Die in Österreich aufgewachsene Comiczeichnerin UIIi Lust stellt In Ihrer preisgekrönten Comic-Erzählung »Die Frau als Mensch« die Geschichte der Eiszeitmenschen in ein neues, magisches Licht. Nachdem der erste Band mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde, ist der die Geschichte abschließende Teil nun für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Hier spricht Uli Lust über dieses lang gewachsene Projekt.
Ulli, Du interessierst Dich in Deinem Werk immer wieder für die Frau als Mensch – oft auch autobiografisch. In »Die Frau als Mensch« geht es nun konkret um weibliche Kunst in der Eiszeit, die dem Narrativ widerspricht, dass die Kunstgeschichte männlich geprägt ist. Wie genau kam es zu dem Comic, der der männlich dominierten Kunstgeschichte ein neues, weibliches Kapitel voranstellt?
Man könnte sagen, ich betreibe seit 58 Jahren Feldforschung aus der weiblichen Perspektive. Vor rund 30 Jahren hat mich ein Buch »Sedna oder die Liebe zum Leben« des Ethnologen Hans Peter Duerr zu einer kleinen Comicserie inspiriert, seither recherchiere ich zur Frühgeschichte, lese Bücher, besuche archäologisch relevante Orte, soweit es möglich ist, und halte mich über neue Funde auf dem Laufenden.
Die kurzen autobiographischen Passagen im Comic erzählen nicht davon, sie zeigen ein paar pointierte Momente aus dem Leben einer zeitgenössischen Frau, die allgemein über die Motivation des Buches aufklären sollen. Im Detail gehe ich schon seit vielen Jahren in Museen und besuche archäologisch relevante Orte. Die vage Idee, einen Comic zum Thema zu zeichnen, gibt es schon sehr lange. Mittlerweile gab es einige Paradigmenwechsel in der Frühgeschichtsforschung, es schien ein guter Zeitpunkt, einen Sachcomic darüber zu versuchen. Die Arbeit an diesem Comic ist auch künstlerische Forschung.

War »Die Frau als Mensch« von Anfang an auf zwei Bände angelegt oder ist der Stoff im Laufe der Arbeit einfach immer mehr geworden?
Das Thema ist sehr vielschichtig, mir war von Anfang an klar, daß es ein dickes Buch würde, wie meine vorherigen Comics, die alle rund 500 Seiten haben. Neu war allerdings das etwas grössere Format von »Die Frau als Mensch«. Die vielen Landschaftsbilder machten es nötig, und für die Lesbarkeit der Texte war es auch besser. Als die Entscheidung für ein grösseres Format fiel, habe ich auch beschlossen, das Buch in zwei Teile zu teilen, damit die Bücher Objekte bleiben, die gut in der Hand liegen. In Teil eins haben wir gegen Ende eine Gruppe Mammutjäger kennen gelernt, in Teil zwei begleiten wir ihrem Alltag auf ihrem Weg zum Winterlager in Willendorf in der österreichischen Wachau.
Die Frau als Mensch – Band 1 und 2


