Rückblick auf einen traurigen Fürsten

Truman Capote, half-length portrait, facing front, seated in a chair, resting head on his right hand, holding cigarette in his left hand / World Telegram & Sun photo by Roger Higgins.

Mit seinen Berichten und Reportagen aus der Parallelwelt der Gutbetuchten hat sich Truman Capote ebenso viele Freunde wie Feinde gemacht. Er verstand es wie kein anderer, den Schönen und Reichen lange genug den Honig um den Bart zu schmieren, um an die gewünschten Informationen zu gelangen. Und zugleich nahm er kein Blatt vor den Mund, wenn es anschließend darum ging, diese bestmöglich zu verwerten.

Der unvergleichliche Marlon Brando tobte, nachdem Capotes Reportage »Der Fürst in seinem Reich« erschienen war. Anlass war Capotes Brando-Porträt, in dem er Eindrücke und Gespräche von und mit dem Schauspieler bei Dreharbeiten in Japan verarbeite, insbesondere Brandos Starallüren. Für Capote waren Sie allesamt Belege des verzweifelten Ringens eines einsamen, seelenverlorenen Kindes um die Anerkennung und Liebe der (alkoholkranken – auch das Detail ließ Capote nicht aus) Mutter. »Dieses kleine Schwein hat mir gesagt, es werde nichts von den Dingen sagen, die wegzulassen ich es gebeten hatte, und es hat sie alle drucken lassen. Ich bringe ihn um.«

Besagtes Brando-Porträt eröffnet den mehr als 900 Seiten dicken Reportage-Band Die Hunde bellen, der alle journalistischen Arbeiten Capotes versammelt. Mit diesem opulenten Werk, 1973 im Original erschienen, schloss der Verlag Kein & Aber im vergangenen Jahr seine achtbändige Zürcher Werkausgabe ab. Die darin enthaltenen Porträts (u.a. von Marilyn Monroe, Charlie Chaplin, Humphrey Bogart, William Somerset Maugham und eben Marlon Brando) lassen in Details schon den Ton für den späteren, unvollendeten Roman Erhörte Gebete anklingen. Dieses letzte Werk des Amerikaners war seine persönliche Abrechnung mit der weltweiten High Society. Der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer, neben Gore Vidal einer von Capotes strengsten Kritikern aus dem Kollegenkreis, prophezeite schon 1959 das Sprengstoffpotential, welches in Capotes exklusiven Beziehungen zum Jetset lag. »Ich vermute, er schwankt zwischen den Attraktionen der Society, die ihren Spaß an ihm hat und ihn daher entschädigt für seine einzigartigen Gaben, und dem Roman, den er aus dem wahren Leben der Klatschkolumne gestalten könnte, ein großes Werk, aber es würde ihn für immer aus seiner bevorzugten Welt verbannen.«

Der Klatschkolumnenroman Erhörte Gebete erschien erst posthum, so dass Capote zum Zeitpunkt der Publikation schon nicht mehr von dieser Welt und damit auch kaum mehr aus seiner bevorzugten zu verbannen war. Und dennoch scheint es so, als wäre das kollektive Vergessen seines Werkes in den achtziger und neunziger Jahren eine Art Strafe für sein schonungsloses und doch abgrundtief ehrliches Schaffen gewesen. Inzwischen erinnern sich seine Leser an das, was er gewöhnlich antwortete, wenn sich wieder einmal ein A-, B- oder C-Sternchen über seine Enthüllungen empörte: »Ich begreife gar nicht, warum alle so verstört sind. Was dachten sie wohl, wen sie bei sich hätten – einen Hofnarren? Sie hatten einen Schriftsteller vor sich.« Und was für einen.

