Die 1981 in Teheran geborene Fotojournalistin und Künstlerin Newsha Tavakolian hat sich in ihr Archiv begeben. Aus den vor Jahrzehnten entstandenen, unvollkommenen Aufnahmen schält sie das Porträt ihrer Generation heraus, die trotz aller Schmerzen und Verluste nicht aufhört, von der Freiheit zu träumen.
Eine junge Frau riecht mit verträumten Blick an einer Rose. Brennender Karton, um das über den Straßen hängende Tränengas mit dem Qualm zu verdrängen. Frauen, die über einen Zaun klettern, um sich den Protesten anzuschließen. Bilder, die an den Anfang der Proteste im Iran erinnern, aber schon Jahrzehnte alt sind.
Es sind Aufnahmen, die die 1981 in Teheran geborene Fotografin Newsha Tavakolian in den neunziger Jahren gemacht hat. Die ersten Abzüge sind von 1995, sie zeigen intime Familienporträts, tanzende Frauen in den Bergen, ohne Kopftuch, die Freiheit genießend. Die Berge seien der Ort gewesen, wo sie sich mit ihren Verwandten und Bekannten am freiesten gefühlt habe, weil es dort wenige Augen gegeben habe, die sie beobachtet hätten.

Tavakolian hat ihre Kamera schon früh gegen den überwachenden Blick des iranischen Sicherheitsdienstes und gegen die unterdrückerische Gewalt des Mullah-Regimes gerichtet. Als Ende der neunziger Jahre Studenten für Reformen auf die Straße gehen, lässt sie sich von ihrem Vater ins Stadtzentrum fahren und begleitet über eine Woche lang die Proteste, gegen die die Revolutionsgarden schon damals mit brachialer Gewalt vorgingen. Die Aufnahmen der damals noch nicht einmal zwanzigjährigen Fotografin wurden in zahlreichen Tageszeitungen gedruckt.
Newsha Tavakolian gehört inzwischen zu den bekanntesten Fotografinnen aus dem Iran. Sie ist Mitglied in der renommierten Bildagentur Magnum Photos, ihre Aufnahmen sind Teil bedeutender Sammlungen in Museen weltweit, darunter das Victoria and Albert Museum und das British Museum in London sowie das Los Angeles County Museum of Art (LACMA) und das Museum of Fine Arts in Boston.
Nun liegt ein Bildband mit hunderten Fotografien von ihr vor, die vor Jahrzehnten entstanden sind, die aber nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben. Es sind raue, meist ganz unperfekte Aufnahmen, die unspektakuläre private Momente mit ihrer politischen Fotografie verbinden. Entnommen sind sie den Kontaktbögen aus ihren ersten Jahren als Fotografin, die sie herausgeholt hat, als ihr Vater während der Coronapandemie nach einem Herzinfarkt starb. Sein Tod habe sie aus der Bahn geworfen, wie man ihren Einträgen zur stetig wachsenden Online-Ausstellung »Life During Wartime« entnehmen kann. Fast zwei Jahre lang sei sie nicht in der Lage gewesen, zu fotografieren.
»Ich war wütend. Ich kehrte zu meinem Archiv zurück, zu meinen Negativen. Tatsächlich kehrte ich in eine Zeit zurück, die mich weiterhin wütend machte, eine Zeit zerbrochener Hoffnungen, in der Teenagerträume von der Realität zerschlagen wurden. Anstatt unter meinen Negativen nach den „perfekten“ Bildern zu suchen, suchte ich nach meinen missglückten Arbeiten, nach schrägen, unscharfen Schnappschüssen, die ich schon vor langer Zeit gedanklich weggeworfen hatte – vielleicht weil ich verstanden hatte, dass Wahrheiten immer aus Wahrnehmungen bestehen und wir dazu neigen, die extremsten davon auszuwählen.«
Newsha Tavakolian: And They Laughed at Me


Ein Bild habe sie besonders wütend gemacht, räumt sie in ihrem kurzen Kommentar zum Bildband »And They Laughed at Me« ein. Dieses Bild zeigt ein Mädchen, das an einer Rose riecht. Sie habe es 2001 auf einer politischen Kundgebung gemacht. Die Geste der jungen Frau sei für sie damals ein Symbol der Hoffnung und Unschuld gewesen. Heute sieht sie die Dinge anders. »Ich wollte dieses Bild vernichten. Ich wollte es vernichten, weil man uns auf so unverhohlene Weise belogen hatte, und ich war empört darüber, wie naiv meine Generation gewesen war«, räumt Tavakolian ein. Man findet dieses Bild auf dem Buchumschlag sowie in einem zerrissenen und wieder zusammengeklebten Zustand im Buch. Es gibt eine mit Chemikalien verunstaltete Version und eine, die fast vollständig mit Farbe übergossen ist. Und klappt man den Buchumschlag vollständig auf, dann findet man auch eine perfekte Variante, in der die Hoffnung noch sichtbar ist.
