»Mich interessiert, wie Gesellschaft funktioniert«

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Mit »Wieder unterwegs« und »Bleierne Hitze« sind in diesem Frühsommer zwei neue Alben des franco-italienischen Zeichners Hervé Barulea, besser bekannt als Baru, erschienen. Seine Alben »Autoroute du soleil« und »Die Sputnik-Jahre« gehören zu internationalen Comic-Bestsellern. Wir sprachen mit ihm über seine Arbeit, die Motive in seinen Alben und seine gesellschaftspolitische Haltung. 

In Ihrem Album »Wieder unterwegs«, das bereits 1997 in Frankreich erschienen ist, erzählen Sie in Episoden Geschichten der einfachen Menschen in Frankreich. Haben Sie hier ihre multiperspektivisch-vielstimmige Erzählweise erfunden, die Ihre Alben prägt?

Als ich »Wieder unterwegs« geschrieben habe, hatte ich schon fast zwanzig Jahre Erfahrungen im Comic sammeln können. Vor allem erschien das Album nach »Autoroute du soleil« (1995 in Frankreich erschienen, A.d.A.), das Album, in dem ich meinen Erzählstil gefunden habe. Was die Erzählstruktur des Albums angeht, war »Wieder unterwegs« ein Versuch, wie dieses Erzählen in Episoden und verschiedenen Perspektiven funktionieren kann. Für mich bestand die Frage darin, ob ich in der Art und Weise ein Album machen kann, das seine eigene interne Existenzberechtigung hat. »Wieder unterwegs« ist ein Album, zusammengesetzt aus mehreren Kurzgeschichten, die ich für eine Fortsetzungsreihe beim größten französischen Comicverlag Casterman umgesetzt habe. Ich hatte dabei die Idee, das im Mittelpunkt der Geschichte eine Person stehen muss, die in irgendeiner Art »unterwegs« ist, um Erlebnisse und Anekdoten einzusammeln, die typisch waren für das Frankreich der neunziger Jahre. Diese Idee ist der Ursprung der kleinen Episoden und Kurzgeschichten, die ich hier erzähle. Später hatte ich dann die Idee, diese Geschichten wieder zu einer größeren zusammenzuführen. Dafür habe ich den zweiten Teil des Albums erfunden, der deutlich länger ist als alle anderen. Im Ganzen ist das Album dann eine Chronik der neunziger Jahre in Frankreich. Nun kommt noch ein zweiter Aspekt hinzu. Das Album ist so etwas wie der Ausgangspunkt meiner intellektuellen Auseinandersetzung mit der französischen Gesellschaft. Beim Umsetzen dieser Chronik habe ich bemerkt, dass ich in dem Album immer wieder von mir selbst und meiner Generation sprechen will.  Also habe ich neben der weiblichen Hauptfigur einen zweiten männlichen Erzähler eingeführt, der in den neunziger Jahren um die fünfzig Jahre alt ist und sich über die sich verändernde Welt wundert, die ihn umgibt. Der sich aufgrund seiner eigenen Unveränderlichkeit in dieser Welt auch selbst verloren fühlt.

In »Bleierne Hitze« haben Sie den gleichnamigen Kriminalroman von Jean Vautrin adaptiert. Dies ist die zweite Krimiadaption von Ihnen. Wie gehen Sie dabei vor, wenn Sie Literatur in Neunte Kunst verwandeln?

Ich mache das nicht oft. Ich brauche diese literarischen Vorlagen nicht, ich habe genug Stoff in meinem Kopf. Diese Krimiadaptionen sind Folgen zufälliger Begegnungen. Jean Vautrin habe ich ebenso zufällig getroffen wir Pierre Pelot, dessen Krimi »Elende Helden« ich zuvor als Comic umgesetzt habe. Ich lese übrigens fast nur Kriminalromane, denn dies scheint mir die für die Moderne am besten passende Literatur zu sein. Wir haben uns also getroffen und entschieden, zusammen etwas zu machen. Und dann geht es los. In dem Moment, in dem ich mich entschieden habe, einen Roman zu adaptieren, denke ich darüber nach, was das genau heißt. Und der Comic am Ende ist die Harmonie aus dem Resultat meiner Überlegungen und meinen zeichnerischen Fähigkeiten.

Collage-TitelDer Comic »Wieder unterwegs« beginnt mit dem Auftritt einer Musikgruppe. Musik spielt in all ihren Arbeiten eine große Rolle. Wie kommt es dazu?

