Literatur, Roman

Innere Verhärtungen

© Thomas Hummitzsch

Der dritte Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin von 2021 Nava Ebrahimi führt Leser:innen in die fiktive Kleinstadt Lasseren im niedersächsischen Emsland. In »Und Federn überall« ist ein großer Gegenwartsroman, in dem der Alltag von sechs Figuren aufeinanderprallen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Das Emsland war einst wegen der Proteste von Atomkraftgegnern in aller Munde, inzwischen gibt es nur noch wenig, das der gesellschaftlichen Debatte wert ist. Nava Ebrahimi ändert das in ihrem Roman. Lasseren dämmert zwar als Gemeinschaft müde vor sich hin, an den Ausläufern befinden sich aber eine Flüchtlingsunterkunft und ein riesiger Geflügelschlachthof, in denen die Gegenwart verhandelt wird.

Der Schlachtbetrieb Möllring ist der wichtigste Arbeitgeber in der Region, wer einen Job sucht, kommt an dem Unternehmen nicht vorbei. Bei Möllring laufen in sterilen Hallen jeden Tag 650.000 Flügeltiere in Einzelteilen über die Fließbänder, an denen Menschen wie Sonia stehen, die der täglichen Grausamkeit der Massenschlachtungen ein Gütesiegel geben sollen, bevor das Fleisch in die Verpackung und Auslieferung geht. Ein komplexer und fehleranfälliger Prozess, der für höhere Profite optimiert werden soll.

Nava Ebrahimi: Und Federn überall. Luchterhand Literaturverlag 2025. 352 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen https://www.penguin.de/buecher/nava-ebrahimi-und-federn-ueberall/buch/9783630877457
Nava Ebrahimi: Und Federn überall. Luchterhand Literaturverlag 2025. 352 Seiten. 24,- Euro. Hier bestellen.

Eine industrielle Geflügelverarbeitung bildet hier die Bühne, die die Welt bedeuten. Das mag befremdlich klingen, die iranisch-deutsche Schriftstellerin Nava Ebrahimi löst das aber großartig ein, indem sie eine Handvoll Menschen einen verrückten Montag lang durch den Tag begleitet. Der Montag ist nicht zufällig gewählt, es ist für die meisten der Anfang der Arbeitswoche. »Und Federn überall« ist ein Roman, der die Arbeiter, das Proletariat in den Blick nimmt.

Die alleinerziehende Mutter Sonia kann das tägliche Elend nicht mehr ertragen. Sie hofft auf einen Job weit weg vom Zerlegeband und hat einen Termin mit der Personalabteilung vereinbart, um sich versetzen zu lassen. Dort wird sie auf den leitenden Angestellten Peter Merkhausen treffen, der bei Möllring für die Prozessoptimierung zuständig ist. Gemeinsam mit der jungen Automatisierungsspezialistin Anna, arbeitet er an der Einführung einer neuen Software zur Qualitätsprüfung, die Menschen wie Sonia entbehrlich macht. Zum Wochenbeginn stehen wichtige Entscheidungen an, die niemanden unberührt lassen.

Ebrahimi weitet die Welt der maschinellen Hühnerverarbeitung um drei weitere Figuren, für die dieser Montag in Lasseren Besonderes bereithält. Der geflüchtete afghanische Lyriker Nassim hat sich in eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Justyna verstrickt, die selbst einen polnischen Hintergrund hat. Während sie an der Dauer dieser Beziehung zweifelt und eigene Wege geht, verfolgt Nassim den Plan, seinen Asylantrag mit seinen politischen Gedichten zu untermauern. Dafür braucht er allerdings eine deutsche Übersetzung, weshalb er Kontakt zur deutsch-iranischen Autorin Roshi aufgenommen hat, die extra aus Köln in die niedersächsische Provinz reist.

Zwischen den Erlebnissen und Eindrücken dieser sechs Personen wechselt Nahimis Roman und fängt so die Einsamkeit des Individuums in der postmigrantischen Gesellschaft ein. Zugleich schafft sie sprechende Bilder von den kalten turbokapitalistischen Optimierungsprozessen, die den Menschen vom Rand ins Abseits drängen.

