Berlinale Bites: Sex aus dem Würfelbecher

© Christian Geisnæs

Was ist über diesen Film schon alles geschrieben und gesagt worden. Vom Vorwurf der schlichten Pornographie bis hin zur grandiosen Verfilmung des allgegenwärtigen Sex-Hypes der Moderne – über Lars von Triers »Nymph( )maniac« streitet sich seit Wochen der Blätterwald. Auf der Berlinale war der erste Teil des Films erstmals in Deutschland zu sehen.

Erstmals seit über zwanzig Jahren feierte ein neuer Film des dänischen Skandalregisseurs und Erfinders des Dogma-Kinos Lars von Trier seine Weltpremiere nicht in Cannes. Mit dem ersten Teil seines im Directors Cut über fünfstündigen Berichts einer Nymphomanin war er am Sonntag auf der Berlinale zu Gast. Sein Film läuft außerhalb des Wettbewerbs, was das unterhaltsame Rahmenprogramm der 64. Berlinale um einen spektakulären Beitrag reicher macht.

Im Mittelpunkt von Nymph( )maniac steht Joe (Charlotte Gainsbourg, Stacy Martin), die von einem überaus belesenen, altklugen Mann namens Seliger (Stellan Skarsgård) an einem kalten Winterabend zusammengeschlagen von der Straße aufgelesen wird. Seliger nimmt sie mit in seine Wohnung und kümmert sich um die geschundene Frau, die auf seine Frage, wer sie aus welchem Grund so zugerichtet habe, erwidert, dass sie selbst an ihrem Zustand Schuld sei. Seliger erwidert ihr, dass es keinen Grund gebe, jemanden derart zuzurichten, woraufhin Joe beginnt, ihm ihr Leben zu offenbaren.

Sie erzählt ihm von kindlichen Spielereien und Experimenten, davon, wie sie sich mit 15 Jahren (Stacy Martin) mit acht heftigen Stößen von einem Jungen namens Jerôme (Shia LeBoeuf) hat entjungfern lassen und wie sie mit ihrer Freundin B (Sophie Kennedy Clark) in einem Zug eine Sex-Wette um das Abschleppen der meisten Männer einging. Sie berichtet ihm von einem Club sexaktiver Sirenen, die nur einmal mit einem Mann schliefen und sich hinterher ihre sexuellen Eskapaden vortrugen. Joe blickt zurück auf ihr erstes Wiedersehen mit Jerôme, der die Sexbegierige in Erwartung weiterer Abenteuer als Sekretärin einstellte. Und sie erinnert sich daran, wie sie im Laufe der Jahre ihre sexuellen Aktivitäten so weit »intensivierte«, dass sie mit bis zu zehn Männern pro Nacht Sex hatte. Ein Würfelbecher war Joes Mittel der Wahl, um auszulosen, wie sie auf welchen Verehrer reagieren sollte. Sie bricht Herzen und zerstört Familien, aber sie macht auch viele Männer glücklich, indem sie ihnen ein Glück vorgaukelt, dass ihr selbst fehlt. Sie nimmt all das bewusst in Kauf, Naivität ist ihre Sache nicht.

Seliger, der selbst asexuell zu leben scheint, hört sich all das gespannt-fasziniert an, stets auf der Hut, Joe das Schändliche in ihrem Tun auszureden. Denn was ist so schlimm daran, sich auf der Suche nach Befriedigung wie ein Angler zu verhalten, der die Fische zum Beißen zu locken und zu verlocken weiß? Was so verwerflich, wenn sich eine junge Frau ihre sexuelle Harmonie nach dem Vorbild von Bachs Orgelstücken organisiert und einen Liebhaber für die Grundharmonie des Basses, einen Lover für das kühne Spiel der linken Hand und einen Galan für die Melodie der rechten Hand hat?

Es gehört zu Lars von Triers Kunst, das umtriebige sexuelle Agieren von Joe ernsthaft und nachvollziehbar mit der Kunst des kompletten Anglers, der kosmischen Zahlenmystik oder Bachs Kompositionen zu vergleichen, ohne dass dies lächerlich oder pseudointellektuell wirkt. Was wäre das Leben ohne Nähe, ohne Spiel und ohne Reiz?