Der Ausbruch des Rock’n Roll Ende der fünfziger Jahre spielt eine immens wichtige Rolle in meinem Leben. Letztendlich weiß ich nicht, ob es tatsächlich diese Musik war, die zu den Ereignissen und Entwicklungen geführt hat, die 1968 und später eingetreten sind, oder ob der Rock’n Roll nur ein Symptom der Reife unserer Gesellschaften für diesen Umbruch war. Womöglich war diese Musik – es gibt Menschen, die sagen, es sei keine Musik, aber das ist mir egal, denn für mich ist nur wichtig, was mir diese Musik bedeutet hat und immer neu bedeutet – nur das Symptom. Denn Rock’n Roll hat etwas mit dem Körper zu tun, ist keine Sache des Kopfes. Ich glaube, dass die sexuelle Revolution irgendwie dessen Folge als körperfixierte Musikform ist. Deshalb haben auch die Älteren alle eine schreckliche Angst vor dieser Musik. Und parallel zum Ausbruch des Rock’n Roll begann die Erfolgsgeschichte der modernen Comics statt, weil die Autoren sich bis Ende der sechziger Jahre vom Käfig der Kinderliteratur befreit haben. Und ich gehöre zu der Generation, die all das erlebt und geprägt hat. ich bin Teil der Comicbewegung und natürlich spielt das dann eine große Rolle.

Ihr bekanntestes Album ist zweifelsohne »Autoroute du Soleil«. Sie haben für den Comic mit einem japanischen Verlag zusammengearbeitet. Wie ist es dazu gekommen?

Der Verleger des japanischen Hauses Kodansha kam auf mich zu und fragte, ob ich etwas für seinen Verlag machen könnte. Ich habe ihm dann diese Geschichte vorgeschlagen und er war einverstanden. So habe ich von Frankreich aus die 15 Episoden von »Autoroute du Soleil« für das Wochenmagazin des Verlags »Morning« gezeichnet. Casterman hat dann die Rechte von Kodansha gekauft, um die französische Ausgabe zu machen.

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Wie hat diese Erfahrung ihre Art zu arbeiten verändert?

Meine Art zu arbeiten hat es in dem Sinne kaum verändert. Der entscheidende Punkt aber ist: Ich war gerade dabei, etwas Neues zu suchen, und diese Kooperation hat mir die Möglichkeit gegeben, dieses etwas zu finden. Diese Erfahrung war wie ein wunderbares Experiment. Ich konnte viele Dinge ausprobieren, etwa die Art und Weise, Dinge anders zu erzählen als bisher, angesichts der Schwäche der Seitenaufteilung der traditionellen französischen Comics. Ich konnte so endlich meine eigene Erzählstimme finden. Vor allem konnte ich seither nie wieder auf das klassisch-kurze Format der französischen Alben von 48 Seiten zurückkehren. Das hat mir die Erzählweise, die ich für mich beim Zeichnen von »Autoroute du soleil« entdeckt habe, nicht mehr erlaubt. Dieser Comic war für mich wie eine Initialzündung. Ich wusste sofort, dass dies der Stil ist, in dem ich meine Geschichten erzählen will.

Wie stoßen Sie auf diese Geschichten? Verarbeiten Sie in Ihren Alben eigene Erlebnisse und Erfahrungen, schnappen Sie diese Geschichten auf der Straße auf oder lesen Sie davon in der Zeitung?

Es ist eine Mischung von all dem. Ich bin ziemlich aufmerksam, was die Ereignisse um mich herum und die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander umgehen, betrifft. Ich habe viele Jahre die gesellschaftspolitischen Ereignisse analysiert und habe ein Gefühl dafür, zu wissen, welche Sachen wichtig sind zu erzählen. Ich erfinde Geschichten um diese Dinge herum, um von ihnen erzählen, sie thematisieren zu können. Deshalb spielen in meinen Comics auch immer die gesellschaftspolitischen Ereignisse unserer Zeit eine wichtige Rolle, also der Aufstieg der rechtsextremen Front National, die Frage der Herrschaft des Menschen über den Menschen oder die Folgen der sozialen Wanderungen. Was mich interessiert ist die Frage, wie man all dem Entkommen kann. In all meinen Arbeiten geht es um Menschen, die versuchen, der Herrschaft, die über sie ausgeübt wird, zu entkommen und welchen Preis sie dafür zu zahlen haben. In »Autoroute du Soleil« geht es um genau diese Fragen. Da sind diese zwei jungen Männer, die versuchen, der sie umgebenden Welt zu entkommen und die vollkommen verändert zurückkehren, weil sie in der Zeit ihrer Reise etwas erlebt haben. Dieser Prozess steht im Zentrum meiner Arbeiten.

Möchten Sie, dass man ihre Comics als politische Kommentare liest?

Nein, ganz und gar nicht. Meine Alben sind keine politischen Kommentare im eigentlichen Sinne. Vielmehr kommentiere ich das soziale Verhalten der Menschen und suche Antworten auf die Frage, wie sich unsere Gewohnheiten entwickeln? Die Politik befindet sich für mich auf einer anderen Ebene. Da geht es ums Wählen, um die Regierung und so weiter. Und zugleich bin ich ein echter politischer Zeichner, weil ich mich dafür interessiere, wie Gesellschaft funktioniert.