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Orwell für die Massen

Siebzig Jahre nach George Orwells Tod ist das Urheberrecht für sein Werk erloschen. Davon wollen zahlreiche Verlage profitieren. Leser:innen stellt das vor eine wahre Flut an Neuerscheinungen, aus denen einige herausragen.

Am 21. Januar hat sich George Orwells Todestag zum siebzigsten Mal gejährt. Den deutschen Medien war das nicht einmal eine Kurzmeldung wert, dabei können Dritte seither ohne sein Einverständnis sein Werk verwerten und verbreiten. In der deutschen Literaturlandschaft erfolgt diese Verwertung in der Regel als Übersetzung, was bei Orwell bislang vor allem zum Schweizer Diogenes-Verlag geführt hat. Dort liegen, abgesehen von »1984«, alle Romane und Essays von Orwell vor. Eine Neuübersetzung ist dort ebensowenig geplant wie beim Ullstein-Verlag, der bislang die Exklusivrechte von »1984« besaß. Für Orwells Klassiker »Farm der Tiere« und »1984« waren bislang die Übertragungen von Michael Walter einschlägig. Die bekommen nun einem Dutzend Neuübersetzungen Konkurrenz. Dazu erscheinen Ende März eine Neuübersetzung von Orwells eindrucksvollem Debütroman »Tage in Burma« und bis zur Jahresmitte insgesamt drei Orwell-Adaption der Neunten Kunst. Eine wahre Bücherflut, deren Bewältigung insbesondere in die Kunstfertigkeiten des Übersetzer:innen-Berufs führt.

Natürlich muss man dabei auch unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe anlegen. Von den Billigausgaben aus den Häusern Anaconda und Nikol kann man nicht allzu viel verlangen, wenngleich hier einzuräumen ist, dass Simone Fischer viel richtig macht und so manche der anderen Übersetzungen in den Schatten stellt. Von Reclam muss man trotz günstigem Preis wiederum mehr erwarten können, da diese Übertragungen mutmaßlich die Grundlage für tausende Schüler:innen darstellen.

Orwells Romane sind vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen entstanden. In »Tage in Burma« verarbeitete er seine Dienstzeit als Polizeibeamter in Burma. In ungeheurer Anschaulichkeit zeichnete er ein verheerendes Bild der britischen Kolonialherrschaft, durchdrungen von Korruption, Bigotterie und imperialem Hochmut. Sein Verleger Victor Gollancz lehnte den Roman erst aus Angst vor den britischen Behörden ab, druckte ihn nach dessen Erfolg in den USA dann aber doch. Diese Erfahrung mit verlegerischer Freiheit sollte sich wiederholen. Als Trotzkist entkam Orwell im spanischen Bürgerkrieg nur knapp den Säuberungen der stalintreuen Geheimpolizei. Seither hegte er mehr als Abneigung gegen den sowjetischen Despoten, dessen Terror in England aber niemand zu kritisieren wagte. Schließlich stand man Seit an Seit im Krieg gegen Hitler-Deutschland.

Das wirkte sich vor allem auf Orwells Fabel »Farm der Tiere« aus, die erneut von Gollancz sowie drei anderen Verlagen abgelehnt wurde. In dem Essay »Die Pressefreiheit«, die nur in der Neuübersetzung von Ulrich Blumenbach enthalten ist, verschaffte sich Orwell Luft darüber. »Wenn Freiheit irgendeine Bedeutung hat, dann das Anrecht darauf, den Menschen das zu sagen, was sie nicht hören wollen.« Diese Freiheit erlangte Orwell erst nach dem Krieg, als sich der Wind gegenüber Stalin drehte und das Buch erscheinen durfte. Mit seinen tierischen Figuren zeigt er darin auf, wie die Revolution erst gelingt und dann gekapert wird. Der »genialsten politischen Parabel der Weltliteratur« (Eva Menasse), folgte mit »1984« eine Art Fortsetzung mit anderen Mitteln. In dem kurz vor seinem Roman Tod veröffentlichten Roman beschreibt er anhand der »planmäßigen Zersetzung und Auslöschung des Wahrheitsbegriffs« (Mirko Bonné), in welch zerstörerische Sackgasse die Perversionen politischer Ideologien führen. Der Roman und seine Wirkung ist in das English Dictionary eingezogen, denn im Englischen gibt es das Adjektiv »orwellian«, so wie es im Deutschen »kafkaesk« gibt. »Orwellian« wird dafür verwendet, auf Dinge hinzuweisen, die die freie Gesellschaft bedrohen.

