Mangelnde Begabung zur Unbeschwertheit

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Für seinen Erstlingsroman »Grenzgang« wurde Stephan Thome vor drei Jahren mit Lorbeeren überschüttet. Der Roman gelangte bis auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Auch sein zweiter Roman »Fliehkräfte« hat es auf die Liste der Top-Anwärter für den Deutschen Buchpreis geschafft. Aber warum?Am Anfang dieses Romans steht ein Witz. In diesem diskutieren ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer mit einem jüdischen Rabbi die Frage, wann Leben beginne. Der katholische Priester sagt, Leben beginne mit der Befruchtung. Der Pfarrer entgegnet, Leben beginne mit der Geburt. Der Rabbi denkt kurz nach, bevor er sagt, dass das Leben erst losgehe, wenn die Kinder aus dem Haus seien.

Hartmut Hainbach, die Hauptperson in diesem Roman, kann darüber nicht lachen. Denn seit seine Tochter Philippa aus dem elterlichen Haus gezogen ist und einigen Abstand zwischen sich und ihre Erziehungsberechtigen gebracht hat, bröckelt die gutbürgerliche Idylle im Haus Hainbach von den Wänden. Ehefrau Maria hat nach zwanzig Jahren braven Mutterdaseins entschieden, die eigene Karriere nicht mehr hinter die ihres Mannes zu stellen. Dessen universitäre Karriere ihn nicht nur aus Berlin in die westdeutsche Tristesse, nach Bonn, getrieben, sondern auch bis auf einen philosophischen Lehrstuhl. Dies ließ keinen Platz für die Selbstverwirklichung einer weiteren Person. Hainbachs Leben diktierte das seiner Familie. Doch nun ist Hainbachs Gattin auf ein interessantes Angebot eingegangen und nach Berlin gezogen, wo sie das Ensemble eines gefragten Intendanten – der in Zügen etwas an Thomas Brasch erinnert – managt. Und wenn vom Theaterbetrieb eines bekannt ist, dann das Gerücht, dass es wenig privaten Raum lässt. Hartmut Hainbach führt mit seiner Frau also nicht nur eine Wochenendbeziehung, sondern auch noch eine auf Abruf. »Wir schaffen das« wird zum motivierenden Motto des Paares.

Hainbach setzt diese Situation zu. Davon ablenken kann ihn auch sein universitärer Alltag nicht. Sein chinesischer Doktorand Charles Lin geht ihm mit »konfuzianischem Denker-Esperanto« gehörig auf die Nerven. Außerdem muss er an seinem Institut die Bologna-Reformen umsetzen. Statt den Habitus eines Philosophen zu pflegen, befindet er sich im Zentrum des »internationalen Jargons der akademischen Legasthenie«. In dieser Situation erhält er das Angebot, in einem kleinen wissenschaftlichen Verlag in Berlin die Programmleitung zu übernehmen. Wenn er nach Berlin ginge, könnte er seiner Ehe – an der er hängt – noch einmal eine Chance geben. Doch will er seine Bonner Villa verkaufen und die Beamtenlaufbahn an den Nagel hängen, um in einer Berliner Hinterhofwohnung als Programmleiter nachts Manuskripte zu lesen?

Diese Fragen an das eigene Dasein und ihren Sinn sind die Fliehkräfte, die Stephan Thomes Hauptperson aus dem Leben zu schleudern drohen. Schon auf den ersten Blick sieht man hier den Fächer der einigermaßen alltäglichen Probleme des gut situierten Bildungsbürgertums entfaltet. Insofern fällt die Identifizierung des Lesers mit Thomes Hauptperson wohl nicht allzu schwer. Diese »Probleme« sind Dreh- und Angelpunkt dieses Reiseromans, dessen Handlung sich an einem Seelentrip entlanghangelt, den seit Hape Kerkeling gefühlt jeder zweite Deutsche durchzumachen sich verpflichtet zu fühlen scheint. Auf dem Weg zu seiner Tochter, die zufälligerweise gerade in Santiago de Compostella studiert, besucht Hainbach eine ehemalige Geliebte, einen gescheiterten Kollegen und Uni-Aussteiger, gabelt eine junge Holländerin auf und wird von unendlich vielen Erinnerungen heimgesucht, die ihn sein Leben rekapitulieren lassen.

Hartmut Hainbachs Pilgerfahrt entlang dem Jakobsweg, auf dem er die Antworten auf seine pseudoexistenziellen Fragen zu finden hofft, bildet den äußeren Rahmen für ein Vexierspiel mit Erinnerungen und Aufsuchungen, Zeit und Raum. Wobei man auch schon bei dem Gelungenen in diesem Roman angelangt ist: die Montagetechnik. Still und leise hat Thome Gegenwart und Vergangenheit, Wahrnehmung und Erinnerung, Wirklichkeit und Wunschbild in seinem Roman miteinander verwebt. Dabei werden keine großen Kulissen verschoben, sondern lediglich die Stimmungen gewechselt. Als würde der Beleuchter langsam das Licht auf der Bühne dimmen. Es ist bemerkenswert, wie Thome die Grenzen zwischen Zeit und Raum zu verwischen vermag.

