Die Berliner Schriftstellerin Katerina Poladjan hat mit ihrem Roman »Goldstrand« den Preis der Leipziger Buchmesse für den besten literarischen Titel gewonnen. Das Buch »Balkan-Odyssee. 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« der Münchener Historikerin Marie-Janine Calic wurde als bestes Sachbuch ausgezeichnet. Der Österreicher Manfred Gmeiner erhielt für seine Übertragung von Gustavo Faverón Patriaus Roman »Unten leben« den Preis für die beste Übersetzung.
Der italienische Regisseur Eli liegt auf der Couch und blickt auf sein Leben zurück. »Wer bin ich? Was bin ich geworden?«, diese Fragen treiben ihn um. Sein Nachdenken führt ihn in seine Filmografie, aber auch in die zerrüttete Geschichte seiner Familie, die die Erzählung an die Strände des Schwarzen Meeres legt. Dort sucht der vor den Bolschewiken geflohene Lew nach seiner Tochter Vera, während sein Sohn die Erholungsräume der sozialistischen Arbeiterklasse baut. Herauszufinden, was das mit Eli zu tun hat, traue Poladjan ihren Leser:innen selbst zu.
Sie erzähle von dem »durchaus ästhetisch grundierten Verhältnis zur Vergangenheit eines Mannes, der in einer bröckelnden Villa aus den Zwanzigerjahren lebt und durch das ewige Rom läuft, der zu keinem Menschen gehört und sich immer tiefer in seine eigene Welt verstrickt«. Das sei tragisch, aber »Poladjans federleichtes Erzählen, ihre staunenswerte, vollkommen unangestrengte Sprache« nehme es mit dieser Disposition nicht nur auf, sie zeige »souverän die Brüche zwischen dieser Perspektive und Elis Umgebung, ohne ihn dabei vorzuführen«, wie es in der Jurybegründung heißt.
Katerina Poladjan hatte im Herbst 2025 den Großen Preis der Literaturhäuser gewonnen, ihr Roman »Goldstrand« war zur Irritation vieler Experten nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihn hatte die Leipziger Jury, zu der der Autor dieses Textes gehört, neben Anja Kampmanns feministischem Hamburg-Roman »Die Wut ist ein heller Stern«, Elli Unruhs kasachischer Mennoniten-Erzählung »Fische im Trüben«, Norbert Gstreins Mitläuferroman »Im ersten Licht« sowie Helene Bukowskis Künstlerinnen-Roman »Wer möchte nicht am Leben bleiben« für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Poladjan folgt auf Kristine Bilkau, die im vergangenen Jahr mit ihrem Roman »Halbinsel« den Preis gewann.

Für die beste Übersetzung wurde der Österreicher Manfred Gmeiner ausgezeichnet. Er hat den peruanischen Roman »Unten leben« von Gustavo Faverón Patriau aus dem Spanischen ins Deutsche übertragen. Der Roman erzählt mit unzähligen literarischen und cineastischen Verweisen die Geschichte eines Mannes namens George Walker Bennet, der durch diese Geschichte überbordender Gewalt sowohl als Opfer als auch als Täter irrt.
Das »mit Wirklichkeit und Wahn, Witz und Wagemut jonglierende Verwirrspiel« habe Manfred Gmeiner »mitreißend ins Deutsche übertragen«, wie es in der Begründung der Jury heißt. »Seine atmosphärisch dichte Fassung hat – all der eingebauten Falltüren und erzählerischen Seitenbewegungen zum Trotz – ein hohes Tempo und entwickelt einen unwiderstehlichen Sog.«
Gmeiner beweise sich »als souveräner Architekt eines Textgebäudes, das mit verwinkelten Gängen und gegeneinander laufenden Zeitlinien ganz eigene Gesetzmäßigkeiten aufstellt. Die Syntax seiner Fassung folgt konsequent der erzählerischen Abwärtsbewegung. Das auslösende Moment der in sich verschachtelten Satzkaskaden verliert er dabei niemals aus den Augen. Das Skurrile und das Groteske dieser düsteren Fiktion macht er dabei ebenso greifbar wie die grausame Wirklichkeit hinter dem opaken Text.«
Gmeiner folgt auf den Leipziger Thomas Weiler, der im vergangenen Jahr für seine Übersetzung des Sachbuchs »Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten« von Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik aus dem Belarussischen. Neben Gmeiner waren die Übersetzer:innen Timéa Tanko, Petra Zickmann, Tina Flecken und Ulrich Faure nominiert.

