Lola rennt im Hamsterrad

Marie Kreutzer: Der Boden unter den Füßen | © Juhani Zebra / Novotnyfilm

Die Österreicherin Marie Kreutzer ist mit »Der Boden unter den Füßen« im Wettbewerb vertreten. Ihr Film porträtiert eine Unternehmensberaterin und ihren Berufszweig. Der stellt sich als genauso trist wie man ihn immer vermutet hat heraus.

»Es könnte sein, dass der Herd noch eingepackt ist«, warnt Lola ihre Geliebte vor, die sie überraschend vor ihrer Wohnungstür abfängt, um sie zu bekochen. Da hat man längst verstanden, dass Lola mit dieser schönen Wohnung nichts verbindet. Die 30-Jährige ist Unternehmensberaterin, sie verbringt mehr Zeit in anonymen Hotels und Meetingrooms als in ihrem großzügigen Appartement mit Blick über Wien.

Dass sie nirgendwo zuhause ist, erfährt man während der knapp zwei Stunden währenden Sozialstudie gleich auf mehreren Ebenen. Die Kurzform lautet: »Vollwaise, Single, keine Kinder.« So bringt die junge Frau, die während alle anderen schlafen ihren Körper stählt, die besten Voraussetzungen mit, um für ihr international tätiges Unternehmen alles zu geben. Wenn sie diesen Auftrag in Rostock jetzt an Land zieht, könnte es danach nach Sydney gehen. Scheitert sie, droht eine andere deutsche Provinz.

Über weite Strecken bildet Regisseurin Marie Kreutzer (»Was hat uns bloß so ruiniert?«) einfach nur den tristen Alltag der Beraterbranche ab. Auf der Kinoleinwand wechseln sich öde Landschaften, sterile Hotelzimmer und heruntergekommene Büroräume ab – die erwartbare Tristesse wird permanent ausgestellt. Auch das aufgesetzte Miteinander im Team, wo es doch nur darum geht, wer die dicksten Eier hat – was Lola in die deutlich schlechtere Position als ihre männlichen Kollegen bringt (der Machismo in der Branche wird kurz, aber treffend porträtiert) – ist vorhersehbar.

Marie Kreutzer: Der Boden unter den Füßen | © Juhani Zebra / Novotnyfilm

Marie Kreutzer: Der Boden unter den Füßen | © Juhani Zebra / Novotnyfilm

Zwei Geheimnisse geben dem Film einen lohnenswerten Zugang zum Thema. Zum einen hat Lola eine psychisch kranke Schwester, von der niemand weiß. Um Conny (Pia Hierzegger) muss sich Lola nebenher kümmern. Bei ihren Besuchen in der Psychiatrie wird die junge Beraterin beständig mit einem Thema konfrontiert, dass sie im tiefsten Inneren bedrängt: der Angst vor dem eigenen Versagen, vielleicht sogar, von der selben Erkrankung eingeholt zu werden und »für nichts nützlich« zu sein. Sie würde plötzlich zu denen gehören, die sie in anderen Unternehmen wegrationalisiert. (Die Gegenüberstellung von Psychiatrie und Unternehmensberatung in Zeiten von Leistungsgesellschaft und Burnout hat zudem ihren eigenen Reiz.)

Valerie Pachner spielt diese Rolle in einer bemerkenswerten Introvertiertheit. Ohne die perfekte Fassade der Beraterin fallen und irgendjemanden wirklich an sich heran zu lassen, muss man diese Angst ihrem intensiven Minenspiel ablesen. Dass man ihrer Figur nie nahekommt, ist ein Beleg, wie gut sie diese unnahbare Sklavin des Kapitals spielt. Nähe hat in dieser Welt keinen Platz.

Das zweite Geheimnis ist die Affäre, die Lola mit ihrer Vorgesetzten Elise (Maria Hörbiger) führt. Sie verstärkt Lolas unablässige Befürchtung, als unqualifiziert und nicht gut genug aufzufliegen. Der Film thematisiert die permanente Unsicherheit über das eigene Können. Die Angst, nicht gut genug zu sein für das, was man tut, prägt die Arbeitswelt des Turbokapitalismus. Man kann sie hier geradezu mit Händen greifen. Denn Lola verliert mit jeder Minute, die dieser Film dauert, mehr und mehr den »Boden unter den Füßen«.