»Muhd. Disorda« oder: Schwache Nerven

Steppe an der georgischen Grenze zu Armenien

Darius Kopp verliert seinen Job, dann seine Frau und hin ist sie, die vermeintliche Sicherheit. Kopp lässt alles stehen und liegen und reist – den Karton mit der Urne seiner Frau unterm Arm – nach Osteuropa. Eine in Stil und Form verrückte Geschichte, für die Terézia Mora den Deutschen Buchpreis erhielt.

»Freude mit einer kaputten Freudenfabrik kannst du nicht herstellen. Langsam verschwinden auch die kleinen Dinge.« »Du kannst es negativ formulieren: das Leiden hat nur mit mir ein Ende. Oder positiv: Die gute Nachricht ist: die Seele löst sich mit dem Tod auf, wie der Körper.« »Rühr dich nicht. Schweig still. Nicht nur außen. Drinnen. Kein Wort. Wenn Du es aussprichst, bringt es dich um.« Sätze wie diese reihen sich am Ende von Flora Meiers Tagebuch aneinander. Am Ende heißt hier nicht am Ende des Diariums, sondern am Ende ihres Lebens. Ihre Asche ruht in einer Urne, die Darius Kopp nun beisetzen lassen muss. Darius ist Floras Mann. Nein, er war ihr Mann, denn Flora ist tot.

Terézia Moras mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman Das Ungeheuer setzt die in Der einzige Mann auf dem Kontinent begonnene Geschichte einer alles andere als sattelfesten Liebe zwischen dem ostdeutschen Techniker Darius Kopp und der ungarischen Übersetzerin Flora Meier fort. Es ist der zweite Teil einer als Trilogie angelegten Romanfolge, an dessen Ende viele Fragen unbeantwortet bleiben. Eine chronologische Fortsetzung der Geschichte verbietet sich eigentlich, denn Flora ist – am Anfang wie am Ende von Das Ungeheuer – tot. Lebendig wird sie nur durch Erinnerungen. Allerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn Terézia Mora ihre Erzählung im Sinne einer Chronologie in das Totenreich verlegen sollte, denn schon im zweiten Teil wimmelt es von Anspielungen auf die Totenwelt der zwischen Ionischem Meer und Kaukasus gelagerten griechischen Mythologie.

Schon dieser Roman ist ein außergewöhnlicher Totentanz. Zu Beginn erfahren die Leser in lakonischem Ton, dass sich Flora umgebracht hat. »Das Riesenrad dreht sich in leiernder Musik, die Liebe meines Lebens hängt im Wald von einem Baum, ich parke nicht weit davon und langweile mich. Das stell dir vor und halte es aus.« Um das Aushalten kommt man nicht umhin, denn nach diesem Satz folgen noch gut 650 Seiten, in denen es darum geht, wie es dazu kommen konnte und wie Darius es aushält, allen Halt zu verlieren. Er sucht nach Antworten, aber »wohin kannst du gehen, wenn statt eines Ortes eine Person dein Zuhause geworden ist? Wohin dann ohne diese Person?«

Es bleiben nur die utopischen Nicht-Orte außerhalb der Wirklichkeit, Sehnsuchtsorte genannt. Folgerichtig setzt Mora ihren Durchschnittshelden auf eine Bahn außerhalb des »echten Lebens« und lässt ihn eine doppelte Reise in die Welt von Flora Meier machen. Zum einen reist Kopp, mit dem Karton der Urne seiner Frau im Kofferraum, in die osteuropäische Heimat Floras, um sie dort irgendwo beizusetzen. Zum anderen aber reist er in ihre Gedankenwelt, indem er Floras digitales Tagebuch liest.

Diese doppelte Reise erfährt eine formale Trennung in Terézia Moras Roman. Durch die Mitte des gesamten Buches zieht sich ein schmaler Strich, der die Seiten in ein Oben und ein Unten teilt. Im oberen Teil wird die surreale Wirklichkeit von Kopps Reise durch Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Albanien, Griechenland und Georgien reflektiert, der untere Teil bildet die Einträge in Floras Tagebuch ab. Beide Teile stehen in einem lockeren, zuweilen auch inhaltlichen Zusammenhang, der sich aus dem Wechsel zwischen Anwesenheit und Abwesenheit des Tagebuchs unter der laufenden Erzählung von Kopps Reise ergibt.