Orwells Werk wohnt eine Zeitlosigkeit inne, weshalb sie jede Generation anders liest. Die Anschlussmöglichkeiten reichen vom imperialistisch-kolonialen Erbe über den Totalitarismus der 30er und 40er Jahre, die Verhältnisse in den sozialistischen Blockstaaten, das moderne China und die technische Überwachung durch Google und Co bis hin zur Aushöhlung der westlichen Demokratien durch Fake News und Propaganda.

George Orwell: Tage in Burma. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Mit einem Nachwort von Manfred Papst. Dörlemann Verlag 2021. 464 Seiten. 20,99 Euro. Hier bestellen

Diese Zeitlosigkeit prägt auch sein Debüt, in dem er die Geschichte von John Flory erzählt, der in der burmesischen Provinz mit Teakholz handelt. Im Gegensatz zu den meisten britischen Imperialbeamten findet er Gefallen an Land und Leuten und interessiert sich für ihre Kultur und Lebensweise. Zugleich wird er permanent Zeuge des gefühllos dummen Herrenmenschentums der britischen Kolonialisten, von denen er sich möglichst fern hält. Bis die schöne Elizabeth Lackersteen auftaucht und sein Freund Dr. Veraswami ins Visier des skrupellosen Aufsteigers U Po Kyin gerät. Der Roman wartet mit zahlreichen Wendepunkten auf, die Verhältnisse vor Ort, die drückende Hitze, der undurchdringliche Dschungel und die Gefahr des Fremden werden in verschiedenen Motiven aufgegriffen. »Was den Einsatz des Grotesken und Absurden als Verfremdungseffekt angeht, war er nie besser als hier«, sagt Übersetzer Manfred Allié über den Roman. »Wichtig war es mir, nichts Unkonventionelles zu glätten.« Zugeständnisse an den politisch korrekten Zeitgeschmack hat er nicht gemacht. Wenn ein britischer Imperialist in Orwells Test verächtlich das N-Wort verwendet, so tut er das auch bei Allié. So gelingt es dieser Übertragung, die bedrückende Atmosphäre dieser nahezu vergessenen Welt in all ihrer Grausamkeit aufzuzeigen. Dabei entwickelt der deutsche Text einen Sog, wie man ihn von Orwells Klassikern kennt.

Die erscheinen nun gleich mehrfach in neuer Gestalt. »Farm der Tiere« hat Ulrich Blumenbach für Manesse, Simone Fischer für Nikol, Heike Holtsch für Anakonda, Hans-Christian Oeser für Reclam und Lutz-W. Wolff für dtv neu übersetzt. Die Erzählung handelt vom Aufstand der Tiere auf Mr. Jones Herrenfarm und wie dieser von den Schweinen gekapert und in ein Angstregime überführt wird. Die Unterschiede in der Übersetzung beginnen schon auf der Ebene der Namen, denn das an den Stalin-Vertrauten Molotow angelehnte Propagandaschwein Schwatzwutz heißt beim ehemaligen Dumont-Verleger Lutz-W. Wolff und bei Reclam-Übersetzer Hans-Christian Oeser wie im Original Squealer, Simone Fischer benennt ihn sprechend mit Petzer und Ulrich Blumenbach spielerischer Petzwutz. Ein bloßer Schwätzer, begründet Blumenbach seine Entscheidung, würde den realhistorischen Hintergrund – der Charakter ist nach Stalins Propaganda-Minister Stalin-Vertrauten Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow gezeichnet – verharmlosen.

Namen mögen Kleinigkeiten sein, aber der Eindruck, dass es sich manche Übersetzung einfacher macht als andere und Blumenbach (u.a. Übersetzer von David Foster Wallace und Joshua Cohen) in einer anderen Liga spielt, manifestiert sich auch auf anderen Ebenen. Besonders sichtbar wird das immer dann, wenn Orwells Text zur Poesie greift, wie bei dem Lied auf die »Tiere Englands« oder die Hymne auf Napoleon. Letztere ist im Original von einer ungewöhnlichen Struktur geprägt, die dem Rhythmus der Internationale folgt.

