Berlinale Bites: Die Angst zwischen arm und reich

Courtesy of Visit Films

Statt einer wirklichen Geschichte der Angst präsentiert der Argentinier Benjamin Naishtat mit »Historia del Miedo« ein vorhersehbares Stückwerk aus Klischees und Langeweile.

Ein Helikopter fliegt über ein Wohngebiet, in dem provisorische Wellblechbaracken an den Rändern an große Haziendas grenzen. Aus dem Hubschrauber hinaus wird der Abriss der Armenunterkünfte angekündigt, die Betroffenen sollen sich polizeilich melden und würden umgesiedelt. Unterlegt ist diese Szene vom ohrenbetäubenden Schlagen der Rotorblätter.

Benjamin Naishtats Wettbewerbsbeitrag Historio del Miedo (dt. Geschichte der Angst) ist der bislang ärgerlichste Beitrag der diesjährigen Berlinale. Was als ironischer Kommentar auf die Verhältnisse von arm und reich in Argentinien verstanden werden soll, ist nicht viel mehr als eine langatmige Aneinanderreihung von vermeintlich symbolischen Szenen, denen die Ausdruckskraft fehlt, um als Symbol herzuhalten. Es reicht ein Loch im Zaun, ein hilfesuchender nackter Mann, der Fehlalarm in einer Villa oder ein Stromausfall, und die vermeintliche Sicherheit der Wohlhabenden hinter ihren hohen Zäunen und in den nagelneuen Karosserien sinkt unmittelbar ins Dunkel.

Auf der anderen Seite sind diejenigen, denen das Glück nicht derart hold ist. Sie sind in der Welt der Anderen solange geduldet, wie sie dort die Fenster putzen, das Essen kochen oder den Garten reinigen. Ansonsten sollen sie fernbleiben – was das geplante Abreißen der Favelas rund um ihre Anwesen erklärt – denn sie verursachen Hundebellen und Brandherde, sind Krankheitspfuhl und Gefahr für Leib und Leben.

Als wäre es damit nicht genug, bleiben die Figuren in den prototypischen Schablonen, überraschende Seiten sucht man in Naishtats Film vergeblich. Die Wohlhabenden bleiben distanziert, ihr Miteinander wirkt aufgesetzt. Ihre »Gegenspieler« sind krank, liebesunfähig und ständig falsch, wo auch immer sie sich befinden.

Vor dem Hintergrund der südamerikanischen Wirtschaftskrise oder der enormen Bauvorhaben rund um die Fußball-Weltmeisterschaft und die Olympischen Sommerspiele in Brasilien hätte man eine spannende Untersuchung der sozialen Verhältnisse zwischen Gentrifizierung und Ausbeutung in Südamerika drehen sowie die Ängste und Missverständnisse zwischen arm und reich herausarbeiten können. Dem Argentinier Benjamin Naishtat ist das nicht gelungen, seine Historia del Miedo ist schablonenhaftes Stückwerk.