Sergej Eisenstein liebt und stirbt in Mexiko

Peter Greenaway: Eisenstein-in-Guanajuato

In dem hervorragend arrangierten und wunderbar spielerischen Wettbewerbsbeitrag »Eisenstein in Guanajuato« werden vor dem Hintergrund eines Mexiko-Aufenthalts des russischen Regisseurs in den dreißiger Jahren Fragen nach Tod und Leben diskutiert. Ein herausfordernder Genuss für alle Sinne.

Der britische Regisseur Peter Greenaway wollte eigentlich keine Filme mehr drehen. Nach der Premiere von Eisenstein in Guanajuato ist man dankbar, dass er es sich anders überlegt hat, denn der Film ist bislang der witzigste, verspielteste und aufregendste Beitrag im Wettbewerb der 65. Berlinale.

Der Ansatz ist vergleichbar mit Ava DuVernays Biopic über Martin Luther King Selma, dass sich in jeder Sekunde erfolgreich als Nicht-Biopic inszeniert. Auch Greenaway hat aus dem Leben des russischen Regisseurs einen winzigen Moment herausgenommen, den er auf die Leinwand und zugleich ein ganzes Leben dahinter in Schwingung bringt. Auf diese Weise will der Brite der »ultimativen Vaterfigur des Weltkinos« die Ehre zuteil werden lassen, die ihm gebührt. »Es wird Zeit, den größten Regisseur zu feiern, den es jeweils gab«, verkündete er auf der Pressekonferenz zum Film.

Tatsächlich ist dieser zitatenreiche Film über zehn aufregende Tage in der mexikanischen Provinzstadt Guanajuato ein großes Fest der Farben und Perspektiven, des Schauspiels und der Dialoge sowie der Möglichkeiten des modernen Kinos. Greenaway ist ein Verfechter des digitalen Kinos, diese Technik biete unendliche Möglichkeiten, noch mehr zu wagen und zu spielen. Was er damit meinte, kann man in seinem Wettbewerbsbeitrag sehen. »Cinema begins now«, rief er nachdrücklich den anwesenden Journalisten bei der anschließenden Pressekonferenz in Berlin zu und ergänzte: »What the hell is realism? God has it done already, so why should I do it again?«

Eisenstein in Guajanuato ist ein von der ersten bis zur letzten Szene durchkomponierter Film, ohne dabei konstruiert zu wirken. Jede Einstellung ist ausbalanciert, die Filmmusik perfekt auf die Erzählung abgestimmt und jede Szene am richtigen Platz; der schauspielerische Höhepunkt findet exakt im Zentrum des Films statt. »Alle Architekten lieben das Kino«, sagt Sergej Eisenstein im Film. Und Greenaway liebt die Architektur, will man dies kommentieren, doch da ist dieser rasante Film schon längst woanders.
Eisensteins Mexikoaufenthalt beginnt mit der Anfahrt auf Guanajuato, in der Farb- und Schwarz-Weiß-Aufnahmen ineinander übergehen und sich abwechseln. Als Greenaways exaltierter Eisenstein, herausragend gespielt von Elmer Bäck, aussteigt, schimpft er über die allgegenwärtigen »russischen Fliegen« mit ihren blutunterlaufenen Augen und ihrem Akzent, die ihm aus Russland gefolgt seien. Schon in diesen ersten Minuten wird deutlich, dass dieser Film optisch und dialogisch Großartiges zu bieten hat.

Optisch setzt er vor allem auch auf Verfremdung. Peter Greenaway und sein Kameramann Reinier von Brummelen verwendeten dazu gigantische Weitwinkel, lassen die Kamera im Karussell fahren oder teilen das Bild auf, um verschiedene Perspektiven auf die gleichen Panoramen zu zeigen und sie übereinander zu schieben, oder um historisches Material unterzubringen.
Nach einer durchzechten Nacht folgt ein grauenvoller Morgen (»Kotze und Scheiße strömen aus mir heraus, ich sollte hier nicht sein.«) und zehn weitere Tage, die Eisenstein an der Seite seines mexikanischen Guides Palomino Cañedo, nicht minder großartig von Luis Alberti verkörpert, verbringen wird. Cañedo wird sich mit größter Zuwendung um den eigenwilligen russischen Regisseur kümmern. Die Dreharbeiten für einen Film geraten dabei schnell in den Hintergrund. Ins Zentrum rückt das intensive Verhältnis zwischen Eisenstein und Palomino, der ihn nicht nur in den Totenkult Mexikos einweihen, sondern auch in die Liebe einführen wird.

