Flüssige dunkle Irrealität

Titelbild-Rey-Rosa

»Die Gehörlosen« heißt das Opus Magnum des guatemaltekischen Schriftstellers Rodrigo Rey Rosa, mit dem die Leser in ein Reich des Unbehagens reisen, in dem das Grauen der Moderne auf das Fremde des Ethnischen trifft.  

»Kurz vor Einbruch der Dunkelheit begann plötzlich ein Regen aus winzig kleinen Stechmücken herabzufallen, und jetzt war der Boden mit den kleinen sterbenden oder toten Insekten bedeckt. Das Wasser des Sees verströmte einen ungesunden Geruch – ein immer gewöhnlicher werdendes Phänomen. Die Mikroalgen waren bis zur Mittagszeit aufgetaucht und mehrere Generationen von Kadavern wurden Minute um Minute an die Oberfläche geschwemmt.«

Es ist eine der kleinen, unauffälligen Szenen in Rodrigo Rey Rosas bedeutendem Roman, in der die Bedrohung und das Unbehagen, die unablässig aus den Zeilen sickert, erstmals greifbare Gestalt annimmt. Auch wenn Mücken und Algen in diesem unter die Haut gehenden Sozialdrama kaum eine Rolle spielen, hält man sich dankbar an ihnen fest.

Die Gehörlosen meint die tauben und schwerhörigen Kinder der indigenen Einwohner Guatemalas, die zurückgezogen am Rand dieser mittelamerikanischen abergläubischen Gesellschaft leben. »Sie haben Kräfte, sie kennen andere Welten, die Gehörlosen«, heißt es zu Beginn des Romans. Kurz danach verschwindet Andrés, ein gehörloser Junge aus dem Stamm der Quiché-Indianer, nachdem es zu einem Unfall in der Nähe der westguatemaltekischen Stadt Solola gekommen ist.

Etwa einhundert Kilometer von den Ereignissen entfernt sorgt sich der zweifelhafte Geschäftsmann Don Claudio um seine Tochter Clara. Drohanrufe gehen angeblich täglich in seinem Haus ein, weshalb er den jungen Indio Cayetano als Leibwächter anheuert, der für die Sicherheit seiner Tochter sorgen soll. Doch der wird von der schönen Tochter um den Finger gewickelt und gewährt ihr mehr Freiheiten, als seinem Auftraggeber lieb sein kann. Ihre heimliche Beziehung mit dem international erfolgreichen Anwalt Javier deckt er, nicht ahnend, dass sie den Plan fassen, das Land zu verlassen.

Als Clara nach einer Benefizgala spurlos verschwindet, fürchtet Claudio, dass seine schlimmsten Ängste wahr wurden, während Cayetano das schlechte Gewissen plagt. Während erster seine Tochter schnell aufgibt, lässt zweiter nicht locker. Cayetano hört sich unter den Leuten um, sucht in Zeitungen und Radioberichten nach Hinweisen auf den Verbleib der schönen Clara. Nach Monaten oder Jahren – so genau weiß man das nicht, weil die Zeit hier im Stile von Jorge Luis Borges zugleich bestätigt und widerlegt wird, indem Zeiteinheiten zwar benannt werden, zwischen den Absätzen und Kapiteln aber eine unklare Menge an Zeit vergeht – stößt er auf einen Beitrag über ein Sanatorium für Indiokinder am Lago de Atitlá, Guatemalas zweitgrößtem See, und erinnert sich, dass Clara und Javier einst von der Gründung einer Klinik für die Kinder der benachteiligten indigenen Guatemalteken sprachen. Auf eigene Faust macht er sich auf den Weg in die Region und findet ein abgeschiedenes Sanatorium, in dem er ein dunkles Geheimnis vermutet. Als er Ermittlungen gegen die Klinik vorantreibt, geraten Clara und Javier in die Mühle von staatlichen Verfolgungsbehörden und dem besonderen Rechtssystem der Mayas.

Von der Kultur und Literatur Guatemalas ist hierzulande nur wenig bekannt. Einen ersten Eindruck über die Lebensverhältnisse konnte man bei dem Drama Ixcanul des jungen guatemaltekischen Regisseurs Jayro Bustamante bekommen. Der Film war im vergangenen Jahr der erste Wettbewerbsbeitrag des mittelamerikanischen Landes in der Geschichte der Berlinale. Er wurde gleich mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet, dem Silbernen Bären für neue Perspektiven, weil er – aus der indigenen Kultur heraus entwickelt – ohne Hektik mit starken Bildern vom harten Leben der indigenen Kulturen in Guatemala erzählt.

Was die Literatur betrifft, steht das Land in der Aufmerksamkeit weit hinter Argentinien oder Chile, die mit Jorge Luis Borges, Julio Cortázar, Adolfo Bioy Casares, César Aira, Claudia Piñeiro, Alan Pauls oder Martín Kohan einerseits sowie Pablo Neruda, Isabel Allende, Raúl Zurita oder Roberto Bolaño zahlreiche Schwergewichte vorweisen können. Bei Guatemala mögen sich ambitionierte Leser noch an den Namen Miguel Ángel Asturias erinnern, der 1967 als bislang einziger Guatemalteke den Literaturnobelpreis erhielt, doch danach wird es schon dünn. Der Hanser Verlag in München hat vor zwei Jahren Eduardo Halfon für den deutschen Buchmarkt entdeckt, ein aufregender Autor, der jedoch die meiste Zeit seines Lebens in den USA aufwuchs. Entsprechend ist seine Sprache durchdrungen von der westlichen Kultur, atmet aber in der Tiefe die düstere Faszination der südamerikanischen Literatur.