Literatur, Roman

Ausgeliefert oder: Broken Riders

© Thomas Hummitzsch

Der in Berlin lebende Israeli Tomer Gardi legt mit »Liefern« einen vibrierenden Gegenwartsroman vor. Er erzählt von Menschen, die gleichermaßen im Zentrum unserer Dienstleistungsgesellschaft und am unteren Ende der kapitalistischen Nahrungskette stehen. 

Tomer Gardi widmet sich in seinem neuen Roman einer kaum zu übersehenden und doch meist übersehenen Berufsgruppe: den Kurieren. Allein die Zusammensetzung dieser an den Rand der Gesellschaft gedrängten Gruppe lässt vermuten, dass es in »Liefern« recht international zugehen muss. Das reicht Gardi aber nicht. Er macht aus einer Milieustudie einen internationalen Gegenwartsroman, der von Berlin nach Tel Aviv, Neu-Delhi, Buenos Aires und Istanbul führt.

Die Welt ist für Gardi dabei ein Ort, über den er ein dichtes Geflecht aus Personen und Schauplätzen spannt. Filmon aus Eritrea arbeitet in Tel Aviv unter falschem Namen als Essenslieferant. Er ist aus seinem Heimatland geflohen, um dem brutalen Militärdienst zu entkommen. Seine Freundin Daniat und seine kleine Tochter Israel haben es schon nach Berlin geschafft und warten dort seit Jahren auf ihn. Dass ihre Existenz an seinem unermüdlichen Tun hängt, ahnen Mutter und Tochter nicht. 

Tomer Gardi: Liefern. In Teilen aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer. Tropen Verlag 2026. 320 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen https://www.klett-cotta.de/produkt/tomer-gardi-liefern-9783608502633-t-9327
Tomer Gardi: Liefern. In Teilen aus dem Hebräischen übersetzt von Anne Birkenhauer. Tropen Verlag 2026. 320 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen.

In Neu Delhi wartet die indische Managerin Megha mit ihren beiden Kindern auf ihre Burger, die sie sich am Abend des traditionellen Divali-Fests bestellt haben. Doch der blaue Punkt auf der App bewegt sich nicht, weil sich etwas Unvorstellbares ereignet, wie man im Laufe des Romans erfährt. 

In Buenos Aires liefert der Venezolaner Ciervo das Essen aus, allerdings streikt sein in die Jahre gekommenes Handy. Glücklicherweise findet er ein neues. Das führt die Handlung über Umwege nach Berlin, wo der Ich-Erzähler dieses Romans mit seinem schütteren Haar hadert. Er wird mit einem Freund nach Istanbul reisen, um sich dort mit dem bei einem Literaturpreis ergaunerten Geld einer Haartransplantation zu unterziehen. Nebenbei schauen sich die beiden Freunde die Stadt an und lernen den Motorradkurier Resul kennen, der für den lokalen Marktführer Essen ausliefert. 

»Wisst ihr, was Resul bedeutet? Auch bei uns wissen es die meisten Leute nicht, aber ich hab ja türkische Literatur und Sprache studiert. Resul ist der Bote. Im Koran der Bote Gottes, Resul-Allah, ein Prophet oder ein König. Mein ganzes Leben dachte ich, meine Sendung sei es zu unterrichten. Ein Bote für die Menschen, um jungen Menschen die Literatur und die Poesie zu bringen. Und damit war es auf einen Schlag vorbei. Es war, als hätte ich mein Leben lang meinen Namen falsch gedeutet. Der Bote, für den ich mich hielt, war nicht der Bote, der ich wirklich war. Als sei ich vom ersten Tag an dazu bestimmt, mein Leben lang auf dem Motorrad zu sitzen und den Leuten ihr Essen zu bringen.«

Tomer Gardi: Liefern

In sechs lose verbundenen Episoden nimmt Gardi das weltweite Phänomen der Lieferdienste in den Blick. Die hat mit der Corona-Pandemie – die hier nur »Plage« genannt wird – einen Aufschwung erfahren, der weltweit unumkehrbar scheint. 

In der Pandemie nahm auch diese Geschichte auch ihren Anfang. Damals fielen dem Wahlberliner Gardi die zahlreichen Kuriere in der deutschen Hauptstadt auf. Er begann zu recherchieren und entdeckte das literarische Potenzial dieser Schattenwirtschaft. 

Ein Jahr lang reiste er von Tel Aviv nach Neu Delhi, Istanbul und Buenos Aires, um sich die Situation vor Ort anzusehen. Er interviewte gewerkschaftlich organisierte Lieferanten und einfache Kuriere, um zu erfahren, wie sie zu diesem Job gekommen und was in den jeweiligen Städten die besonderen Herausforderungen sind. Denn es ist ein Unterschied, ob man sich durch den belastenden Smog Neu Delhis, die steilen Berge in Buenos Aires hinaus oder unter der gleißenden Sonne Tel Avivs quälen muss. 

