Der Rassismus unter der Haut

© 2016 Universal Pictures

Jordan Peele ist mit seinem erstklassigen Horrorfilm »Get Out« ein Genrefilm zum Thema Rassismus gelungen, der im amerikanischen Kino bislang einzigartig ist. Dafür erhielt er bei den diesjährigen Academy-Awards den Oscar für das Beste Drehbuch.

In Stanley Kubricks kultiger Gewaltorgie Clockwork Orange wird der Brutalo Alexander DeLarge vor einem gigantischen Monitor fixiert und muss sich stundenlang Gewaltszenen anzuschauen, bis er sie körperlich nicht mehr ertragen kann. Jordan Peele beruft sich in seinem auf den Punkt erzählten Black-New-Cinema-Horrorfilm nicht direkt auf Kubricks Meisterwerk, aber die Referenz ist schon mehr als deutlich. Da findet sich der schwarze Chris (Daniel Kaluuya), der mit seiner weißen Freundin Rose (Allison Williams) ein Wochenende bei ihren Eltern in der amerikanischen Einöde verbringt, angeschnallt in einem Ledersessel wieder und wird mit kruden Filmen beschallt. Er soll begreifen, dass es zwecklos ist, sich gegen das Schicksal zu wehren.

Das Regiedebüt des 38-jährigen Peele ist ein Meisterwerk des Art-House-Cinema, in dem er die Mittel des Mainstream-Horror-Genres nutzt, um in einem pseudoliberalen Post-Obama-Amerika von der american angst vor dem »bösen schwarzen Mann« zu erzählen. Das Genre liefert dabei die stilistische Vorlage, um schnörkellos und effektvoll auf ein unbarmherziges Finale hinzu zu erzählen. Das beginnt schon in der ersten Szene, in der Run Rabbit Run von Flanagan und Allen aus einem Auto schallt. »Bang, bang, bang, bang goes the farmers gun, run rabbit, run rabbit, run, run, run, run« klingt es im harmlosen Fünfziger-Jahre-Kitsch durch die Scheiben, während jenes Auto langsam neben einem jungen Schwarzen eine dunkle Straße entlangfährt. Sofort wird klar, dass das Kaninchen, auf das hier Jagd gemacht wird, schwarz ist und keine Chance hat.

Dabei soll in dem Amerika von Get Out schwarz das neue weiß sein, wie man kurz darauf erfährt. Zu diesem Zeitpunkt steht dieser Satz noch wie ein Rätsel im Raum, später wird er zu einer schrecklichen Gewissheit werden. Doch bis dahin wird Chris mit dem subtilen Horror des Unbehagens Bekanntschaft machen, der schon Klassiker wie Stanley Kubricks The Shining oder Roman Polanskis Rosemaries Baby geprägt hat. Denn irgendetwas stimmt nicht im Leben von Roses Eltern, deren Haus an eine Südstaatenvilla erinnert. In diesem Haus gibt es zwei dunkelhäutige Angestellte, die rätselhaft selbstbewusst die weiße Gesellschaft bedienen, die von Roses Eltern zu einer Gartenparty eingeladen wurden.

Nicht nur das Klischee von »weiße Familie, schwarze Diener« widerspricht der auffällig liberalen Haltung von Roses Eltern, sondern auch so manch rassistische Aussage aus dem Familienumfeld, die dann freundlich weggelächelt wird. Doch das Verständnis derjenigen, für die Hautfarbe keine relevante Größe darstellt, ist die Gefahr der anderen, für die das nicht gilt. Weil sie sie in einer falschen Sicherheit wiegt. Im Film wird dieser trügerische Hafen als »versunkener Bereich« bezeichnet. Dieser Bereich umschreibt den Ort im Keller des Hauses, wo bereits einige Farbige ihr Leben für das Überleben der Hausherren lassen mussten. Ein Ort, an dem das Grauen in diesem gleichermaßen erstklassigen wie überraschenden Genrefilm seinen Ursprung hat.

Get OutJordan Peele: Get Out

Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener, Bradley Whitford

104 Minuten.

Panorama Entertainment