Exemplarisch führt der Roman das an der Qualitätsprüfung im Geflügelhof aus. An die Stelle des manuellen Abtastens der Hühnerbrüste durch die Fließbandarbeiter soll das Fleisch künftig von einer Kamera in Augenschein werden, deren Bilder eine KI auswerten soll. Denn bei schnell gemästeten Tieren kommt es immer wieder zur Verholzung des weichen Brustfilets, diese vom so genannten Wooden-Breast-Syndrom betroffenen Fleischstücke müssen aussortiert werden.

Ebrahimi verschiebt in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman die Verhältnisse der industriellen Massentierhaltung auf die Arbeitswelt in der verhärteten Gegenwart. Denn längst ist auch Schichtarbeiterin Sonia eng um die Brust. Deshalb will sie auch aus der Fließbandhalle in die Lohnbuchhaltung versetzt werden und übt ihren Monolog.

»Guten Tag, mein Name ist Sonia Bose, ich bin ein pflichtbewusster Mensch, eine loyale Mitarbeiterin, ich fühle mich Möllring verbunden und gebe jeden Tag mein Bestes, an Gott glaube ich außerdem, und ich würde beiden, Möllring und Gott, wirklich gerne weiter dienen, aber (…) bitte geben Sie mir den Job in der Verwaltung, Amen, verdammt!«

Hier klingt schon die Dünnhäutigkeit – auch das ein Qualitätsmerkmal in der Fleischindustrie – an, mit der Sonia durchs Leben geht. Entsprechend gereizt reagiert sie, als sie am Morgen des Bewerbungsgesprächs mit ihrer Teenagertochter aneinandergerät. Sie sperrt das renitente Mädchen in einen Schrank und verlässt die Wohnung, nicht ahnend, dass sie diese übereilte Konsequenz bald bereuen wird. Denn statt sich auf das Gespräch vorzubereiten, geht ihr die Situation ihrer Tochter nicht mehr aus dem Kopf. Was, wenn sie Durst bekommt? Oder auf Toilette muss? Was wenn sie Panik bekommt oder ein Feuer ausbricht. Geplagt von ihrem schlechten Gewissen schleppt sich Sonia durch den Tag.

Romane von Nava Ebrahimi

Noch bevor derlei Ängste rational gelöst werden könnten, wechselt Ebrahimi die Perspektive. Etwa indem sich die Erzählung den Herausforderungen zuwendet, vor denen Beraterin Anna steht. Sie soll Möllring von einer neuen Software überzeugen. Doch vom ersten Tag an schlagen der jungen Frau die Vorurteile der männerdominierten Führungsetage des Schlachtbetriebs entgegen. Eine Frau als IT-Expertin, darauf ist man in der niedersächsischen Provinz nicht gefasst. Die müden Männerwitze auf der Vorstandsetage sind genau das, was man in diesem aus der Zeit gefallenen Landstrich erwartet: altklug und sexistisch. Es braucht deshalb nicht viel, um vom Wooden-Breast-Syndrom zu den Männerwitzen über ihre zu geringe Oberweite zu kommen. »Miss Wooden Breast… Ganz schlechte Abtast-Rate…hahaha«.

Die ehrgeizige junge Ingenieurin weiß, dass sie bei Möllring mit Beschwerden nicht weit kommt. Sie hält ihre Laune mit autosuggestiven Selbstgesprächen aufrecht, die so sehr nach Klischee klingen, dass sie nur der Wirklichkeit abgelauscht sein können. »Anna, reiß dich zusammen, niemand hat gesagt, dass es leicht werden wird, Kindergärtnerinnen oder Bürokauffrauen haben es leicht.«

Chefoptimierer Peter Merkhausen bildet den Gegenpol, er sitzt ebenso fest wie breitbeinig im Sattel. Wenngleich sein weiterer Aufstieg von der erfolgreichen Einführung der Software abhängt. Ansonsten ist er eine vor sich hin plappernde Witzfigur, die es eher mit Zahlen als mit Menschen hat. Aus familienhistorischen Gründen sucht er online nach polnischen Bekanntschaften, mit denen er sich eine Zukunft ausmalt.

