Dem Nachwuchs das Kommando geben

Das-Mag-Titel

Das niederländische Literaturmagazin »DAS MAG« gibt es erst seit fünf Jahren, aber schon jetzt ist es die wichtigste Stimme für junge Literatur aus Flandern und den Niederlanden. Der mairisch-Verlag legt zum Buchmesseschwerpunkt eine Best-Of-Ausgabe vor.

Literaturzeitschriften haben es immer schwer, denn die Zielgruppe, für die sie gemacht sind, ist klein. Meist sind es Autoren, Journalisten und Literaturliebhaber, die zu den oft aufwendig und hingebungsvoll zusammengestellten Publikationen greifen. Manche wie die österreichische Zeitschrift VOLLTEXT ersetzen das schwächelnde Feuilleton, andere wie die Zeitschrift für Literatur AKZENTE oder die Zeitschrift für brauchbare texte und bilder WESPENNEST nähern sich literarisch-illustrativ bestimmten Themenfeldern, die Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik die horen (die demnächst mit einer Ausgabe zu neuen Texten aus Flandern und den Niederlanden erscheint) sowie die Zeitschrift für Literatur text+kritik setzen auf die kritischen Betrachtungen von Literatur gestandener Autoren.

DAS MAG ist vom Ansatz her eher mit AKZENTE zu vergleichen, setzt aber einen noch deutlicheren Akzent auf den Nachwuchs. Die erste Ausgabe erschien im September 2011, innerhalb von 12 Tagen hatten die Macher über eine Crowdfunding-Kampagne die notwendigen 5.000 Euro gesammelt. Im Anschluss ging es steil bergauf. Die Gesamtauflage übersteigt die 80.000 Exemplare – eine gigantische Zahl für ein Literaturmagazin, nicht nur für die Region Flandern/Niederlande. Auf der Welle des Erfolgs organisieren die Macher der alle drei Monate erscheinenden und typografisch aufsehenerregend gestalteten Literaturzeitschrift Lesefestivals – in Amsterdam, Gent, Antwerpen und London. Im Juni wurde mit Unterstützung des mairisch-Verlags ein Festival in Deutschland durchgeführt.

DAS MAG erscheint alle drei Monate und präsentiert junge flämische und niederländische Autoren. Berücksichtigt man auch die Leseformate neben dem Magazin, sind mit DAS MAG Autoren wie Joost de Vries, Chad Harbach, Valeria Luiselli, Herman Koch, Jan Postma, Peter Buwalda, Dimitri Verhulst, Connie Palmen, David Sedaris, Donna Tartt und Arnon Grunberg verbunden. Darüber hinaus ist aus der Zeitschrift ein Verlag hervorgegangen, der die Roman von jungen Autoren wie Maartje Wortel, Lize Spit, Catherine Lacey oder Walter van den Berg verlegt.

Einige von diesen Autoren haben auch ihren Auftritt in der Best-Of-Ausgabe, die nun im mairisch-Verlag vorliegt. Sie lädt ein, die Vielfalt der Literatur des Ehrengastes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse kennenzulernen. Vielleicht keine ganz schlechte Idee, bevor man sich auf die weit über einhundert Bücher niederländischer und flämischer Autoren stürzt, die in den vergangenen Monaten erschienen sind beziehungsweise in den nächsten Wochen erscheinen werden; zumal eine literarische Landkarte Orientierung und Lesehilfe bietet.

Die Inhalte sind gleichermaßen verspielt wie bedeutungsschwer. Beispielsweise kann man von Gerbrand Bakker lesen, dass er Nachhilfe in Sachen »Krimi schreiben« bräuchte, dass Charlotte Mutsaers in der Schweiz nur eines will, »Heidi sein, und zwar jetzt sogleich!«, und Dimitri Verhulst gesteht, dass er auf einer einsamen Insel an einer zufällig angeschwemmten Flaschenpost verzweifeln würde.

Neben den kurzen Einwürfen dieser renommierten Autoren finden sich auch (mutmaßlich autobiografisch motivierte) Kurzgeschichten und Essays von Nachwuchsautoren. Joost de Vries (Jahrgang 1983) blickt in seiner Erzählung »Echte Männer« auf die renommierten US-Masters zurück, wo er mit einem Freund Tiger Woods (vergeblich) die Daumen gedrückt hat. Sein Text erkundet aber auch den american way of life im »land of cotton«. Der krude Wahlkampf in den Vereinigten Staaten macht diese Erzählung überaus aktuell. Die beiden jungen Autorinnen Lize Spit (Jahrgang 1988) und Maartje Wortel (Jahrgang 1982) stürzen sich und den Leser in ihre Seelenpein. Die Ich-Erzählerin in der Geschichte »Sattelschmerzen« der aktuellen It-Autorin Lize Spit blickt, während sie sich immer wieder auf die Couch ihres Therapeuten begibt, zurück auf ihre Beziehung mit Jonas, in der sie sich verirrt und verliert. In »Das Camp« von Maartje Wortel läuft die Protagonistin vor ihrer Therapeutin davon und zieht in ein Holzfällerlager für Männer. Dort gilt es, Bäume zu umarmen und seinen Frieden mit sich selbst, aber auch mit der Männergruppe zu finden.

Des Weiteren enthält das Best-Of-MAG Gedichte von Rodan al Galidi und Maud Vanhauwaert sowie zwei überaus lesenswerte Essays. Zum einen reist der junge Autor Daan Heerma van Voss (Jahrgang 1986) mit der Tochter von Harry Mulisch nach Auschwitz. Seine Reise kollidiert mit den Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung, seine Eindrücke sind unterwandert von Erinnerungen und Metawissen, sein Befinden bewegt sich zwischen Unbehagen und Wahnwitz. Bregje Hofstede (Jahrgang 1988) schreibt in ihrem »offenherzigen Essay« über ihr gestörtes Verhältnis von Körperkult und Verstand, dass sie in einer jahrelange körperliche und geistige Bulimie geführt hat.

Wie die Originale ist die Best-Of-Ausgabe eindrucksvoll gelayoutet. Illustration, Textgestaltung und die aufregende Literatur der jungen Autor*innen verschränken sich hier in bewundernswerter Manier zu einem Gesamtkunstwerk, dass man sich nur zu gern und viel zu schnell erschließt.

cover_52_300dpiDas Mag – »The Best-of«

Aus dem Flämischen/Niederländischen von Heike Baryga, Christiane Burkhardt, Janet Blanken, Stefan Wieczorek, Ira Wilhelm, Andrea Kluitman und Bettina Bach

mairisch Verlag 2016. 100 Seiten. 14,- Euro.

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