© Christian Geisnæs

Bachsches Triptychon von Joes Suche nach Harmonie und Befriedigung | © Christian Geisnæs

In den nahezu philosophischen Dialogen zwischen Seliger und Joe sind der sprühende Witz, die flirrende Intellektualität und die literarische Tiefe des Filmes verankert. Im Zentrum des Films stehen nicht die sexuellen Spielchen Joes, sondern die großen Fragen des Lebens: Wie und warum erinnern wir? Wohnt das Glück in der sexuellen oder der geistigen Befriedigung? Wie lieben und warum begehren wir? Das auf diese Fragen die rationalen Antworten der Moderne keine Befriedigung verschaffen, versteh sich von selbst.

Nymph( )maniac ist gewiss kein feministischer Film, aber zumindest doch ein emanzipativer. Die Frage, was Liebe ist und welche Rolle sie in der körperlichen Begegnung und für das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau spielt, klingt immer wieder an. Der dänische Kultregisseur dreht den bürgerlich-antiquierten Spieß um und legt die zahlreichen männlichen Geschlechtspartner zu Joes Füßen. In seinem Film verfügt kein Mann in althergebracht-bürgerlicher Form über die weibliche Lust. Das Verlangen der Protagonistinnen ist stets kontrolliert und bewusst gesteuert.

Ein Schlüssel für das Gelingen dieses emanzipatorischen Aktes liegt in der herausragenden Verkörperung der jungen Joe durch Stacy Martin. Ihr gelingt es in jeder einzelnen Szene, die zwanghafte Lust der sexgierigen Joe zu vermitteln, ohne dabei die Souveränität über die Situation zu verlieren. Zu keinem Zeitpunkt gleitet die sexgierige Joe in die Position einer süchtigen oder abhängigen Figur, stets behält sie souverän die Kontrolle über ihr Tun – bis hin zur Langeweile. Denn wo Sexualität eine bloße Nummer ist, bleiben Wünsche und Räume unerfüllt. So wird Joe zur angebeteten Göttin in einem gottlosen Universum, in dem sie sich angewidert ihrer Einsamkeit stellen muss, ohne davon erlöst zu werden.

Zugleich braucht man aber nicht drum herum zu reden und Nymph( )maniac künstlich zu einem rein intellektuell-emanzipativen Kinofilm hochjazzen. Von Triers neuerlicher Geniestreich ist ohne Zweifel auch ein Pornofilm, vor allem wenn man die Messlatte der deutschen Rechtsprechung ansetzt. Es gibt zahlreiche explizite und implizite Sexszenen und noch mehr Anspielungen, erigierte Glieder, feuchte Leibesöffnungen, fließende Körpersäfte und bebendes Fleisch. Der Film wird der einzige Beitrag auf der diesjährigen Berlinale bleiben, in dem Sex-Doubles im Abspann aufgeführt werden. Wer tiefer in die sexbesessene Welt der Joe eintauchen will, der kann sich an de Sades Roman Justine halten, der zumindest indirekt die Vorlage für Joes Privatleben bildet.

In bekannter Manier konfrontiert der dänische Skandalregisseur den Kinobesucher direkt mit den Emotionen und Empfindungen seiner Akteure. Mit ohrenbetäubender Musik, millimetergenauen Nahaufnahmen vor Lust zitternder Genitalien und schonungslosen Frontalen auf die Geschehnisse lässt er dem Zuschauer keine Flucht in eine wie auch immer gelagerte Fantasiewelt. Die Frage, ob Liebe tatsächlich nichts weiter als Lust, ergänzt durch Eifersucht, ist oder vielleicht doch die geheime Zutat zu erfüllendem Sex, muss schließlich ernsthaft und schonungslos erörtert werden.

Der gezeigte erste Teil von Nymph( )maniac sei der spielerische, weniger explizite Part des gesamten Projekts, sagte Produzentin Louise Vesth in Berlin auf der Pressekonferenz. Wann der zweite Teil zu sehen ist und ob er womöglich im Directors Cut laufen wird, ließ sie offen. Skandalnudel Lars von Trier tat zumindest alles, dass ihn den Kuratoren in Cannes nicht übersehen konnten. Der Pressekonferenz blieb er fern, erschien nur beim Fotoshooting – mit einem T-Shirt mit dem Cannes-Logo und dem Schriftzug PERSONA NON GRATA.

Hier gehts zu den Vorführungen auf der 64. Berlinale

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