Blumenbach und mit kleinen Abstrichen auch Oeser sind die Einzigen, der den Mut besitzen, textlich zu variieren und den Rhythmus im deutschen Text nachzubilden. Das wird auch beim umgedichteten ersten Vers von »Tiere Englands« deutlich. Aus Orwells »Animal Farm, Animal Farm, Never through me shalt thou come to harm!« machen Blumenbach »Farm der Tiere, Farm der Tiere, Sterben will ich, eh ich kapituliere!« und Oeser »Farm der Tiere, Farm der Tiere, Auf dass ich dich niemals verliere!«. Fischer muss für ihren holpernden Reim »Farm der Tiere, lass es dir sagen, Niemals trifft dich durch mich ein Schaden!« die bedeutungstragende Anapher auflösen, Wolff gar auf den englischen Titel des Romans zurückgreifen, um seinen unglücklichen Vers »Animal Farm, Animal Farm, Durch mich kommst niemals du zu Harm!« zu retten. Noch deutlicher werden die Unterschiede, wenn man sich die erste Strophe des Loblieds auf Napoleon im Vergleich anschaut.

George OrwellUlrich BlumenbachHans-Christian OeserSimone FischerLutz W.-Wolff
Friend of the fatherless!Freund du vom Waisenkind!Vater uns in jedem Leid!Freund der Waisen!Freund der Vaterlosen!
Fountain of happiness!Quell, wo das Glück beginnt!Quelle der Glückseligkeit!Quelle des Glücks!Quelle allen Glücks!
Lord of the swill-bucket! Oh, how my soul is onHerr du vom Futtertrog! Oh, ist mein Herz voll vonHerr des Schweinetroges, du bist uns’re Sonn’!Herr über Trog und Eisen!Herr des Futtereimers! Ach, wie glüht
Fire when I gaze at thyLicht, kann dein Aug ich sehn,Wer dir ins stille Auge blickt,Oh, wie mein Herze hüpft,Meine Seele, wenn ich in dein
Calm and commanding eye,Ruhig und souverän,Ins herrische, der ist entrückt,Schau ich in dein’Herrscherlich ruhiges Auge blicke,
Like the sun in the sky,Wie Sterne droben stehn,Als würd’ vom Himmel er erquickt,Blick so ruhig und reinDas wie die Sonn’ am Himmel steht,
Comrade Napoleon!Genosse Napoleon!Genosse du, Napoleon!Wie herrlicher Sonnenschein,Genosse Napoleon!
Genosse Napoleon!

Lutz W.-Wolff macht sich gar nicht erst die Mühe, ein Reimschema nachzubilden, wenngleich man ihm zugute halten kann, dass er die unregelmäßige Struktur mit dem Bruch im dritten Vers hält. Blumenbach, Oeser und Fischer bilden die Reime nach, wobei Fischer das Schema a-a-b-c-c-c-b in ein neues Schema a-b-a-b-c-c-c-d überführt, ohne jedoch dadurch den finalen Reim auf Napoleon zu erhalten. Oeser und Blumenbach finden dafür deutlich elegantere Lösungen, wobei sich Oesers Text im Einstieg von der Vorlage stärker löst als Blumenbachs Version.

Als am Ende des Märchens die Schweine mit den Menschen in Mr. Jones Herrenhaus ihr Bündnis feiern und nicht mehr zu unterscheiden ist wer Mensch und wer Schein war, beobachten bei George Orwell nicht die »Tiere draußen« das Gelage, sondern die »Geschöpfe draußen«. Von dieser unscheinbaren Bedeutungsverschiebung, mit der Orwell zeigen wollte, dass sich die der Schweine nicht auf alle Tiere überträgt, liest man leider nur bei Blumenbach, für den in dem Märchen »lautstark sein enttäuschter Glaube an die ursprüngliche Utopie des Kommunismus nachhallt«.

