Comic

Geschichte in Fundstücken

Auszug aus Heft 1 von Titus Ackermanns »Was vom Leben übrig bleibt« | Foto: Moga Mobo

Dass Comics mehr können als Abenteuergeschichten zu erzählen, ist eine Binse. Zu reichhaltig ist die Fülle an Themen, die die neunte Kunst verhandelt. Dass deutsche Comics auch jüngere deutsche Zeitgeschichte nahe bringen können, diesen Beweis treten zwei Werke an, die bei aller Unterschiedlichkeit eines Gemeinsam haben: Sie machen Geschichte über die kleinen Dinge erfahrbar.

Der Vater ist gestorben, drei längst erwachsene Söhne und zwei Enkel rücken an, um seinen Haushalt aufzulösen. Dabei finden sie Gegenstände, die sie an die gemeinsame Zeit mit Vater und Großvater erinnern. Sie erzählen sich die Episoden, die mit diesen Gegenständen verbunden sind und setzen so das Bild des verstorbenen Mannes zusammen.

Titus Ackermann: Was vom Leben übrig bleibt. Heft 1 bis 4

Titus Ackermann: Was vom Leben übrig bleibt. Bände 1-4. Moga Mobo 2026. 4 x 64 Seiten. 39,- Euro. Hier bestellen.

Dieses Bild ist nicht sehr schmeichelhaft: Der überzeugte Nationalsozialist hat sich nach dem Krieg von null an eine Existenz aufgebaut und es zu einem gewissen wirtschaftlichen Erfolg gebracht. Aber trotz seiner bürgerlichen Existenz: wirklich angekommen in der Bundesrepublik ist er nie wirklich, er trauerte immer den »guten« alten Zeiten hinterher und legte nie seine Überzeugung ab, auch wenn er den Sieg der Alliierten akzeptierte. Seinen Söhnen gegenüber war er unberechenbar, jähzornig und teilweise atemberaubend gewalttätig, die Enkel stieß er mit seiner ruppigen Art immer wieder vor den Kopf.

Titus Ackermann legt mit »Was vom Leben übrig bleibt« eine Suche nach seinem Großvager vor (er ist einer der Enkel in der Erzählung), in der er ein facettenreiches Bild dieses Mannes zeichnet. Denn der Vater und Großvater wird nicht nur als der Altnazi dargestellt, der er ganz offensichtlich war. Es wird vielmehr auch klar, wie ein Mensch so werden kann, welche Erfahrungen ihn zu dem gemacht haben, der er war. Dass er ein Mann seiner Zeit war, der die Weimarer Republik als Katastrophe erlebt hat und den der Faschismus aus seiner Bedeutungslosigkeit geholt hat – vermeintlich zumindest.

Und das ist das eigentliche Verdienst des Comics: Der Mann, über den geredet wird, wird nicht geschont, seine unerträgliche Art wird nicht in einem milden Licht dargestellt. Aber er wird nicht verurteilt. Einer seiner Söhne trifft es am Ende nach der Beerdigung sehr gut, wenn er sagt: »Er war ein Arschlosch, aber ich habe ihn geliebt.«

»Was vom Leben übrig bleibt« ist bei Moga Mobo Comix für alle!!! erschienen, einem Berliner Verlag, der entfernt ähnlich des Pariser Hauses L’ Association von den Künstlern selbst betrieben wird. Moga Mobo publiziert durch Werbung und auch ein bisschen Selbstausbeutung finanzierte Hefte, die kostenlos in Comic-Buchhandlungen ausliegen. In vier Heften (Nr. 118 bis 121), in denen Ackermann auch Einblick in die Entstehung seines Werkes gibt, wird der titelgebenden Frage nachgegangen. Die Vorworte der Hefte steuerten der Autor und Journalist Timur Vermes (»Er ist wieder da«), die Comicautorin Ulli Lust (»Die Frau als Mensch«) und der Komponist und Leiter des Yam Yabasha Ensembles Itay Dvori bei.

Über die schöne Gestaltung, die gut und persönlich berührend erzählte Geschichte hinaus ist das Werk noch in anderer Hinsicht interessant. Denn es gab viele solcher Vorfahren, die traumatisiert und verroht aus dem Krieg zurück kamen und ihre eigentlich besten Jahre mit Bitterkeit verschwendeten. Ackermann erzählt in der Geschichte seines Großvaters auch die Geschichte dieser Männer, und damit einen Teil der Geschichte der deutschen Gesellschaft.

Alle vier Hefte von Titus Ackermanns historischer Erzählung »Was vom Leben übrig bleibt« | Foto: Moga Mobo
Alle vier Hefte von Titus Ackermanns historischer Erzählung »Was vom Leben übrig bleibt« | Foto: Moga Mobo

Das Comic kann zudem als Leitfaden für den Umgang mit unseren zeitgenössischen Nazis gelesen werden: Timur Vermes macht in seinem Vorwort zum zweiten Band (und in seiner eigenen Kritik auf Comicverführer) treffend darauf aufmerksam, dass Opa Ackermann nur besiegt, aber nicht überzeugt wurde. Das aber habe schon gereicht, denn seinen Anker, den NS-Staat, habe man ihm genommen.