Weitere Publikationen von Nava Ebrahimi

Merkhausen ist eine Brückenfigur, die im Roman den Bogen zu den Figuren außerhalb des Schlachthofs schlägt. Am Abend wird er sich mit Justyna treffen, um ihr die Geschichte seiner Großmutter zu erzählen. Die gehörte zu der polnischen Gemeinschaft, die sich nach dem Weltkrieg in der Gegend niedergelassen hat. Über diese Episode erzählt Ebrahimi die wenig thematisierte Geschichte der polnischen Nachkriegsdiaspora im Norden Deutschlands.

Parallel zu diesen Ereignissen trägt sich eine weniger ereignisreiche, dafür aber sprachlich sensiblere Geschichte zu. Dabei handelt es sich um die Begegnung des nahezu blinden Nassim und der gestressten Schriftstellerin Roshi; eine Konstellation, die an das Projekt Weiter Schreiben erinnert.

Das Aufeinandertreffen von Nassim und Roshi steht von Anfang an unter einem doppelten Vorbehalt. Da ist zum einen die Abhängigkeit des geflüchteten Dichters, der in Deutschland seiner Sprache und damit der Möglichkeit der Selbstbehauptung beraubt ist. Allein, um die Hoffnung, bleiben zu können, zu wahren, ist er auf mildtätige Hilfe angewiesen. Der zweite Vorbehalt ist ein sprachlicher. Roshi ist sich nicht sicher, ob ihre Persisch-Kenntnisse ausreichen, um Nassims Gedichte in ein tragendes Deutsch zu bringen. Ihr gemeinsames Tasten zwischen den Versen und Sprachen, das sich Hineinhören in den Text gehört zu den zärtlichsten Begegnungen, auf die ich in der deutschen Literatur gestoßen bin.

Es ist Nava Ebrahimis klarer Regieführung zu verdanken, dass die Geschichten ihrer Figuren nicht auseinanderfallen, sondern trotz der vollkommen unterschiedlichen Bewegungen in der Fleischfabrik zusammenlaufen. Ein »rücksichtsloser Zeitgenosse« fährt Nassims Blindenstock kaputt, was sich in der Provinz schnell herumspricht. Ein Lokalsender berichtet über den Vorfall, was Möllrings Presseabteilung auf den Plan ruft. Sie will dem geflüchteten Mann öffentlichkeitswirksam einen Scheck überreichen, um mit diesem Marketingcoup »die muslimische Zielgruppe stärker ins Visier zu nehmen«. Selbst das Unglück des Einzelnen wird in dieser kalten Gegenwart im Turbokapitalismus ausgebeutet.

Die in Teheran geborene Autorin seziert die postmigrantische Gesellschaft in der Provinz mit ebenso satirischen wie poetischen Hühner- und Federbildern präzise und greifbar. Sie zeichnet lebensnahe und differenzierte Charaktere, sodass selbst für den Unsympathischsten unter ihnen Verständnis möglich ist. Die Schlachterei repräsentiert die hierarchische und effiziente Welt, in der es gilt, sich abzuhärten gegen die gesellschaftliche Kälte, in der der Einzelne nicht zählt. Alle Figuren verbindet die kapitalistische Ausbeutung, die sie erfahren, in ihrem Alltag reflektiert Ebrahimi aber auch Themen wie Misogynie, Sexismus, Klassismus, Rassismus, Feminismus, Migration, Elternschaft, Gesundheit, Tierwohl, Nähe und Liebe.

Ebrahimi analysiert die soziale und emotionale Lage ihrer Figuren nicht kühl von außen, sondern beobachtet die konkreten Folgen dieser Diskriminierungs- und Druckmittel aus den Figuren heraus. Das ist in seiner Direktheit zuweilen entwaffnend komisch und erkenntnisreich. Zugleich macht sie die Leser:innen zu Komplizen der Figuren. Denn nur wir verstehen, wer sich aus welchem Grund wie verhält.

»Und Federn überall« ist ein wacher, vielschichtiger und positiv unbequemer Roman, der uns mit den Herausforderungen und Widersprüchen der menschlichen Existenz in harten Zeiten konfrontiert.