Aber kann man es einer Generation vorwerfen, dass sie an eine bessere Zukunft glaubt? Ist es nicht sogar Aufgabe einer jeden Generation, an ein helleres Morgen zu glauben? Und wo beginnt Naivität, wo hört sie auf? Hätten die damaligen Proteste nicht auch in einem solchen Blutbad enden können wie die jüngsten Aufstände im Iran? Angesichts der Tatsache, dass im Januar und Februar dieses Jahres alle Welt die tyrannische Bestialität des Regimes im Livestream verfolgen, mag man es im Nachhinein als naiv deuten, dass allein das bildliche festhalten von Aufständen etwas ändern könnte. Aber das konnte die damals zwanzigjährige Fotografin noch nicht wissen.
Im Gegensatz zu den gestochen scharfen, hoch aufgelösten Fotos, für die Tavakolian bekannt ist, sind die Bilder in »And They Laughed at Me« unvollkommen. Sie enthalten Fehler, die auf sie als Fotografin, auf die Motive, ihre Kamera oder die Entwicklung zurückzuführen sind. Man stößt auf über- und unterbelichtete Szenen, schräge Bildausschnitte und unausbalancierte Bildkompositionen. Es sind die Bilder einer Autodidaktin, die sich auf der Straße das Handwerk beigebracht hat und dabei nie ihre Haltung aus den Augen verlor. Sie sei in den hoffnungsvollen Jahren unter dem reformerischen Präsidenten Mohammad Khatami »schneller erwachsen geworden als andere, aber ich habe mich geweigert, meine Arbeit für politische Zwecke missbrauchen zu lassen«, wird sie in einem Porträt der Magnum Agentur zitiert.
Denn wenngleich Khatamis Amtszeit in der Kultur- und Medienszene als relativ offen bewertet wurde, gab es politische Unruhen. Tavakolian begleitete damals die Studentenproteste gegen das Regime, fotografierte heimlich die Festnahmen von unliebsamen Journalisten und dokumentierte die Kampagne gegen ihre Zeitung Zan. Sie hielt die Beerdigungen des mit einem Berufsverbot belegten Schauspielers Mohammad Ali Fardin und des oppositionellen Schriftstellers Houshang Golshiri fest und bekommt die spätere Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi vor die Kamera.
Neben dieser fotojournalistischen Arbeiten finden sich aber auch symbolische Fotografien, etwa das Porträt einer Kollegin, das aufgrund einer defekten Kamera zur Hälfte überbelichtet ist. Oder ein pinker Ballon vor hellblauem Himmel – ein ebenso greller wie lebendiger Farbklecks, aus dem die Sehnsucht nach Freiheit spricht. Auch die verwackelten Abzüge von Massenaufläufen haben aus heutiger Sicht symbolischen Charakter. Sie zeigen eine unterdrückte Gesellschaft, die nicht zur Ruhe kommen kann. Die zwischen Aufruhr und Müdigkeit schwankt.
Die Kunst der Iranerin ist schon immer eng mit dem Schicksal der Frauen im Iran verbunden gewesen, zuletzt sorgte ihr Filmprojekt »For The Sake of Calmness« für Aufsehen. Der »Frauen Freiheit Leben«-Aufstand sei nicht von heute auf auf morgen entstanden, sondern »schon seit Jahren im Gange«, wird sie in dem Magnum-Porträt zitiert. Ihre dem Archiv geholten Bilder erzählen davon. Sie zeigen junge Mädchen, die sich bei Karate-Wettkämpfen Selbstvertrauen holen. Frauen, die sich in Schwimmwettkämpfen durchgesetzt haben. Junge Schauspielerinnen, die selbstbewusst in ihre Kamera lächeln und Frauen, die bei Familienfeiern ihr Kopftuch in die Ecke werfen. Frauen, die sich von Zäunen nicht mehr aufhalten lassen wollen. Es gibt Porträts von Studierenden, die sich an Protesten beteiligt hatten. Manche scheren sich nicht darum, ob sie erkannt werden, bei anderen sind die Gesichter überklebt.
In der Unschärfe und Unvollkommenheit ihrer frühen Bilder liegt die Freiheit, die ihrer Generation verweigert wird. Hier gibt sie ihr Raum und zeigt, wie kraftvoll ihr Potenzial ist. »Was mit Tropfen begann, die einen Stein aushöhlen, wurde zu Wellen und schließlich zu einem Tsunami. Wie das Mädchen, das an einer Rose riecht, wollen wir leben.« Von diesem Willen erzählen die so wunderbar unperfekten Bilder von Newsha Tavakolian, die von der unauslöschlichen Hoffnung auf ein Leben in Freiheit, aber auch von den wiederholten Rückschlägen erzählen.