»Es geht nicht darum, sie zu überzeugen. Es reicht völlig, ihnen die Partei wegzunehmen und mit Härte klarzumachen, wo sie sich ihre Naziparolen hinstecken können. (…) Wenn man ihnen dann noch die Möglichkeit gibt, ihr Geld zu verdienen, sind die meisten zufrieden und hören auf, das Boot zu versenken, in dem sie selber mitsitzen.«

Timur Vernes
Julia Bernhard, Tobi Dahmen, Melanie Garanin, Mikael Ross, Volker Schmitt, Julia Zejn: Stell dir vor! Comics über die Nachkriegszeit. avant verlag 2026. 184 Seiten. 26,- Euro. Hier bestellen https://www.avant-verlag.de/comics/stell-dir-vor-1/
Julia Bernhard, Tobi Dahmen, Melanie Garanin, Mikael Ross, Volker Schmitt, Julia Zejn: Stell dir vor! Comics über die Nachkriegszeit. avant verlag 2026. 184 Seiten. 26,- Euro. Hier bestellen.

Die Erzählung über einzelne Objekte und persönliche Geschichten unternimmt auch »Stell Dir vor! Comics über die Nachkriegszeit«. Die Objekte stammen aus der Sammlung Abresch, eines Pfarrers aus Wesel am Niederrhein, der Fundstücke aus der Zeit direkt nach dem Krieg sammelte: Ein Kochtopf, der aus dem Stahl von Flugzeugwracks neu gegossen wurde, ein Fahrrad, das Kartoffelfahrten ermöglichte, oder aber ein Kleid aus der Seide eines Fallschirms. Die Sammlung ist heute im Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen untergebracht.

Der Comicautor Tobi Dahmen hat daraus in Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen und Jakob Hoffmann eine Sammlung von Geschichten gemacht. Dahmen selbst und mehrere Autorinnen und Autoren erzählen darin die Geschichte ausgewählter Objekte, steuern ihre eigenen Stile und Geschichten bei und zeichnen so ein vielfältiges Bild des deutschen Nachkriegs.

Das ist manchmal nicht weiter Aufsehen erregend, aber an anderer Stelle tief beeindruckend. Da ist zum Beispiel der Beitrag von Julia Zejn über eine Kartoffelfahrt, in der die Traumata eines Jungen aus den Bombennächten brutal wieder hochgespült werden. Und Mikael Ross breitet in dunklen, kontrastreichen Bildern die Geschichte eines Paares aus, das trotz Verfolgung und Lagerhaft seinen religiösen Überzeugungen treu bleibt und in den Mühlen des Nationalsozialismus regelrecht zerrieben wird. Die Dunkelheit dieses Beitrags mit ganzseitigen Panels, denen lediglich kurze Texte im Erzählkasten beiseite gestellt werden, ist grandios.

Dahmen war zuletzt mit dem monumentalen »Columbusstraße« aufgefallen, das ebenfalls vom zweiten Weltkrieg handelt und die Geschichte seiner eigenen Familie nachzeichnet. Im Anschluss hat er mit dem syrischen Architekturstudenten Akram Al Saud dessen Leben im Widerstand nachgezeichnet. Sein Comic »Al-Fazia‘ – Das Grauen« ist ein ungewöhnliches Dokument – Memoir, Reportage und Anklage in einem. Für »Stell Dir vor!« steuert er gewohnt präzise die Geschichte bei, in der Pfarrer Abresch seine (berufstypisch) guten Kontakte zu älteren Menschen nutzt und Objekte der Nachkriegszeit zusammen mit ihren Geschichten sammelt.

Die Frage, was die Vorfahren im Nationalsozialismus gemacht oder auch verbrochen haben, erfährt derzeit eine kleine Renaissance. Das hat auch biografische Gründe, denn die Enkel der (mutmaßlichen) Verbrecher sind jetzt zwischen 50 und 65 Jahre alt, aus dem Gröbsten raus und in genau dem Alter, in dem das Interesse an historischen Themen zunimmt. Sie holen das nach, was ihre Eltern wiederum nicht konnten, sei es wegen des bleiernen Schweigens der Kriegsgeneration oder wegen der größeren emotionalen Nähe zu den eigenen Eltern.

Susanne Beyer: Kornblumenblau. Deutsche Verlagsanstalt 2025. 240 Seiten. 22,- Euro. Hier bestellen https://www.penguin.de/buecher/susanne-beyer-kornblumenblau/buch/9783421070425

Die Spiegel-Autorin Susanne Beyer beispielsweise beschreibt in »Kornblumenblau«, wie sie in Archiven nach ihrem Großvater forscht und herauszufinden versucht, welcher Arbeit dieser als Chemiker beim Generalbevollmächtigten Chemie nachging und wieso er nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Kloster Lehnin in Brandenburg erschossen wurde. Das Buch beschreibt eher die Suche als die Ergebnisse. Beyer will damit andere ermutigen, sich selbst auf sie Suche zu machen.

Dass sich auch Comicautor_innen mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigen, ist eine gute Nachricht. Denn die vorliegenden Bücher öffnen diese Geschichten (hoffentlich, zumindest) ganz neuen Leserkreisen und bringen eine weitere ganz persönliche und sehr greifbare Dimension ein, die die handelnden Menschen und ihre Zeit näher kommen lässt.