Ganz zu Beginn seiner Karriere schrieb und zeichnete der spätere Comic-Superstar Lewis Trondheim mit »Lapinot et les carottes de patagonie« eine Fingerübung von 500 Seiten, mit der er sich im frankophonen Raum als Autor etablierte. Dieses Werk ist lange nicht im deutschsprachigen Raum erschienen. Der Reprodukt-Verlag hat das jetzt geändert.
Herr Hase will patagonische Karotten. Mit denen kann man fliegen, und das brächte ihn seinen Freunden, den Vögeln näher. Für diese Karotten muss er allerdings in die Hauptstadt, um dort in der patagonischen Botschaft vorzusprechen. Unterwegs begegnet er einigen anderen Personen, die finstere Umsturzpläne vorantreiben und von seiner kreuznaiven und tatsächlich ein wenig enervierenden Gutartigkeit zur Weißglut gereizt werden. Oder die sich rächen wollen, weil er vor Einsetzen der Handlung einen bekannten Kriminellen außer Gefecht gesetzt hat. Auf jeden Fall gerät Herr Hase in ein großangelegtes Komplott, das den Staat selbst zum Ziel hat.

Der Autor dieses Kuddelmuddels, Lewis Trondheim, wurde 1964 in Fontainebleau geboren. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum technischen Zeichner, strebte aber gleichzeitig in die künstlerische Richtung. Nach eigener Auskunft wusste er nicht so recht, ob er seine Erzähllust im Kino, als Schriftsteller oder in darstellenden Künsten ausleben solle, lernte dann aber während seines Militärdienstes einen Kameraden kennen, der ein eigenes Fanzine herausgab und, so Trondheim, überhaupt nicht zeichnen konnte. »Was der kann, kann ich auch«, dachte sich der junge Lewis und machte sich an die Arbeit.
Zusammen mit anderen aufstrebenden Autoren der Comicszene gründete er den Verlag »L’Association«. Gründungsmitglieder waren unter anderem Jean-Christophe Menu und David B. Der Verlag machte sich bald einen Namen und galt – und gilt bis heute – als Heimat einer neuen Generation von Comicautoren, die oft viel persönlicher und individueller als bislang üblich erzählten. Neben den Gründungsmitgliedern publizierte hier unter anderem die jüngst viel zu früh verstorbene Marjane Satrapi ihre Werke wie »Persepolis« und »Huhn mit Pflaumen«, absolute Meilensteine des Comics.
Lewis Trondheim startete ebenso hier seine Kariere. Anfang der 90er Jahre begann der damals Unbekannte, wenig älter als 20 Jahre, mit einem gleichermaßen mutigen wie durchgeknallten Projekt: In einem festen Raster von drei mal vier Panels zeichnete er einfach drauflos, ohne einen Plan für eine Geschichte zu haben. Noch besser: Der Anfänger nahm sich vor, ohne Bleistift zu arbeiten und direkt mit Tinte zu zeichnen. Und: Das Projekt sollte 500 Seiten dick werden. Auf diese Art und Weise wollte er sich selbst das Zeichnen beibringen und das Erzählen von Geschichten üben. Heraus kam: »Lapinot et les carottes des patagonie«.
Herr Hase wird in Trondheims Fingerübung im sechsten Panel erwähnt, im siebten Panel taucht er selbst auf. Er habe, so berichtete Trondheim vor Kurzem bei einer Lesung in Berlin, wirklich keinen Plan gehabt, was das für eine Geschichte werden solle, noch dass ein Hase die Hauptfigur werden würde. Aber nach drei, vier Seiten sei klar gewesen, wie die nächsten Seiten werden, und nach zehn Seiten, wie die nächsten 30 oder 40 Seiten werden. So arbeitete er sich durch sein Monsterwerk, am Anfang noch mit einem dicken Stift, um seine mangelnde Übung als Zeichner zu verstecken, später mit immer feineren Federn und immer genauerem Strich.
Die Geschichte selbst ist das reine Chaos, und zwar in einer Intensität, die ihresgleichen sucht. Trondheim schreibt im Vorwort der französischen Ausgabe von 1992 selbst, dass die Figuren ab einem bestimmten Zeitpunkt ein Eigenleben zu führen begonnen hätten und dass er, der Autor, eigentlich nur noch das Chaos zu organisieren gehabt hätte. Und dass er, wie man sehen könne, nicht viel getan habe. Da hat er recht!
So chaotisch die Geschichte aber sein mag, die Suche nach den patagonischen Karotten zeigt schon deutlich, wie sich Trondheims Schaffen entwickeln wird: Da sind zum einen die Figuren, die er auch künftig immer wieder in den »Herr Hase«-Geschichten miteinander antreten lässt – allen voran der stets gutartige und moralische, dadurch aber auch etwas penible Hase. Und es ist die Wahl Trondheims, zoomorphe Figuren, also Menschen mit Tierkopf zu zeichnen.

Es ist aber auch die Art und Weise, Geschichten zu erzählen, mit einer gekonnten Art, die Handlung immer leicht chaotisch wirken zu lassen und wichtige Elemente so en passant zu streifen, dass man sie verpassen könnte. Und: In »Lapinot…« zeigen sich schon die grundsätzlich positive Sicht auf die Dinge, die Ironie und der Humor, die Trondheims Werk so unverwechselbar und sympathisch machen.
Dass der Reprodukt Verlag nun, nach mehr als 30 Jahren, diesen Erstling auf Deutsch als »Herr Hase und die patagonischen Karotten« herausgibt, ist bewundernswert und eine sehr gute Nachricht. Für die sehr gute Übersetzung zeichnet Ulrich Pröfrock verantwortlich, der neben dem Werk von Lewis Trondheim auch Autoren wie Manu Larcenet, Riad Sattouf und Christophe Blain ins Deutsche überträgt. Herausgekommen ist ein wunderschöner Band, der die Geburtsstunde Herrn Hases mit den riesigen Füßen auch dem deutschsprachigen Publikum nahebringt. Eine limitierte Vorzugsausgabe mit einem exlibris von Trondheim ist ebenfalls erhältlich.
Das Werk ist im besten Sinne Urlaubslektüre, denn ein bisschen Zeit braucht es schon, die 500 Seiten zu lesen. Und das offene Ende sollte nicht enttäuschen, nach 500 Seiten ist eben Schluss, das war von Anfang an Teil des Projekts von Lewis Trondheim.