Diese Enttäuschung hat Orwell noch viel stärker »1984« eingeschrieben, die wohl bekannteste Antiutopie der Welt, in der Winston Smith sein Leben als Bürger Ozeaniens Revue passieren lässt. Es ist das Leben in einer Kriegs- und Mangelwirtschaft, in der die Partei im Namen des großen Bruders ein System der allgegenwärtigen Überwachung etabliert hat. Aus den acht Neuübersetzungen ragt eine aus verschiedenen Gründen wie ein Solitär heraus. Es ist die Übertragung von Frank Heibert, der als einziger den radikalen Schritt gewagt und Orwells Text – abgesehen von Zitaten und Rückblenden – ins Präsenz geholt hat. Die bedrohliche Atmosphäre des Textes bekommt so auch siebzig Jahre später einen zeitlosen Charakter. Es ist eben ein Unterschied, ob es »Die Vergangenheit verändert sich nicht nur, sie verändert sich ständig weiter« oder diese Veränderung als in der Vergangenheit abgeschlossen beschrieben wird.

Die Übersetzungen von Lutz-W. Wolff, Gisbert Haefs und Holger Hanowell bewegen sich insgesamt nah am Original. Lieder, Reime, teilweise auch Eigennamen sind im Englischen belassen. Das mag für Reclams Universalbibliothek noch nachvollziehbar sein (wenngleich eine Fußnote wünschenswert wäre), insgesamt aber bleibt der Beweggrund rätselhaft. Wolff und Hanowell bleiben auch bei der Syntax nah am Englischen, was ihre Texte unnötig kompliziert macht. Syntaktisch sind Karsten Singelmanns Übersetzung (die im Jugendbuch erscheint) sowie Heiberts Fassung hervorzuheben, weil sie auf dem Weg, »eine zeitgemäße und zugängliche Sprache zu finden« (Singelmann) die englische Satzstruktur aufbrechen und im deutschen Text die Umständlichkeit von Nebensatzketten vermeiden.

Insgesamt suchen alle Übersetzenden durch Wortwahl, Satzbau oder sprachlichen Markierungen eine eigene Version. Nicht allen gelingt das. Vor allem fällt die Inkonsistenz bei den eben noch gelobten Ausgaben von Manesse und Reclam ins Auge. Wo Blumenbach und Oeser übersetzen, sitzen Gisbert Haefs und Holger Hanowell so manche Herausforderung aus. Ihre Übersetzungen bewegen sich, wie auch beide Übersetzungen des ehemaligen Dumont-Verlegers Wolff, syntaktisch und lexikalisch nah am Original. Hier hätte man insbesondere von der Reclam-Ausgabe höhere Ansprüche erwarten dürfen.

Auf lexikalischer Ebene suchen alle Übersetzenden ihren eigenen Weg. Exemplarisch kann man das am bekanntesten Satz des Romans »Big Brother Is Watching You« festmachen, der von Karsten Singelmann und Lutz-W. Wolff (wie auch manch Anderes) im Englischen belassen wird, während die meisten Michael Walters Übersetzung »Der große Bruder sieht Dich« übernehmen. Gisbert Haefs und Eike Schönfeld fanden das zu harmlos und entschieden sich für »Der große Bruder beobachtet Dich« (Haefs) und »Der große Bruder hat Dich im Blick« (Schönfeld). Ausgehend von diesem Kernsatz war Michael Walters Referenzübersetzung schon immer etwas sperrig, weil Walter die Genossen siezen ließ, während der große Bruder drohend vom Plakat herunter-duzt. Dass Simone Fischer, Holger Hanowell und Gisbert Haefs dennoch beim Sie blieben, erklärt sich nicht einmal mit Doppeldenk.

Illustration: Reinhard Kleist

Haefs geht an einer weiteren Stelle ungewöhnliche Wege. Er ist der einzige, der die zweite Parole der Partei (»Freiheit ist Sklaverei«) mit »Freiheit ist Knechtschaft« übersetzt – weil »unabhängig von ethischen Aspekten das Feld Sklaverei/Sklavenhaltung/Sklavenwirtschaft vor allem ökonomisch besetzt ist, wogegen es Orwell um totale politische und geistige Unterdrückung geht«, wie er begründet. Ob diese Entscheidung für den Slogan einer Partei, die Menschen bewusst durch den verfälschenden Einsatz von Sprache manipuliert, klug ist, muss am Ende jede:r Leser:in selbst entscheiden.

