Im dunklen Wald der Trauer

Totem-Titel-2

In satten Farben und krachenden Kontrasten erzählt das Comic-Duo Wouters-Ross eine nervenaufreibende und fantasievolle Geschichte von Trauer und Selbstheilung.

Der belgische Zeichner und Szenarist Nicolas Wouters und der deutsche Zeichner Mikael Ross haben sich in Belgiens Hauptstadt Brüssel gefunden, konkret in der dortigen Hochschule für Bande Dessinée ESA Saint-Luc. Dort stellten sie fest, dass sie beide ein Faible für Punk und Undergroundkulturen haben. Das sieht man auch ihrem ersten Gemeinschaftswerk, dem Comic Lauter Leben an. Darin erzählen sie die Geschichte der beiden Jugendfreunde Martin und Thomas, deren Leben sich stark auseinanderentwickelt haben und die sich nach Jahren plötzlich wieder gegenüber stehen. Die komplette Erzählung ist in eine nervenaufreibende Düsternis getaucht, hat aber auch ihre stillen, berührenden Momente.

Mit totem legen Wouters und Ross nun ihre zweite Gemeinschaftsarbeit vor, ein Coming-of-Age-Meisterwerk der Sonderklasse. In satten Farben und krachenden Kontrasten wird eine gleichermaßen fantasievolle wie bewegende Geschichte von Verlust und Selbstheilung erzählt. Zu Beginn sehen wir auf einer Einzelseite einen kleinen Jungen auf einem Operationstisch liegen. Das grelle Weiß des Papiers, das das Bild umgibt, wirkt wie das OP-Licht. Ein Kinderspiel, wie sich nach dem Umblättern herausstellen wird, bei dem der ältere Louis zum Retter seines kleinen Bruders Thomas wird. Doch als das kindlich-naive Spiel vorbei sein soll, bleibt Thomas leblos am Boden liegen.

Wieder eine Seite weiter stapft Louis im orangenen Regencape durch einen verregneten Wald, neben ihm ein paar seiner Altersgenossen. Sie alle schauen mürrisch drein, so richtig Spaß scheinen sie in dem verregneten Sommercamp der Pfadfinder nicht zu haben. Die Gruppe, in der sich Louis wiederfindet, ist ein prototypisches Abbild von Heranwachsenden, die zwischen kein-Kind-mehr und noch-nicht-Erwachen schweben und für jegliche (Selbst)Kontrolle kaum zugänglich sind. Die Großen und Starken machen sich eine Spaß, die Hänflinge und die Adipösen in ihren Reihen zu triezen, die Alteingesessenen drücken den Neulingen ihre Initiationsrituale auf, es wird mit Alkohol und Rauchwaren experimentiert und die mehr oder weniger konkreten Gelüste verlangen nach Erfüllung. Entsprechend ereignisreich vergehen die Tage, es gibt Kraft- und Mutproben, und mit Rotfink eine junge Camp-Verantwortliche, die so manche fixe Hoffnung nährt und für wilde Gerüchte sorgt.

Als nach der sprichwörtlichen Feuertaufe der Neuen das Camp niederbrennt, scheint das Ferienlager an seinem Ende. Doch einige der Kids schlagen sich ins Unterholz, Wouters und Ross nutzen dies, um hier ihrer Geschichte eine fantastische Wende zu geben. Denn Louis sieht im Wald immer wieder einen Leopard. Ist es das seltsame Wesen, von dem ihm sein Bruder am Telefon erzählt hat? Oder doch eher das dem örtlichen Zoo entlaufene Raubtier? Und wieso wird Louis seinem Totem, dass ihm bei seiner Feuertaufe zugeteilt wurde, immer ähnlicher? Antworten auf diese Fragen gibt es nicht, aber das deutsch-belgische Duo entführt die Leser in ein dunkles Wunderland, in dem Schmerz, Wut und Verlust ihren Tribut fordern.

totem ist eine überwältigende Allegorie, die sich der Mythen- und Märchenwelt bedient, um – wie schon Brecht Evens – uns in den Kopf eines verletzten Kindes schauen zu lassen. Auch hier ist es eine Raubkatze, die Gefahr und Trost in einem darstellt und die das symbolisiert, was wir Erwachsenen längst durch Aufklärung und Rationalität in den Bereich der Verklärung verdrängt haben. Trost, lernen wir hier, hat wenig mit Begreifen zu tun, aber viel mit (Mit)Gefühl.

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cover_totem_500_webNicolas Wouters, Mikael Ross: totem

Aus dem Niederländischen von Claudia Sandberg

avant-verlag 2016.

128 Seiten. 29,95 Euro

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