Bücher von Tomer Gardi

Gardi gibt den meist unter dem Radar der Wahrnehmung arbeitenden Fahrer:innen echte Geschichten. Es sind Geflüchtete, Alleinerziehende und Ausgegrenzte, die hier am Ende der Nahrungskette um ihre Existenz kämpfen und dabei Kopf und Kragen riskieren. Er schreibt ihnen (Arbeits)Biografien auf den Leib, die nicht vom Abstieg erzählen, sondern vom unermüdlichen Kampf um eine bessere Existenz.

Gardi stellt ihr Dasein nicht in billiger Betroffenheit aus, sondern füllt diese Lebensläufe mit echten Erlebnissen, konkreten Herausforderungen und Sorgen sowie glücklichen und hoffnungsvollen Momenten. Gardis Rider sind keine Opfer des Schicksals, sondern Menschen, die aus einem kaputten System das Beste für sich herausholen. Warmherzig und mit Humor erzählt er ihre Geschichten, ohne die Abgründe ihrer Existenz auszusparen.

Dabei nimmt er in seinem Roman nicht nur das einzelne Schicksal seiner Figuren in den Blick, sondern auch die Rahmenbedingungen und Subsistenzwirtschaften, die dieses globale Phänomen ermöglichen. Er verschweigt nicht, wie gnadenlos ausgeliefert diese Menschen einem System sind, in dem skrupellose Unternehmer:innen, wohlstandsgelangweilte Kund:innen und eine auf Effizienz getrimmte Technik ein höllisches Triptychon der Ausbeutung bilden.

»Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punktabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue. Und wenn du auf Blue warst, musstest du sehr, sehr viel schneller liefern, um genug Geld für dein Leben zu verdienen. […] Letzte Woche hatte Sachin eine dubiose Bestellung erhalten und abgelehnt, und so ging ihr Status automatisch von Gold runter auf Silber. Sie konnte nur hoffen, dass sie in den nächsten Tagen an keinen schlechtgelaunten Kunden geriet, der sie anschreien und ihr zwei Sterne geben würde, sie konnte nur beten, dass ein anderer Kollege die künftigen gefährlichen Bestellungen bekam, nicht sie. Ihr blieb nichts anderes, als schneller zu liefern, um wieder auf Gold zu klettern. Auf Bronze kommen durfte sie auf keinen Fall, und schon gar nicht auf Blau.«

Tomer Gardi: Liefern

Tomer Gardi hat 2022 mit seinem Roman »Eine runde Sache« den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Darin schickte er zwei Künstler aus unterschiedlichen Jahrhunderten auf Reisen, um der Frage auf den Grund zu gehen, was eigentlich richtiges Deutsch ist. 

Diese Frage hat den 1974 in Israel geborenen Autor lange bewegt. Ging es in seinem Debütroman »Stein, Papier« noch um die Geschichte des Kibbuz, in dem er aufgewachsen ist, wurde in seinem zweiten Roman »Broken German« schon deutlich, wohin die Reise geht. Einen Auszug davon präsentierte er 2016 beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Das kreativ-gebrochene Deutsch, das dabei zum Einsatz kam, rief gleichermaßen Erstaunen wie Bewunderung hervor. 

Auf dieses »Broken German« griff er auch im ersten Teil seines prämierten Romans »Eine Runde Sache« zurück. Der als historische Erzählung verfasste zweite Teil war aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer übersetzt.

Diesem bilingualen Ansatz vertraut Gardi auch in »Liefern«, während sein gebrochenes Deutsch in den Hintergrund tritt. Fünf Episoden hat Gardi in einem flüssigen Deutsch verfasst. Die an den Handlungsorten gesprochen Sprachen mischt er spielerisch in seine die Welt umarmende Prosa. Das längste Kapitel, in dessen Mittelpunkt der an Gardi erinnernde Ich-Erzähler steht, hat erneut Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzt, ohne dass ein Bruch wahrnehmbar wäre.

Tomer Gardis Roman ist mehr als die Beschreibung eines internationalen Phänomens und seiner perversen Abgründe. »Liefern« ist eine mitreißende Ode an die Menschlichkeit, ein globaler Erzählreigen, der uns die eigenen Privilegien vor Augen führt. Dabei verzichtet er auf moralische Statements, er lässt die gesammelten Geschichten für sich sprechen. 

Und so wie ein Lieferant ein unsichtbares Netz spannt, indem er kreuz und quer durch die Straßen fährt, verwebt Gardi die Schicksale seiner Figuren über Grenzen hinweg zu einer humanistischen Momentaufnahme. Sein Roman ist ein Füllhorn an Geschichten aus der Gegenwart, deren Protagonisten die Leser:innen mit existenziellen Wahrheiten konfrontieren:

»Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen?«, erklärt Resul dem schütteren Ich-Erzähler und seinem Begleiter. »Weil wir menschlich sind. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst.«

Tomer Gardi: Liefern

Liefern« rüttelt wach. Wer diesen Roman liest, geht anschließend anders durch die Welt. Und schaut dem Kurier in die Augen, wenn er das nächste Mal an der Tür klingelt.