Auch in der Übertragung des Neusprech setzt jede Übersetzung eigene Akzente, die sich aber nicht alle an Orwells formulierten Grundzügen messen lassen können. Neusprechwörter sollten nämlich nicht Bedeutungen ausdrücken, sondern sie zerstören, weshalb sprechende Wörter wie »Gesichtsverbrechen« (für Facecrime) oder »Eigenleben« (für Ownlife) weniger passend scheinen wie etwa »Mimkrim« oder »Egoleb«.

Je tiefer man in die Feinheiten des Texts einsteigt, desto auffälliger wird das Gefälle der Übersetzungen. Als O’Brien dem inhaftierten Winston im Original seine »reintegration« erklärt, übernehmen drei Übersetzungen das sperrige Fremdwort, drei verwenden immerhin das deutsche »Wiedereingliederung«, aber nur Heibert übersetzt den für solche Prozesse etablierten Begriff »Resozialisierung«. Die »tremendous show«, die für die Hasswoche organisiert werden soll, wird als »richtige«, »riesige«, »phantastische« oder »gigantische« Show (oder Schau) oder mit »echt was auf die Beine stellen« übersetzt. Alles nicht falsch. Aber erst, wenn man bei Heibert liest, »das muss ein Wahnsinnsspektakel werden«, versteht man den Druck, den das Regime hier ausübt.

In seiner größten Pracht leuchtet Orwells Werk in den Übertragungen von Manfred Allié, Ulrich Blumenbach und Frank Heibert.

Orwell arbeitet auch stark mit Dialekt, die Proles – je nach Übersetzung Prolls, Prolos, Proleten und Proletarier – sprechen im Original Cockney, eine spezifischer Sprachzug der Bewohner Londons. In einer Kneipe heißt es im Original etwa »Calls ‘isself a barman and don’t know what a pint is!« Eike Schönfeld ignoriert die Markierung im Original und übersetzt brav hochdeutsch »Schimpft sich Barmann und weiß nicht, was ein Pint ist!«. Den Barmann übernehmen nicht wenige, obwohl man im Deutschen eher von Barkeeper oder Wirt sprechen würde. Zudem fehlt der Soziolekt der einfachen Leute. Da bringt Holger Hanowell für Reclams Universalbibliothek mit »Nennt sich Wirt und weiß nich, was ‚n Pint is!« schon etwas mehr Schwung in den Text. Simone Fischer lässt die Prolls berlinern (»Schimpft sich Wirt unn hat kenen Schimmer, wat en Pint is!«), Frank Heibert greift zum Ruhrpottsound (»Nennt sich Barkeepa und weiß nich, wat’n Pint is!«). Am Ende ist es aber nur Heibert, der bei der Sprachmarkierung der Proleten durchgehend konsequent ist und auch bei Reimschemen großartige Lösungen findet. Etwa wenn die Waschfrau bei ihm wehmütig singt: »Die Zeit, heißt et, heilt alle Wundn, Vergessen, so schwer ist dat nich. Du kannz lächeln und wein’ wie du willz, aber nein’ – Dat Herz spürt noch immer den Stich.«

George OrwellFrank HeibertKarsten SingelmannSimone FischerEike SchönfeldHolger HanowellGisbert HaefsLutz-W. Wolf
They sye that time ‘eals all things,Die Zeit, heißt et, heilt alle Wundn,Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden,Man sagt, dass die Zeit heilt alle Wunden,Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden,Sie sagen, die Zeit heilt alle Wunden,Es heißt, Zeit heilt alles,They sye that time ‘eals all things,
They sye you can always forget;Vergessen, so schwer ist dat nich.Es heißt, ein jeder Kummer geht vorbei,Das Vergessen tritt ein nach manchen Stunden.Es heißt, man kann stets vergessen,Sie sagen, man kann immer vergessen;es heißt, man kann immer vergessen;They sye you can always forget;
But the smiles an’ the tears across the yearsDu kannz lächeln und wein’ wie du willz, aber nein’–Doch all die Jahre der Tränen, voll Hoffen und Sehnen,Doch auch nach Jahren fühl ich den Schmerz,Doch das Lächeln, die Tränen, das endlose Sehnen,Aber Lächeln und Tränen über Jahre und Stundenaber Lächeln und Tränen zerreißen mirBut the smiles an’ the tears across the years
They twist my ‘eart-strings yet!Dat Herz spürt noch immer den Stich.Zuletzt brach mir das Herz entzwei!Tief drinnen in meinem gebrochenen Herz.Die haben das Herz mir zerrissen.Gehen mir trotzdem zu Herzen!nach all den Jahren immer noch das Herz!They twist my ‘eart-strings yet!