Ins Zentrum seines Films hat Greenaway einem »Initiationsakt« gelegt, eine Sexszene, die es in ihrer unmittelbaren Intensität in sich hat. Im Mainstream-Kino ist sie in der Form vielleicht nur mit den Aktszenen von Léa Sedoux und Adèle Exarchopoulos in Abdellatif Kechiches Blau ist eine warme Farbe vergleichbar.

Greenaway geht noch einen Schritt weiter und erzählt in dieser Szene parallel die Geschichte der Invasion Lateinamerikas durch die Europäer und die der Russischen Oktoberrevolution. Beide assoziiert er mit der Metapher der »Entjungferung«. So wie Sergej Eisenstein durch seinen Begleiter Palomino Cañedo seine Unschuld verliert, haben Lateinamerika und das russische Volk ihre Unschuld verloren. Kechiche gewann mit seinem Film 2013 in Cannes die Goldene Palme. Ob Greenaway ein ähnlicher Coup gelingt, muss man abwarten, aber ganz schlecht sind seine Karten nicht. Allein die zehn Minuten im Zentrum des Films sind meisterhaft.

Von Eisenstein sei Greenaway seit seinem Studium fasziniert gewesen, erzählt der Brite. Mit dem Film Streik habe alles angefangen, weitere Werke wie Panzerkreuzer Potemkin, Oktober oder Alexander Newski habe er aber bald danach gesehen. Dabei sei ihm aufgefallen, dass sich nach der Abbildung der großen Massenbewegungen der Stil Eisensteins verändert habe, sein Kino individueller und humanistischer geworden sei. Eisenstein in Guanajuato ist Greenbergs These, was diesen Wandel herbeigeführt haben kann. Er vermutet, dass der Schlüssel in den Amerika-Aufenthalten zwischen 1929 und 1931, genauer gesagt in den zehn Tagen liegt, während der er in Mexiko für den nie fertiggestellten Film Que Vida Mexiko gedreht hat. »Zehn Tage, die Eisenstein erschütterten«, wie es im Film heißt. Eine Anspielung auf Eisensteins Verfilmung der Oktoberrevolution, an der es zu Beginn heißt, »Zehn Tage, die die Welt erschütterten«.

Die beiden Hauptdarsteller, der Finne Elmer Bäck als Eisenstein und der Mexikaner Luis Alberti als Cañedo spielen sich mit diesem Film ganz weit nach vorn im Wettrennen um die Bären für den besten männlichen Act. Bäck spielt den Eisenstein als überaus sensiblen, aber auch kindischen Typen, der neugierig auf die Welt ist und zugleich Angst vor ihr hat. Sein Counterpart Alberti verkörpert mit der Figur des Begleiters all das, wofür Mexiko hier stehen könnte. Das Exotische und Verführerische, aber auch das Unnahbare und Gefährliche. Gemeinsam geben Bäck und Alberti ihren Figuren eine famose körperliche Präsenz und Tiefe.

Am Ende dieser intensiven Mexikoerfahrung muss Eisenstein nicht nur das Land, sondern auch eine große Liebe zurücklassen. »I now want to leave heaven in a hurry«, lautet der letzter Satz in diesem Meisterwerk. »Cinema is there to be a joy. So let’s enjoy it«, sagte Greenaway am Mittwoch in Berlin. Nirgendwo konnte man das im Wettbewerb bislang besser als in seinem Beitrag.

3 Gedanken zu “Sergej Eisenstein liebt und stirbt in Mexiko

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