»Ich frage mich manchmal, ob unser Leben anders wäre, lebten wir in runden Häusern, verschickten wir runde Kisten und läsen runde Bücher«, schreibt die Dichterin und Übersetzerin Volha Hapeyeva in ihrem »Wörterbuch einer Nomadin«. In zwölf seit dem Herbst 2020 entstandenen Essays wirft sie die grundsätzliche Frage nach der Sprache und ihrer Bedeutung für das Sein abseits der festgefahrenen Ordnungen auf.
Das Leben der oft als belarussische Exilschriftstellerin vorgestellten Autorin ist zumindest angenehmer, seit sie sich als Nomadin begreift, die in der Bewegung ihr Zuhause gefunden hat. Seit fünf Jahren ist sie unterwegs und mit ihr ziehen die Sprachen und Worte. In ihrem Wörterbuch wirft sie ihre sprachlichen Rettungsanker, kartiert das Vokabular und seine Assoziationen, deckt Berührungspunkte und Überschneidungen auf, um ein Dasein jenseits der simplen Zuordnung von Schwarz und Weiß zu denken.

Die in Minsk geborene Volha Hapeyeva befand sich aufgrund eines Literaturstipendiums im Ausland, als in Weißrussland die demokratische Opposition auf die Straßen ging und von den Sicherheitskräften des diktatorischen Regimes brutal niedergeknüppelt wurde. Volha Hapeyeva lebt seitdem im europäischen Ausland, hangelt sich von Stadt zu Stadt, je nachdem, wohin sie ihr Studium oder ihre Literatur treibt. Sie lebe als Nomadin in Deutschland und Österreich, heißt es lapidar in der Beschreibung des Verlags.
Hapeyevas Buch ist ein ebenso poetisches wie persönliches, und damit auch politisches Nachdenken über Sprache, Identität und Zugehörigkeit. Sie stellt Fragen nach Heimat und Fremdsein, nach Geschlecht und Patriarchat, nach der Möglichkeit, »Mensch« zu sein jenseits der Konnotationen, die in dem, was angenommen, unterstellt oder zugeschrieben wird, mitschwingen.
»Ich will ein Mensch sein, oder sogar weniger deutlich – ein Wesen. Aber ich weiß, dass so etwas für unser binär denkendes Bewusstsein noch nicht möglich ist, das alles einteilt und beurteilt. Meine körperliche Performativität lässt mich nicht Mensch sein, denn in den Augen des Patriarchats bin ich immer nur eine Frau. Eine Frau – aus Osteuropa.«
Hapeyevas Widerstand gegen diese Zuschreibungen begründet sich in ihrer Herkunft aus einer Denk- und Herrschaftsordnung, »die strukturell Ungleichheit erzeugt und aufrechterhält«. Gemeint ist das Patriarchat, das Frauen und kleine Nationen gleichermaßen auf die hinteren Bänke der relevanten Debatten verweist. Diese Erfahrung hat das Sensorium der selbstbestimmten Nomadin für die Reproduktion von Ungerechtigkeiten, Schieflagen und Missverhältnisse durch Sprache geschärft. Für das, was wir oft Gewöhnung nennen, weil wir im täglichen Umgang mit den sprachlichen Bildern abstumpfen für das Gemeinte.
Dabei geht es Volha Hapeyeva nicht einfach nur um Prinzipien, sondern um die Aufklärung des Verhältnisses zwischen Individuum, Gesellschaft, Staat und Welt, wie sie an sich selbst deutlich macht. Wörter wie Flüchtling oder Exilantin lehnt sie für sich ab, um »ein anderes, ausgewogeneres Verhältnis zum Konstrukt Staat aufzubauen«, in der zugegeben vagen, aber doch unauslöschlichen »Hoffnung auf eine Ordnung, in der keine Grenzen und Visa mehr nötig sind.«
Für Hapeyeva meint das Gesagte immer auch Existenz – körperlich, psychisch und kognitiv. Sie weiß aus eigener Erfahrung, dass man mit der Wiederholung der immer gleichen sprachlichen Bilder und Konzepte nicht weit kommt. »Wir brauchen neue Ideen, neue Manifeste, neue Gedichte und Geschichten, um den Machtverhältnissen des Systems zu entkommen«, schreibt sie ihre Nomadinnenrolle annehmend, die sich immer gleichzeitig innerhalb wie außerhalb des Systems bewegt, das sie betrachtet.
Bücher von Volha Hapeyeva