Genau aus diesem Grund haben sich Capotes Werke mittlerweile aus dem Dunkel erhoben und erstrahlen wieder in vollem Glanz, angefangen von seinem erst 2004 entdeckten Erstlingsroman Sommerdiebe und dem Debütroman Andere Stimmen, Andere Räume über die Folgeromane Die Grasharfe, Frühstück bei Tiffany, Kaltblütig und Erhörte Gebete bis hin zu den gesamten Short Storys – darunter auch die preisgekrönten Erzählungen »Miriam« und »Die Tür fällt zu« in dem Band Baum der Nacht sowie seinen journalistischen Arbeiten in Die Hunde bellen. All diese Werke belegen eindrucksvoll Klasse und Rang seiner Arbeiten. Capotes Literatur ist wie eine Welle, die ebenso erschlagend wie erfrischend ist.

Als Autor schuf Truman Capote auch ein neues Genre, den nicht-fiktionalen Tatsachenroman, oder anders gesagt, den erzählenden Journalismus. Höhepunkt dieser auf Fakten basierenden Schreibkunst war zweifellos sein Roman Kaltblütig, gleichzeitig Untersuchung eines Familienmordes in der Kleinstadt Holcomb sowie Psychogramm der beiden Täter Perry Smith und Richard (Dick) Hickock. Für diesen Tatsachenroman tauchte Capote mehr als sechs Jahr komplett ab, verließ den Jetset und begab sich in die dunkle Unterwelt.

Er besuchte unzählige Male Smith und Hickock in ihren Zellen, während sie auf den Vollzug ihres Urteils (Tod durch den Galgen) warteten. Lange Zeit blieben ihm beide Täter fremd, Smith noch mehr als Hickock. Capote führte (anfangs gemeinsam mit seiner Freundin Harper Lee) mehr als einhundert Interviews mit anderen Todeskandidaten, nur um die Situation der beiden besser zu verstehen, um in ihre Gedankenwelt vordringen zu können. Was ihn – ganz nebenbei bemerkt – zu einem von zwei Personen weltweit macht, die sowohl den beiden Kennedy-Brüdern John und Robert als auch ihren Mördern Harvey Oswald und Sirhan Bishara Sirhan persönlich begegnet sind.

Für Perry Smith und Richard Hickock wollte Capote ein Bruder im Geiste werden. Es gelang ihm. Für beide wurde er zum Vertrauten, zum Beichtvater, zum letzten Gesprächspartner und Zeugen ihrer Hinrichtung. Die Urteilsvollstreckung blieb für den sensiblen Capote ein lebenslang anhaltendes, traumatisches Ereignis (erkenntnisreich für die vielen Motive und Vorgehensweisen ist das Interview mit der New York Times, dass sich in George Plimptons gerade erschienenem Berichte- und Gerüchteband Truman Capotes turbulentes Leben kolportiert von Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten befindet). Der daraus resultierende Tatsachenroman Kaltblütig – in Capotes Augen »ein ganz perfektes Buch« – stürmte die Bestsellerlisten, brachte ihm Millionen US-Dollar (sowie riesige Vorschüsse für eventuelle Folgewerke) ein und gehört heute zu den Klassikern der Kriminalliteratur.

Capotes Arbeitsstil war der eines Besessenen. Mit geradezu manischer Akkuratesse überarbeitete er seine Texte. »Ich muss nach Hause und das überarbeiten, was ich heute morgen geschrieben habe«, soll er seiner Freundin Judy Green immer wieder entgegnet haben, wenn sich diese mit ihm getroffen hatte. Unzählige Male las er seine Manuskripte vor der Abgabe, strich Passagen wieder heraus, änderte die Satzstellung und tauschte einzelne Wörter aus, bis sie die Schärfe besaßen, die noch heute den Reiz der Lektüre von Capotes Literatur ausmachen. Der Stil überwiegt bei ihm den Inhalt. Sein Motto lautete: »Das was ein Künstler zum Thema erhebt, ist weniger wichtig, als die Art, wie er es zu diesem macht.« Dies hat seine Werke zu dem gemacht, was sie geblieben sind: Zeitlos genial. Bei Romanen mag dies nicht unbedingt außergewöhnlich sein, bei Kurzgeschichten vielleicht auch nicht. Aber das journalistische Arbeiten heute noch genauso viel Aussagekraft und Aktualität besitzen wie vor dreißig, vierzig und sogar fünfzig Jahren, ist außergewöhnlich.

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