Der Regisseur Faraz Shariat hat mit »Staatsschutz« den Film der Stunde gedreht. Darin wechselt eine Staatsanwältin die Seiten und kämpft gegen rechte Netzwerke.
Als Staatsanwältin irgendwo im deutschen Osten hat Staatsanwältin Seyo Kim immer wieder mit zweifelhaften Figuren Kontakt. Sie sitzen auf der anderen Seite des Gerichtssaals auf der Anklagebank, tragen in der rechten Szene etablierte Kleidung und die Nazizeit verherrlichende Tattoos. Nichts desto trotz müssen die Taten bewiesen werden, wegen denen diese Angeklagten der Prozess gemacht wird. Das ist oft nicht einfach, meist steht Aussage gegen Aussage.
Gleich zu Beginn von Faraz Shariats Film steht ein bulliger Mann vror Gericht, der einen Schwarzen von hinten mit spitzen Projektilen beschossen haben soll. Doch weil die forensischen Untersuchungen ausgeblieben sind, kann das nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Also muss die junge Staatsanwältin das Recht im Zweifel für den Angeklagten auslegen und für Freispruch plädieren. Im Saal feiern die Gesinnungsgenossen des Angeklagten das Urteil, während der Betroffene das Urteil fassungslos zur Kenntnis nimmt.

Wenig später wird Seyo Kim auf dem Weg zur Arbeit selbst Opfer eines rassistisch motivierten Anschlags. Als sie sieht, wie ihre eigene Behörde die Ermittlungen verschleppt und Zusammenhängen nicht nachgeht, beginnt die energische junge Frau selbst gegen die Täter zu ermitteln. Dabei riskiert sie gleich im doppelten Sinne Kopf und Kragen. Denn als Betroffene hat sie einerseits keinen Zugang zu den Akten und muss verdeckt agieren, zum anderen kommt sie den rechten Netzwerken im fiktiven Neuwerda dabei verdammt nah. Die haben auch keine Skrupel, offen gegen die junge Frau vorzugehen. Zerstochene Reifen, Hakenkreuze auf der Windschutzscheibe, offene Drohungen. Im Laufe der Handlung wird Seyo Kim sogar von rechten Polizisten verschleppt und mit Rechtsrock beschallt.
Im Kern ist »Staatsschutz« ein Justizthriller, der den rechten Netzwerken in der Provinz auf den Grund geht. Ob es in den Gerichtssälen der Großstädte wirklich anders zugeht, sei mal dahingestellt, aber entscheidend ist hier, dass sich Seyo Kim als Betroffene nicht in die Anonymität der Metropole zurückziehen kann. In Neuwerda ist sie permanent der Gefahr ausgesetzt, den Tätern auf der Straße zu begegnen. Selbst in ihrer Wohnung findet sie aufgrund einer breiten Fensterfront kaum Rückzugsraum.

Kim begegnet dieser Bedrohung mit grimmigem Trotz. Sie rüstet auf, macht ihren Waffenschein, besorgt sich ein amerikanisches Auto und begibt sich auf eine aufreibende Suche nach Beweisen. Aber was ist schon ein Beweis? Und ab wann ist ein Netzwerk ein Netzwerk und wird auch als solches gesehen? Sie spürt, dass die Kolleg:innen in ihrer Behörde auf Abstand gehen, während der Oberstaatsanwalt – ihr Vorgesetzter – wider aller Hinweise den Angeklagten als Einzeltäter betrachtet. Dabei sitzen genau die gleichen untersetzten Männer, die zu Beginn den Freispruch ihres Kameraden bejubelt haben, auch bei ihrem Prozess im Zuschauerraum des Gerichts.
Faraz Shariat hatte in seinem autobiografisch geprägten Debütfilm »Futur Drei« über die Zukunftschancen junger Menschen mit und ohne gesicherten Aufenthaltsstatus nachgedacht. Im Mittelpunkt stand ein junger Mann, Sohn iranischer Einwanderer, der in Hildesheim leichtsinnig zwischen Partys und Grindr-Dates lebt. Als er beim Ladendiebstahl erwischt wird, muss er Sozialstunden in einer Flüchtlingsunterkunft ableisten. Sharat verhandelte in seinem Film Migrationserfahrung, Queerness und Zugehörigkeit, zeichnete aber vor dem Hintergrund von Angela Merkels »Wir schaffen das« auch eine Vision, wie ein buntes Deutschland aussehen könnte.

(Kotbong Yan) © Lotta Kilian, Jünglinge Film
Sechs Jahre später ist die Gesellschaft eine andere und der Ton, den der junge Regisseur anschlägt, rauer und härter. Der Staat, den Faraz Shariat zeichnet, hat seine Mauern – die im Kopf, aber auch die tatsächlichen – hochgefahren. Er verbarrikadiert sich hinter dicken Betonwänden und Panzerglas, als hätte er mit der Welt da draußen nichts zu tun. Der begegnet dieser Staat immer nur im Gerichtssaal, wo mit maximaler Objektivität der genaue Blick bekämpft wird. Die großen Zusammenhänge hinter dem Anschlag und die immer wiederkehrenden Muster in eingestellten Altfällen holt erst die junge Staatsanwältin aus den Archiven, die sie eigentlich nicht betreten darf.
Seyo Kim ist ein Opfer rechten Terrors, aber Shariat zeichnet sie nicht als solches. Die von der jungen Schsuapielerin Chen Emilie Yan eindrucksvoll verkörperte Juristin ist hartnäckig, hält sich nicht an Regeln und mutet auch anderen zu, sich den Wahrheiten zu stellen. Angst ist für sie keine Option, es gilt sich zu wehren.

Shariats nervenaufreibender Film – der bei der diesjährigen Berlinale nicht nur den Panorama-Publikumspreis erhalten hat, sondern auch den Heiner-Carow-Preis und den Hauptpreis des internationalen Verbands der Arthouse- und Programmkinos (CICAE) – wirft die Frage auf, was ein objektives Rechtssystem wert ist, wenn seine Vertreter den offensichtlichen Dingen nicht auf den Grund gehen wollen. Wen schützt eigentlich dieser Staat? Ist an den Dingen vorbeisehen noch objektiv? Und wie viele müssen die Wahrheit ignorieren, bis ein System kippt?
Es sind grundsätzliche Probleme, die der 1994 in Köln geborene Filmemacher aufwirft. Denn man kann in dieser Welt mit Neutralität nicht neutral sein. Man kann sich nicht nicht verhalten, genauso wie man nicht nicht betroffen sein kann. So bleibt offen, ob der von Arnd Klawitter gespielte Oberstaatsanwalt Teil des rechten Netzwerks in Neuwerda ist, aber er steht auf alle Fälle unter dem Einfluss der selbstbewussten Faschisten im Ort. Seyo Kim wiederum ist permanent um Sachlichkeit bemüht, doch die eigene Betroffenheit verunmöglicht es, in der gewaltvoll-düsteren Stimmung in dieser Stadt nicht auch mal die Nerven zu verlieren.

Entscheidend ist aber etwas anderes: Es geht darum, die rechten Netzwerke in ihrer Selbstverständlichkeit zu erschüttern. Es braucht Momente, in denen die Angst die Seite wechseln muss – von den Opfern rechter Gewalt zu den Tätern. Sie sollten es sein, die die Strafverfolgungsbehörden zu fürchten haben.