So beschreibt sie in ihren Essays die floralen Euphemismen der Rüstungsindustrie und die »sprachliche Kolonisierung« von Mensch und Natur, um die patriarchalen Wurzeln der Alltagssprache aufzudecken. Zugleich feiert sie die stille Kraft der Poesie, die mit dem »Zauber des Schnees« vergleichbar sei. »Solange die Welt weiß ist, kann sie absolut jede Farbe annehmen. Und für diese Vielfältigkeit schätze ich den Schnee sehr. Zudem liebe ich ihn für seine Stille. Der Schnee hat es nicht eilig und er ist ein guter Zuhörer.«
Volha Hapeyeva träumt davon, sich wie leise fallender Schnee als Nomadin zwischen die Sprachen, Ländern, Zeitzonen und festgeschriebenen Identitäten zu legen. Sie zu überdecken und immer wieder neu zu definieren. Dabei spielt auch ihre Auseinandersetzung mit anderen Sprachen eine wichtige Rolle, immer wieder werden Bezüge zwischen den vermeintlich gleichbedeutenden Wörtern aufgemacht.
»Im Deutschen und Japanischen gibt es viele Gemeinsamkeiten rund um das Wort Schnee oder yuki. Ich meine die kombinatorischen Möglichkeiten in beiden Sprachen. Man könnte unglaublich viele Wörter mit Schnee aufzählen, wie Zuckerschnee oder Neuschnee, Pappschnee, Staubschnee. Dazu gibt es auch die Wörter mit ganz anderen Wortstämmen, die zeigen, dass diese Phänomene wichtig für die Menschen waren und dass man über einen bestimmten, besonderen Schnee anders dachte als über puren Schnee. Es ist, als würde man die Realität in kleinere Komponenten aufteilen.«
Die Realität in kleinere Komponenten aufteilen – so könnte man auch die Poetologie der nomadischen Autorin beschreiben, die ausgehend von einzelnen Wörtern, die in assoziativen Wortwolken jeweils am Anfang der zwölf Kapitel stehen, die Wirklichkeit erst dekonstruiert, um sie dann aus den einzelnen Bruchstücken neu zusammensetzt. Dabei denkt sie über die Freiheit in der globalisierten Welt ebenso nach wie über Euphemismen und Dysphemismen, mit der wir uns diese Welt verklären.
Wenn Panzerabwehrwaffen Chrisantema heißen und ein für die Zerstörung von Infrastrukturen ausgelegter Mörser Tulpe, dann hätten »Militärfloristen« eben ganze Arbeit geleistet und einen »Garten der Blumen des Bösen angebaut, mit dem sie den Mord und das Leid poetisieren und einen perversen Sinn für Humor« zeigten. Sprache sei eben nicht nur ein System von grammatikalischen Regeln, sondern eine Schule der Anschauung der Welt, eine Kultur, die eine ebenso ernsthafte wie assoziative Auseinandersetzung verdient. Hapeyevas »Wörterbuch einer Nomadin« bietet beides. Und ist verbunden mit dem Appell, bei aller Poesie die Sprache auch als kritisches Instrument einzusetzen.
»Solange die Einstellung zur Kultur so bleibt, wie sie heute ist, nämlich als etwas Sekundäres und Ornamentales, und solange der Großteil der Budgets für die Produktion von Rüstungsgütern und die Stärkung des militärischen Komplexes verwendet wird, wird sich nichts ändern. Literatur bleibt für unsere Mitmenschlichkeit von Bedeutung – sie fungiert als Analyseinstrument und zugleich als Spiegel menschlichen Handelns, Denkens und des menschlichen Wesens.«

Wie das geht, hat Hapeyeva in ihren letzten Büchern gezeigt. In ihrem Roman »Samota« , den Tina Wünschmann und Matthias Göritz aus dem Belarusischen übersetzt haben, schickt sie zwei Protagonist:innen um den halben Erdball, um zu erkunden, warum so vielen Menschen die Empathie für die Anderen und Sensibilität für die fragile Gegenwart abhanden gekommen ist. In ihrem Essay »Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils« sprach Hapeyeva erstmals über ihr »nomadisches Denken«. Die ebenso feinfühlige wie schmerzhafte Konsequenz, mit der sie das tat, wurde mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis ausgezeichnet.
»Eine Nomadin ist dazu gezwungen, ihr Habe ständig bei sich zu haben und beweglich zu halten«, sagte Sighard Neckel in seiner Laudatio. Das habe einer nomadischen Schriftstellerin besteht in den Sprachen, ihrem anonymen Konstrukt, aber auch der persönlichen Lesart. Und das wird dann wiederum entscheidend. Denn »wer aufgrund seiner Heimatlosigkeit am Rand solcher Gemeinschaften steht steht, spürt besonders intensiv, dass Sprache voller Klassifizierungen und Ordnungssysteme steckt, aus denen die Heimatlosen herauszufallen drohen«, so Neckel weiter.
Gegen diese Gefahr schreibt Volha Hapeyeva in ihrem Wörterbuch an, in der Hoffnung, unseren Blick zu weiten und am Horizont eine Welt zu sehen, in der wir gemeinsam und empathisch zugewandt in runden Häusern leben, runde Kisten verschicken und runde Bücher lesen. Eine Welt mit weniger Ecken und Kanten, die uns verletzen.

