Erst die Kunden, dann die Literatur

Foto: Buchkantine

Sarah Schaper von der Buchkantine in Berlin-Moabit spricht anlässlich der Woche der Unabhängigen Buchhandlungen über internetaffine Kunden, junge Lesende und die Zusammenarbeit mit anderen Buchhändlern.

Die Buchverkäufe in den Buchhandlungen gehen allgemein zurück, Leser wandern zu Amazon und Co. Wie spüren Sie das und was tun Sie gegen diesen Trend?

Wir bewerben unseren Onlineshop und unsere Kunden nutzen diesen dann gezielt. Meist können sie in der Regel auf das international breitere Angebot von Amazon verzichten. Es scheint sich auch langsam herumgesprochen haben, dass jeder Buchhändler so gut wie jeden Titel zum nächsten Vormittag bestellen kann, so dass die Amazon-Lieferzeit keinen Anreiz mehr bedeutet.

Welche Rolle spielt Ihr eigener Onlineshop und Ihr angeschlossenes Bistro?

Unsere Kunden sind größtenteils internetaffin und nutzen den Shop gerne. Er stellt dabei eine Ergänzung zur direkten und telefonischen Bestellung dar, die nach Ladenschluss oder auch tagsüber genutzt wird. Bistro und Buchhandel ergänzen sich, ohne einander zu stören. Beide Geschäfte werden sowohl zielgerichtet – also nur für den Buchkauf oder zum Essen – aufgesucht als auch spontan für beide Angebote genutzt. Da Buchhandel und Bistrobereich räumlich ineinander übergehen, unterstützen sie sich gegenseitig positiv. Trotz des zum Teil höheren Geräuschpegels des Restaurantbetriebs fühlen sich unsere Buchkunden nicht gestört. Sie stöbern und verweilen gerne und oftmals für recht lange Dauer.

Wie viele Kunden begrüßen Sie im Schnitt am Tag und wie viele verlassen Sie mit einem

neuen Buch?

Im Durchschnitt haben wir 60 Kunden am Tag, fast keiner verlässt uns ohne Buch.

Lassen sich Leser noch inspirieren oder wissen die meisten längst schon, was sie kaufen wollen?

Ein Teil unserer Kunden kauft sehr gezielt ein und ist über die Neuerscheinungen beziehungsweise besprochenen Titel überdurchschnittlich gut informiert. Beratungen oder Empfehlungen für bestimmte Titel werden auch gewünscht, viele sehen sich aber auch gern allein um und nehmen unser ausgewähltes Sortiment – als stumme Empfehlung – sehr gerne an.

Wie gelingt es in Berlin, in dem ein Event dem anderen folgt, Leser zu binden und in den Buchhandel zu bekommen?

Die Wirkung bezüglich der Attraktivität einer physischen Buchhandlung und einer guten, also kompetenten, freundlichen und herzlichen Beratung und Atmosphäre, ist nicht zu unterschätzen. Die Buchhandlung ist kein nüchterner Umschlagplatz für Bücher, sondern wird von vielen Kunden auch als schöner Ort empfunden, an dem man gerne verweilt – sowohl mit Beratung oder Gespräch als auch allein. Buchhandlungen sind Inseln der Ruhe, regen die Unterhaltung an und erschließen neue Welten. Kein anderes Gut hat dieses Potential und keine noch so gut gepflegte Webseite wird das ersetzen können.

Welche Bedeutung haben dabei Lesungen oder Leseabende und in welchem Verhältnis stehen dabei Aufwand und Nutzen?

Lesungen werden sehr gerne angenommen, jedoch können wir diese wegen unserer Räumlichkeiten nicht sehr häufig anbieten.

Buchkantine-Innen-WebWie gewinnen Sie junge Leser?

Wir sind – nicht zuletzt durch unsere große Spielecke – eine sehr kinderfreundliche Buchhandlung, so dass der Kontakt zu Kindern beziehungsweise deren Eltern auch schon vor einem Interesse an Büchern hergestellt ist. Jede Altersklasse findet bei uns ein Buch, viele Titel sind frontal oder auf Tischen thematisch präsentiert und können angeschaut werden. Unsere Kinder- und Jugendbuch-Abteilung nimmt einen großen Bereich ein und wird von uns ebenso sorgfältig gepflegt wie die anderen Abteilungen.

