er in historischen Wunden, lässt das schwärende Sekret aus ihnen hervordringen, um den Stoff zu bekommen, mit dem er die meist verschwiegenen Parallelgeschichten erzählen kann. Reporter sollten »ohne Vorurteile auf der Seite der Leidenden stehen«, definiert er seinen Arbeitsethos in einem »Manifest« zum Comicjournalismus, der im Reportagen-Band gedruckt ist.

Umso weniger wird es seine Fans überraschen, wenn im Januar sein satirischer Underground-Comic BUMF erscheint, in dem er in radikal-satirischen Bildern erklärt, wie formidabel sich Barack Obamas Außenpolitik in die seiner Vorgänger einreiht. Zuletzt hatte Sacco mit gigantischen Panorama der Schlacht an der Somme im Ersten Weltkrieg eine historische Arbeit vorgelegt (hier gehts zu unserem damaligen Porträt mit Joe Sacco). Im Schweizer Tages Anzeiger erschien im September eine exklusive Comicreportage von Joe Sacco über das Fracking.