Wie man im Vergleich der Übertragungen dieser Liedzeilen feststellt, schwingt sich nur Heiberts Übersetzung zu einem melancholischen Proletarierlied auf. Wolff übersetzt hier gar nicht, Haefs (nur in der Fußnote) und Hanowell bemühen sich nicht um einen Reim, sowohl Fischer als auch Schönfeld kämpfen an unterschiedlichen Stellen um ein sinnvolles Reimschema. Neben Heibert hält am ehesten Singelmanns Übertragung mit der Orwell’schen Vorlage mit, einen eigenen Drive bekommt sie aber nicht.

Die ungeheuer bildhafte der Sprache prägt Orwells Literatur. Dennoch sind die Bilder, die man zu »1984« im Kopf hat, von Michael Radfords bedrückender Verfilmung aus dem Jahr – na klar – 1984 geprägt. Drei Comics sowie die rauen Illustrationen von Reinhard Kleist, die Frank Heiberts Übersetzung begleiten, versuchen das zu ändern. Kleist, der zuvor Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« illustriert hatte, liefert mit seinen markanten Zeichnungen – ganzseitig und als kapiteleröffnende Vignetten – visuelle Ideen, wo der Roman vage bleibt. Seine bedrückenden Illustrationen, die Heibert als »Sneak-Preview-Material aus einer Graphic-Novel, die es nicht gibt« bezeichnet, deuten an, was die Neunte Kunst hier leisten könnte.

Enttäuschend die Adaption der beiden Franzosen Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa. Für das Szenario hat Derrien den Roman zum Steinbruch gemacht, Torregrossas zeichnerische Umsetzung ist brav und glatt. Dazu kommen inhaltliche Unstimmigkeiten, etwa wenn Goldsteins Buch in Winstons Hände gelangt. Sybille Titeux de la Croix und Amazing Ameziane nutzen ihre künstlerische Freiheit besser. Das für Mai angekündigte Album ist zwar recht textlastig, aber Amezianes Zeichnungen sind stilistisch vielfältiger, was ihn souverän zwischen den Ebenen des Romans wechseln lässt. Die postapokalyptische Kälte liegt hier als blau-grüner Schimmer in der Luft, das allgegenwärtige Misstrauen ist den grimmigen Gesichtern eingeschrieben und der unstete Rhythmus der Zeichnungen gibt der ständigen Bedrohung Gestalt.

Der brasilianische Maler Odyr Bernardi erweckt in seinem »Farm der Tiere«-Comic den Aufstand der Tiere in breiten, expressiven Strichen zum Leben. Auch wenn seine Adaption eher an ein Kinderbuch als an ein klassisches Comic erinnert, liefert er mit seinen simplen Zeichnungen genug Inspiration, um sich in dieser märchenhaften Erzählung zu verlieren. Am meisten empfiehlt sich aber immer noch die gezeichnete Orwell-Biografie von Pierre Christin und Sébastien Verdier, die bereits vor zwei Jahren erschienen ist. In realistischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen lassen die beiden Franzosen Orwells Leben Revue passieren, Enki Bilal, Manu Larcenet, Blutch und andere Zeichner illustrieren zudem farbig Tagebucheinträge und Auszüge aus seinem literarischen Werk. So entsteht ein rundes Bild des Menschen und Literaten George Orwell, das eine gute Grundlage für weitere Lektüren bildet.

Die größte Bildgewalt hat aber immer noch Orwells Werk selbst, dass in seiner größten Pracht in den Übertragungen von Manfred Allié, Ulrich Blumenbach und Frank Heibert leuchtet.

Eine kürzere Fassung des Beitrags ist in der freitag erschienen.