Was hat Dich bei der Arbeit an den beiden Alben am meisten überrascht oder empört?
Ich habe die Frauenstatuetten lange für frühe Verwandte der klassischen Göttinnen gehalten, wie sie in späteren Texten beschrieben wurden. Ich dachte sie mir als Symbol für Mutter Erde, oder als Personifizierung der Kraft des Lebens und der Natur, eine weibliche Form des bekannten allgegenwärtigen Göttlichen, wie wir es aus der christlichen Religion kennen. Nur eben im Gegensatz dazu sex-positiv. Unter den frühen Jäger*innen und Sammler*innen gab es allerdings mit grosser Wahrscheinlichkeit noch keine Götterfiguren – die gab es auch bei späteren nomadischen traditionellen Jäger und Sammlerkulturen nur selten, wenn, dann waren es oft Importe aus benachbarten Agrargesellschaften. Im Lauf der Recherche habe ich begriffen, daß die Frauenstatuetten sehr wahrscheinlich keine überirdischen Wesen zeigen, sondern ganz normale Frauen. Oder besser gesagt, nicht ganz normale Frauen.
Mit den Evolutionscomics von Jens Harder und den Comicadaptionen von Yuval Noah Hararis Menschheitsgeschichte gab es ja bereits Comics, die grob in das Themenfeld »Menschheitsgeschichte« fallen. Inwiefern haben Dich diese Arbeiten beeinflusst?
Yoval Noah Hararis Buch habe ich sehr gerne gelesen. An der Comicadaption störte mich das Szenario mit Lehrer und Schüler, daß jemand einer anderen Person etwas erklärt und zwar über das gesamte Buch. Jens Harder war vor vielen Jahren mein Atelierkollege, als er mit seiner »Geschichte der Welt« begann. Es ist beeindruckend, mit welcher Konsequenz er das Projekt bis heute verfolgt.
In welchem Verhältnis stehen für Dich in dem Comic Text und Bild zueinander? Was war Dir auf der Bildebene wichtig?
Im Comic gilt, Alles was wichtig ist, muss im Bild gezeigt werden, sonst wird es nicht wirklich wahrgenommen (Es gibt immer Ausnahmen). Die Bildebene hat Priorität. Die Texte entstehen im Fluss der Bilder, während ich die Storyboards konzipiere. So handhabe ich es bei den meisten meiner Comics. Bei »Die Frau als Mensch« gibt es Kapitel, für die ich die Texte vorher geschrieben hatte, und erst danach Bildsequenzen dafür finden mußte. Bild und Text müssen am Ende organisch ineinander fliessen. Die Bilderzählung soll vor allem eine Einfühlung in die Eiszeit zu ermöglichen. Die Welt sah damals völlig anders aus, die Herausforderungen waren völlig andere als heute. Die archäologischen Funde sollen in dem Lebensumfeld gezeigt werden, in dem sie entstanden sind. Natürlich kann ich nur den Versuch einer Rekonstruktion machen, mir sind sicher viele Aspekte entgangen. In der Archäologie selbst wird auch viel gezeichnet, die Präzision der Zeichnung ist der Fotographie in mancher Hinsicht überlegen.
Wenn die Geschichte von Männern geschrieben und auch immer wieder männlich interpretiert wird, wie kommt man dann zu weiblichen Perspektiven?
In der Frühgeschichtsforschung hat der Beitrag von Wissenschaftlerinnen den Blick enorm geweitet. Solange Männer unter sich geblieben sind, schien ihnen ganz natürlich, daß sich die Welt um ihre Bedürfnisse dreht. Die weibliche Perspektive hat früher ja nicht einfach gefehlt. Sie wurde gesellschaftlich bagatellisiert, damit sie nicht beachtet werden musste. Als junge Frau war ich es gewohnt, unterschätzt zu werden. Aber mittlerweile kann ich mich nicht mehr beklagen.

Was für Fragen hattest Du, als Du die Venus von Willendorf das erste Mal gesehen hast?
Der Frauenkörper drückt eine gewisse Würde aus, das hat mir imponiert. Im Museum vor der echten kleinen Figur stehend staune ich immer über die Akkuratesse, mit der sie mit Steinwerkzeugen behauen wurde. Sie ist der faktische Beweis für ein hohes ästhetisches Bewusstsein der Eiszeitmenschen.
Es gibt einige eindrückliche Szenen, die in meinen Augen nur auf der Basis von Selbstexperimenten entstanden sein können, etwa wenn es um den Tragekomfort eines Stricks um die Hüfte oder um die Akustik in Felsenhöhlen geht. Inwiefern hast Du dafür Feldforschung betrieben und eigene Erfahrungen verarbeitet?
Ja, wenn möglich versuche ich Feldforschung. Wir sind in Südfrankreich in öffentliche und nicht öffentliche Höhlen geklettert, und jedes Mal war es ein bewusstseinserweiterndes Erlebnis. Selbst die geführten Führungen in Tropfsteinhöhlen, betonierten Treppen und festen Geländern hatten eine Ehrfurcht gebietende Wirkung. Ich habe mit Feuerstein rumgespielt – in Norddeutschland liegt sehr guter baltischer Feuerstein überall herum.
Zentrale Werke von Ulli Lust





Wenn dem Bildermachen, wie Du es in Deinem Band schilderst, selbst magische Wirkung attestiert wird, dann stehst Du als Zeichnerin und Illustratorin in der Reihe der Schamaninnen. Wie fühlst Du Dich dort?
Schaman*innen sind in vielen schamanischen Kulturen die Geschichtenerzähler*innen, die Sänger*innen, die Künstler*innen. Aber im Gegensatz zu Schaman*innen heile ich keine Kranken und kann leider auch nicht mit den Geistern sprechen. Ich nutze immerhin eine magische Ingredienz für meine Arbeit, nämlich die Intuition. Zum Schreiben und Zeichnen brauche ich die Zuversicht, daß Ideen aufsteigen werden, die vorher nicht existierten.
Du hast mit dem ersten Band den Deutschen Sachbuchpreis gewonnen. Was war das für ein Moment bei der Preisvergabe in Hamburg?
Mein Verleger und ich waren schon sehr glücklich über die Nominierung gewesen, weil vorher noch nie ein Comic nominiert gewesen war. Wir dachten, wir schauen uns jetzt am Katzentisch die Verleihung an und gratulieren dann der Gewinner*in. Ich hatte zur Sicherheit eine Rede vorbereitet, weil ich vorbereitet sein wollte. Trotzdem staune ich noch fast ein Jahr später darüber, daß man mir den Preis tatsächlich gegeben hat. Der Preis hilft dem Anliegen des Buches sehr, denn damit bestätigen Fachleute die Seriosität des Inhalts.


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