Die Funktion der Texte bestimmt die Form des Romans, was kein gewöhnlicher, aber ein in der Gegenwartsliteratur immer häufiger anzutreffender Umstand ist, der zweifelsohne seinen Teil zur Auszeichnung des Buches beigetragen hat. Mit den Romanen von Mark Z. Danielewski oder dem von der Kritik lange Zeit zu Unrecht ignorierten Vexierspiel Die Wand von Benjamin Stein sind uns solche »formalen« Spielereien mit der Seitenarchitektur und dem individuellen Lesefluss Einzug in den vergangenen Jahren immer wieder begegnet. Mit der Auszeichnung von Moras Roman wurde nun erstmals auch der auf die Literatur übertragene Ansatz des form follows Funktion gewürdigt, der in dieser klaren Form in keinem der ebenfalls nominierten Romane von Clemens Meyer, Mirko Bonné, Reinhard Jirgl, Marion Poschmann und Monika Zeiner verwirklicht war.

Aus den Tagebüchern von Flora Meier schlägt dem Leser die Geschichte eines Lebens in der ständigen Krise entgegen. Schon in ihrem ersten Eintrag erzählt Flora von »sieben jahre[n], die ich hinter einem schrank wohnte«. Es folgen die Gewalt im Elternhaus, Armut, Erfolglosigkeit, Demütigungen, sexuelle Übergriffe und seelische Verletzungen, was sich am Ende zu einem unüberwindbaren Trauma-Berg anhäuft. Floras Erinnerungen dokumentieren, wie ihre äußere Haut immer dünner wird, bis sie sich völlig auflöst. »Ich gehe auf der Straße und habe das Gefühl, jeder, dem es einfiele, könnte in mich hineingreifen und mir Herz und Lunge herausreißen.« Das in mehreren Dateien festgehaltene Seelenleben von Flora Meier liest sich wie ein Kriegstagebuch, das von dem erbitterten Kampf gegen die eigene Existenz berichtet. Lesend werden wir Zeuge, wie Flora krank wird »am Versuch, normal zu sein«.

Aber was ist schon normal? Diese Frage stellt sich ein, schließlich trägt jeder seine persönliche Leidensgeschichte mit sich herum. Aber auch hier folgt die Form der Funktion. Wie schon in Peter Wawerzineks poetischer Auseinandersetzung mit den eigenen Mutterdämonen wird Terézia Moras Roman von einer singklingenden Sprache getragen, die ihren Ausgangspunkt in der Poesie, der frühen Leidenschaft Moras, hat und Floras Leiden in sphärische Höhen hebt. »Mood disorder. Was für ein schönes, melodiöses Wort. Muhd. Disorda.«

Zuweilen hat man gar das Gefühl, in Flora Meier eine Seelenverwandte Wawerzineks zu sehen: »Ich bin ein Niemandskind. Mutter tot, Vater fort, weder Gott noch Heimatort«, lesen wir in einer Datei mit dem Namen »nem_akarok_mélyebbre« beziehungsweise »Ich will nicht tiefer gehen«. In dieser Verschlüsselung der Einträge mit ungarischen Dateinamen spiegelt sich nicht nur die Herkunft Floras sowie die der Autorin, sondern sie markiert auch die Grenzüberschreitung Kopps, der in die nicht für ihn bestimmte Gedankenwelt eindringt.

Vielleicht liegt darin am Ende die zentrale Aussage dieses Romans. Flora Meiers Gedankenwelt war niemals für Darius Kopp bestimmt. Sie war für niemanden bestimmt. »Es soll mich keiner aushalten | ich verdiene es nicht | ich halte auch keinen aus | weil ich es nicht kann | weder einen anderen noch mich selbst «. Darius’ Suche nach dem Wesen seiner Liebe zu Flora wird zur Selbst- und Sinnsuche, an deren Ende er meint, nicht allzu weit gekommen zu sein. »Dass ich im Paradies leben durfte, soviel immerhin, habe ich begriffen«, heißt es am Ende. Und als Leser fragt man sich, ob diese in der Welt verlorene Figur überhaupt etwas begriffen hat.

Flora, die ihm den Weg in das vermeintliche Paradies geebnet und die er bedingungslos geliebt hat, fühlte sich hingegen immer fremd in dieser paradiesischen Allerweltswelt. Keine Lebensdroge konnte ihr eine Freude in das eigene (Er-)Leben einhauchen: »Aber ich bin ein Mensch und ziehe einen Tod im glücklichen Rausch einem Leben in nüchternen Schmerzen vor. Aber das verrate ich niemandem.« Darius blieb Flora ein Fremder, und Flora allein in der Welt. »Man kann aufhören, zu existieren, ohne tot zu sein«, schreibt sie in einem der letzten Einträge ihres Tagebuchs. Terézia Mora erzählt davon.

042_87365_137419_xxlTerézia Mora: Das Ungeheuer

Luchterhand Verlag 2013

681 Seiten. 22,99 Euro

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