Dem steht kontrastierend die Handlung gegenüber, die entweder auf der Stelle tritt oder sich konstruiert überschlägt. Dabei liest man einiges, sogar durchaus Unterhaltsames, nur passiert insgesamt recht wenig. Mit Hartmut Hainbach bekommt der Leser den Prototypen des durchschnittlichen Bildungsbürgers präsentiert, der viel liest und wenig begreift. Der alles kennt und wenig erkennt. Der von allem träumt und nichts wagt.

An einer Stelle in diesem Roman wird Hainbach als »liberaler nachdenklicher Philosoph« beschrieben, eine Charakterisierung, die den Nagel auf den Kopf trifft, wenn man folgende Deutung vornimmt: liberal im Sinne von wertkonservativ, nachdenklich im Sinne eines gehemmten Bedenkenträgers und Philosoph im Sinne eines weltentrückten Egomanen. Dieser wertkonservative selbstbezogene Bedenkenträger reist also nach Santiago de Compostela, um herauszufinden, ob er seine unbequeme Sicherheit gegen eine bequeme Unsicherheit eintauschen möchte. Dabei fehlt es ihm völlig an Selbstironie oder innerer Leichtigkeit. Hainbach reist im Gewand des Büßers, den die Hoffnung antreibt, seine Bußfahrt würde ihn vor dem bewahren, was er – aller Fehltritte zum Trotz – nicht verdient hat. Man ahnt, dass dies literarisch mindestens riskant ist.

So riskant, dass es auch nicht glaubhaft funktioniert – nicht zuletzt auch aus dem Grund, dass Thome sein Personal völlig überzeichnet hat. Freundlich ausgedrückt könnte man sagen, dass keine einzige Rolle so besetzt ist, dass sie nicht die Erwartungen des Lesers erfüllen würde. Oder anders gesagt: Thomes Personal ist absolut vorhersehbar. Hainbach hat die Rolle des larmoyanten Philosophieprofessors, dem alles andere als vollständige Akzeptanz zu wenig ist. Neben ihn tritt seine eigenwillige portugiesische Frau mit erzkatholischen Wurzeln, die ihm gegenüber plötzlich Forderungen stellt, sich ihrer eigenen Familie aber nicht erwehren kann. Hainbachs französische Geliebte wird als niedlicher Wuschelkopf in einer unaufgeräumten Wohnung präsentiert, sein gescheiterter Kollege als frankophiler Lebemann, dem das akademische Korsett nicht passen wollte, der chinesische Doktorand als überengagierter Wichtigtuer, dem seine Karriere wichtiger ist, als die eigene Familie, und die lesbische Freundin von Hainbachs Tochter (eine Tatsache, die er damit quittiert, sich »Mühe geben« zu wollen) als energische Person mit Kurzhaarfrisur. Die komplette Klischeeklaviatur wird hier bedient, was diesen Roman streckenweise zu einer Zumutung macht.

In dem Roman heißt es zu einem Liebesfilm, er »vereint schöne Landschaftsaufnahmen und gute Schauspieler, kraftvolle Klischees und eine Dramaturgie, die das Publikum schluchzen und seufzen lässt.« Abzüglich der guten Schauspieler kann man das Gleiche zu diesem Buch sagen. Es wird daher sicherlich eine Menge Leser geben, die diesen Roman mögen werden. Schließlich gibt es auch viele Anhänger von Liebesfilmen.

Dass Thome aber als einer der Top-Anwärter für den Deutschen Buchpreis gehandelt wurde, musste man nicht verstehen. Bereits auf der zwanzig Titel umfassenden Longlist gab es bessere Titel, als diesen. Mit Olga Grjasnowas Der Russe ist der, der Birken liebt, Dea Lohers Bugatti taucht ab oder Frank Schulzes Onno Viets und der Irre vom Kiez seien hier nur drei genannt, die wesentlich mehr wagen, als eine Pilgerfahrt zu den Sorgen des akademischen Kulturproletariats. Nun braucht es nicht unbedingt die surreale Räuberpistole eines Wolfgang Herrndorf oder das dystopische Schauermärchen eines Clemens Setz, um lorbeerverdächtige Literatur zu schreiben. Die schlussendliche Buchpreisträgerin Ursula Krechel bewieß mit ihrem ausgezeichneten Roman Landgericht, dass man auch preiswürdige Realliteratur schreiben kann.

Cover_ThomeStephan Thome: Fliehkräfte

Suhrkamp Verlag 2012

474 Seiten. 22,95 Euro

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