Als bestes Sachbuch wurde Marie-Janine Calics dramatische Fluchtgeschichte der »Balkan-Odyssee« ausgezeichnet. Die in München lehrende Historikerin erzähle »neue Geschichten vom alten Schrecken, wie Menschen zermahlen werden«. Dabei gelinge es ihr, viele Biografien bekannter und unbekannter Personen zu rekonstruieren und zum Leben zu erwecken.
Calic fülle »einen weitgehend weißen Fleck auf der historischen Landkarte des Exils mit Leben« – mit Blick auf die Einzelschicksale, aber auch mit Bewusstsein für die politische Weltlage. Indem man verfolge, »wie Menschen um ihre nackte Existenz kämpfen, während in Sitzungssälen und Hinterzimmern über ihre Überlebenschance debattiert, verhandelt und mit einer Mischung aus Kalkül und Gleichmut entschieden wird« erinnere »Balkan-Odyssee« auch an die Gegenwart.
Marie-Janine Calic folgt auf Irina Rasorguevas facettenreiche »Pop-up-Propaganda: Epikrise der russischen Selbstvergiftung«, das im vergangenen Jahr den Preis gewann. Neben Calic waren auch die österreichische Comiczeichnerin Ulli Lust, der Journalist Jan Jekal, der Anglist Manfred Pfister und die Publizistin Ines Geipel nominiert.
Am Mittwochabend wurde die Leipziger Buchmesse traditionell mit der Verleihung des Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung im Gewandhaus eröffnet. Geehrt wurde der kroatisch-bosnische Schriftsteller Miljenko Jergović, er erhielt den Preis für seinen Erzählungsband »Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered«. Jergović appellierte in seiner Dankesrede an die Europäische Vielfalt.
»Europa ist kein definiertes, eindeutig abgegrenztes Territorium. Europa ist die Vielzahl der Welten, die sich der Vielzahl seiner Sprachen verdankt. Europa dehnt sich innerhalb, nicht außerhalb seiner selbst aus, Europa ist keine Besatzungsmacht, und es ist nicht kolonialistisch«, betonte der Jergović in seiner Rede. In der machte er auch deutlich, dass die größte Bedrohung nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen komme. »Der markanteste Gegner Europas würde den Kontinent liebend gern vernichten, aber er träumt gleichzeitig vom Friedensnobelpreis.«










Der Abend stand auch unter dem Eindruck der fatalen Entscheidung des Bundeskulturministers Wolfgang Weimer, der nach der Beschädigung der Berlinale erst drei Buchhandlungen aufgrund bis heute nicht näher erläuterter »verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse« vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen hat und dann auch die dringend notwendige und bereits geplante Erweiterung der Deutschen Nationalbibliothek aufs Eis gelegt. Beides sorgt in der Branche für Empörung, die betroffenen Buchläden »Zur schwankenden Weltkugel« aus Berlin, »The Golden Shop« aus Bremen und »Rote Zora« aus Göttingen haben Klage eingereicht.
Im Gewandhaus bekam Weimer die Empörung der Branche zu spüren. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nahm kein Blatt vor den Mund. Er sei stolz auf die von ihm vertretene Branche, weil sie Zusammenhalt lebe und »weil wir Ihren autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren«.
Weimers inhaltlich und rhetorisch schwache Rede war von Rücktrittsforderungen, lauten Buh- und Zwischenrufen sowie von hochgehaltenen Roten Karten begleitet. Er stellte in Aussicht, den Buchhandlungspreis gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Kurt-Wolff-Stiftung sowie anderen Akteuren neu aufzustellen. Seine anderen Termine auf der Leipziger Buchmesse hat Weimer abgesagt.