Welche Bedeutung haben für Sie Aktionen wie die Woche der Unabhängigen Buchhandlungen, Stadt-Land-Buch oder das Internationale Literaturfestival? Ist davon etwas in Ihrer Buchhandlung zu spüren? Und nehmen Sie diese zum Anlass für eigene Aktionen?

In unserer Buchhandlung sind diese Aktionen nicht sehr spürbar. Buchpreise, Diskussionen auf den Buchmessen oder Buchempfehlungen in den Medien spüren wir hingegen durchaus.

Was wünschen Sie sich von den Verlagen und was vom Buchhandel, also den Kollegen und Konkurrenten?

Kundenorientierung erzeugt nicht zu vernachlässigende positive Nebenwirkungen! Ich begrüße es sehr, wenn man für einen Kunden auch einmal die Konkurrenz anruft oder ihm eine Telefonnummer einer Fachbuchhandlung (Reisebuchhandlung, Fremdsprachige Bücher, Fantasy u.a. …) gibt, da man in einzelnen Fällen auf diese Weise unter Umständen besser helfen kann. Natürlich sollte zu diesem Mittel nur gegriffen werden, wenn man an seine Grenzen gestoßen ist. Der Kunde geht an diesem Tag, kehrt aber sehr gerne wieder und zwei Buchhandlungen freuen sich. Den lokalen Handel zu stärken – also auch den meines lokalen Konkurrenten – nützt nicht zuletzt der gesamten Branche.

Sollten unabhängiger Buchhandel und unabhängige Verlage stärker zusammenarbeiten und mehr Kooperationen suchen?

Das Sortiment sollte vor allem nach Standort und entsprechender Klientel (auch im größeren Radius gedacht!) bestimmt sein. Ein Indieladen mit Indiebooks passt nicht überall hin. Ansonsten finden diese Kooperationen ohnehin statt – man muss sich nur darum kümmern.

Der Deutsche Buchhandlungspreis ist immer wieder viel diskutiert. Vielen fehlt es an klaren Bewertungskategorien, einigen sind zu viele Hauptstadtbuchhandlungen unter den Nominierten. Wie sehen Sie das? Ist dieser Preis sinnvoll und hilft er den Buchhandlungen tatsächlich irgendwie?

Es ist interessant zu sehen, was die anderen machen. Ein (beobachteter) Effekt ist, dass es die Kunden freut und sie sich in der Wahl ihrer Hausbuchhandlung bestätigt sehen. Sonderlich ins Gewicht fällt dieser Preis meiner Meinung nach aber nicht.

Ein anderer Preis des unabhängigen Buchhandels ist das »Lieblingsbuch der Unabhängigen«. Wie sehen Sie solche Auszeichnungen, die immer auch mit den anderen großen Literaturpreisen konkurrieren?

Es gibt mittlerweile so viele Preise und es herrscht meiner Meinung nach zum einen eine gewisse Übersättigung und zum anderen Misstrauen darüber, wie Preise generell zustande kommen. Das ist je nach Kundenklientel zwar verschieden. Manche fragen gezielt nach »Preisträgern«, so dass der Buchhändler durch solche Auszeichnungen unterstützt wird. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Unterstützung ist willkommen in der Titelflut. Jedoch ist mir die Auswahl manchmal zu stark an gesellschaftlichen akuten Problemlagen orientiert, aber das würde jetzt die Frage nach der »Aufgabe« der Literatur (und des Buchhändlers?) aufmachen.

Worin besteht Ihrer Ansicht nach die größte Herausforderung für den unabhängigen Buchhandel?

Er muss neben allen anderen Individualisten immer noch eine eigene gute Idee, ein Konzept als Alleinstellungsmerkmal finden. Er sollte dafür seinen Standort gut kennen, das heißt nicht an der realen Kundschaft vorbei organisieren.

Bitte setzen Sie diesen Satz fort: Eine gute Buchhändlerin/ein guter Buchhändler sollte…

…eine Balance zwischen einem selbstbewussten persönlichen Sortimentsprofil und populärer Unterhaltungsliteratur für seinen jeweiligen Standort und das entsprechende Publikum anstreben. Der Kunde, nicht die Literatur, sollte letztlich sein Hauptaugenmerk sein. Interessantes und Neues anzubieten, das den Kunden nicht durch Algorithmen erreicht, sondern durch Titelkenntnis auf der einen und echtes Interesse an der Kundschaft zum anderen.

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