Berlinale Bites: Keine Zeit, aber Uhren

Peter Drittenpreis © Independent Artists Filmproduktion

Mit Feo Aldags Drama »Zwischen Welten« über den Afghanistan-Einsatz der deutschen Bundeswehr ist der letzte deutsche Beitrag heute im Berlinale-Wettbewerb angelaufen. Der Film thematisiert die Widersprüche der Afghanistan-Mission und konfrontiert uns mit der Not der afghanischen Ortskräfte.

Als die Männer um Kommandant Haroon ihren erschossenen Kameraden an den salutierenden Bundeswehrsoldaten vorbeitragen, zögert der afghanische Bundeswehr-Dolmetscher Tarik (Mohsin Ahmady) kurz. Soll er als Afghane nicht seinem Landsmann die letzte Ehre erweisen? Oder sollte er eher bei der Truppe stehen bleiben, der er zugeteilt wurde?

Er entscheidet sich, als Afghane zu handeln und geht einige Schritte hinter dem stillen Trauerzug her. Dann bleibt er doch stehen, hält inne und tritt zurück in die Reihe der stramm stehenden deutschen Soldaten. Dabei blickt er dem Einsatzleiter Jesper (Ronald Zehrfeld) tief in die Augen. Man sieht der verzweifelten Miene des jungen Mannes an, dass er sich fragt, ob das betretene Salut im Zweifelsfall tatsächlich alles sei, was ihm Deutschland zu bieten hat. Das Deutschland, für das er seine Gesundheit riskiert, für dessen Unterstützung ihm Kollaboration vorgeworfen und sein leben bedroht wird.

Die Szene steht symbolisch für den zweifelhaften Umgang der deutschen Behörden mit den afghanischen Ortshelfern der Bundeswehr. Die Sicherheit dieser Helfer und ihrer Familien gilt als mindestens prekär. Die Familien der Ortshelfer werden als Verräter betrachtet, sie sind oftmals Bedrohung und Verfolgung ausgesetzt. Erst Ende November 2013 war ein afghanischer Bundeswehr-Dolmetscher erdrosselt in seinem Wagen aufgefunden worden.

Den deutschen Behörden reicht die Bedrohungssituation oftmals nicht aus, um den Ortshelfern und ihren Familien Schutz zu bieten. Wenn die Bundeswehr-Unterstützer überhaupt Aufnahme erhalten, dann nur zögerlich. »Lebensbedrohlich« bezeichnen Flüchtlingshilfsorganisationen wie pro Asyl dieses Vorgehen.

Der Übersetzer Tarik und seine Schwester vertreten in Feo Aldags Afghanistan-Drama Zwischen Welten das Schicksal dieser Helfer. Ihr letztes Aufnahmegesuch ist gerade von den deutschen Behörden abgelehnt worden, als Tarik zu einem neuen Einsatz gerufen wird. Er soll eine Truppe dabei unterstützen, ein afghanisches Dorf vor den Angriffen der Taliban zu verteidigen und zwischen den deutschen Soldaten und der Dorfgemeinschaft vermitteln. Dass er das nicht völlig neutral tun kann, wird vor allem zu Beginn des Films deutlich. Seine recht freien Übersetzungen zwischen den beiden Sprachen sind nicht nur Resultat des notwendigen Kulturtransfers, sondern auch Konsequenz der fehlenden Unterstützung durch die deutschen Behörden.

Geleitet wird der Einsatz von Jesper, dessen Bruder in Afghanistan ums Leben gekommen ist und der im Laufe des Filmes immer stärker an Auftrag und Vorgehen der deutschen Truppen in Afghanistan zweifelt. Das macht die Leitung des Einsatzes nicht einfacher, zumal ihn zunehmend die Dämonen der Vergangenheit einholen. Er wandelt zwischen menschlicher Empathie, militärischer Kontrolle und unkontrollierbarer Panik. Als solcher ist er ein Solitär, seine Rolle verklärt das Bild der deutschen Soldaten im Einsatz, was zu einigen energischen Buh-Rufen bei der Premiere geführt hat.

Zwischen Welten ist jedoch kein Propagandafilm, der die Bundeswehr in ein gutes Licht rückt oder rücken will. Die Österreicherin Feo Aldag, die vor vier Jahren mit Die Fremde ihr Berlinale-Debüt gab, zeigt in ihrem an Originalschauplätzen gedrehten Porträt eines nicht sonderlich ungewöhnlichen Kriegseinsatzes die Widersprüche zwischen den am Hindukusch verteidigten deutschen Interessen und den Notwendigkeiten der afghanischen Bevölkerung. Damit wirft sie nach den filmischen Verarbeitungen der traumatisiert zurückkehrenden Bundeswehrsoldaten einen neuen, anderen Blick auf den Krieg am Hindukusch.

Ursächlich für die Widersprüche von Auftrag und Durchführung sind die an den Schreibtischen in Brüssel, Berlin und Bonn geschriebenen Regeln, die für den Einsatz vor Ort nur bedingt geeignet sind. Als würde der kulturelle Unterschied zwischen dem Westen und Afghanistan nicht groß genug sein, schaffen diese Regeln unzählige Missverständnisse, falsche Eindrücke und Provokationen im direkten Umgang mit der afghanischen Bevölkerung, die in der Befehlshierarchie der Bundeswehr nur mit Befehlsverweigerung oder Kompetenzüberschreitungen zu bereinigen sind. Darüber hinaus steht die afghanische Bevölkerung dem Einsatz ohnehin skeptisch gegenüber, weil dieser im Gegensatz zum Leben in Afghanistan nur ein Provisorium ist. »Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit«, erklärt der afghanische Anführer Haroon die afghanische Haltung zu dieser Situation in einem Gespräch.

Getragen wird der Film von dem Dolmetscher und Lehrer Tarik, den der junge Mohsin Ahmady eindrucksvoll verkörpert. Sein Leben ist geprägt von Schikanen, Hindernissen, Misstrauen, Bedrohungen und Übergriffen. Immer auf der Hut durchläuft er in dem Film einen Hindernisparcours, auf dem er mehr als einmal strauchelt. Tarik ist gefangen zwischen den verschiedenen Welten, in denen er sich bewegt – Familie, Gesellschaft, Militär, Krieg.

»Das ist mein Land, Afghanistan ist mein Zuhause. Wenn ich mich hier sicher fühlen würde, würde ich es nicht verlassen wollen«, sagt Tarik zu Jesper in der Mitte des Filmes. Ein Satz, der sich direkt an die deutschen und europäischen Behörden und ihre rigide Asylpolitik richtet. Für Menschen wie Tarik sieht das Protokoll einen Salut vor.

Hier gehts zu den Vorführungen auf der 64. Berlinale