»The nerds are alright«

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Es gehört zur Logik unserer Zeit, Negatives mit einem positiven Duktus zu besetzen. Philipp Schönthaler nimmt die »optimierte« Gegenwart unter die Lupe und entlarvt sie als kalte, durchrationalisierte Moderne.

Als Thomas von Steinaecker im Frühjahr 2012 seinen Roman Als ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen vorstellte, erntete er begeisterte Kritiken. Bewundert wurde der ebenso analytische wie nüchterne Blick, mit dem von Steinaecker das Versicherungsgeschäft analysiert hat. Die Assekuranz-Branche ließ der Autor durch seine Protagonistin Renate Meißner mit den ihr eigenen Mechanismen der Evaluation und Kalkulation sezieren und entblößen. ZEIT-Kritikerin Iris Radisch lobte damals den »stylishen« Ton des Romans und begrüßte die Hochkonjunktur des Angestelltenromans, wenn er so geschrieben sei.

Wenn dieser Typus des Romans vor zwei Jahren Hochkonjunktur hatte, dann ist Philipp Schönthalers Debütroman Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn ein Nachzügler. Vielleicht erklärt dies auch die bislang verhaltene Reaktion des Kulturbetriebs auf diese stilistisch und erzählerisch wagemutige Form des Erfassens der modernen Arbeitswelt, in die Evaluationsbögen, Protokolle und statistische Grafiken eingebunden sind. Vielleicht liegt die zurückhaltende Kritik aber auch an der Branche, die der 37-Jährige hier unter die Lupe nimmt. Denn wenn einer über die Abgründe der in die kapitalistischen Glaspaläste einziehenden Kommunikations- und Beratungsbranche schreibt, dann streift er zumindest auch die Welt der Leitmedien, in der im Zeitalter des Wettkampfs um Klicks und Likes längst ähnliche Regeln gelten.

Philipp Schönthalers sowohl in der Provinz wie im Ausland spielender Roman ist alles andere als ein Kleinod der Gesellschaftskritik. Die im vergangenen Herbst erschienene vielstimmige Erzählung besitzt in ihrem unterkühlten Stil die Wucht eines Vorschlaghammers im katastrophenanfälligen Porzellanladen namens Leistungsgesellschaft.

Dies liegt auch an Schönthalers Talent, die Mythologie der Gegenwart in mitreißenden Geschichten zu verpacken. Für sein Erzähldebüt Nach oben ist das Leben offen erhielt er im vergangenen Jahr den Clemens-Brentano-Preis. Vor ihm gewannen unter anderem Wolfgang Herrndorf, Ann Cotten, Clemens Meyer, Anna-Katharina Hahn oder Andreas Maier den Literatur-Förderpreis der Universität Heidelberg.

Im Mittelpunkt von Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn stehen mit Erik Jungholz, Direktor eines international erfolgreichen Stuttgarter Kosmetikkonzerns, und Pamela J. Smaart, Personalberaterin und Coachin, zwei vermeintliche Gewinner einer Welt, die mehr aus Schein als aus Sein besteht. Dazu gehört auch, dass sich diese beiden in einer normalen Welt nie begegnen würden. Smaarts Aufgabe besteht darin, das humane Arbeitsmaterial fit und möglichst effektiv zu machen. Jungholz’ Naturell widerspricht es hingegen grundsätzlich, mit der sich ihm bietenden Effektivität der Arbeitskräfte zufrieden zu sein.

Der vielversprechend gestartete »erfolgssüchtige Opportunist« Jungholz ist jedoch in einer Sackgasse geraten. Seine menschenverachtende Exzentrik hat dazu geführt, dass sein Team nicht das leistet, was man sich von ihm erhofft. Die Umsätze der Produktlinie, für die er verantwortlich ist, sind schlecht, woraufhin die Konzernleitung Pamela J. Smaart engagiert, um dem jungen Draufgänger den Kopf zu waschen: »Alphatiere, die mit gehobenem Hinterlauf ihr Revier markieren, das ist passé. Es weht ein anderer Wind: Was sie bis hierher gebracht hat, wird sie nicht weiterbringen. Aber ich wäre nicht hier, wenn die Konzernleitung nicht an sie glauben würde«, erklärt sie ihm gleichermaßen unmissverständlich wie ermutigend im ersten Gespräch.

In Schönthalers Roman geht es um diesen Wind, der das schlingernde Schiff des Kapitalismus mal mehr und mal weniger eindeutig auf seiner Bahn hält. Ein Wind, der den Headhuntern und Human-Ressource-Managern, den Stimm- und Personal-Trainern, den Controllern und Consultants nur Recht sein kann. Es ist der Wind der Optimierung und Perfektionierung zum Zwecke der höheren Gewinnausschüttung. Wo die Performanz des Menschenmaterials gesteigert wird, steht am Ende auch mehr Ertrag, lautet die perfide Erntelogik. Schließlich handelt es sich beim Menschen um einen hochkomplexen lernfähigen Organismus, wie wir in Schönthalers Roman lernen. »Es liegt an uns, dieses filigrane System optimal einzustellen und zu steuern«, bis es Dinge vollbringen kann, von denen niemand zu träumen gewagt hätte. Diese Träume enden irgendwann als Alptraum, wie Schönthaler in der Erfindung der Anonymen Arbeitssüchtigen andeutet. Die AAsler sind ein armer Haufen, dessen Mitglieder sich darüber austauschen, dass »dieses nicht-Arbeitenkönnen« größer und stärker ist als sie selbst.

Ein Alptraum ist diese Welt auch für all jene, die erfahren müssen, dass auch die beste Optimierung Grenzen kennt. Menschen wie die Bewerberin Rike, die im Assessment Center an einer Aussprachschwäche scheitern wird oder wie der Privatdetektiv List, der für den Kosmetikkonzern Blender auffliegen lassen soll, zugleich aber vor den Aufschneidern in dieser ihm so fremden Welt viel zu viel Respekt hat. Selbst die souveräne Personalberaterin Smaart entpuppt sich im stillen Kämmerlein als »optimierungsbedürftig«.

Der in Stuttgart geborene Schönthaler hat mit dem gigantischen Kosmetikkonzern – unschwer als fiktionalisierte Version des in der schwäbischen Metropole angesiedelten Beauty-Unternehmens Yves Rocher entworfen – einen Mikrokosmos geschaffen, der sich perfekt für die Untersuchung der Folgen des unaufhörlichen Optimierens eignet. Denn hier werden nicht nur die Geschäfts- und Produktionsstrukturen auf die größtmögliche Effizienz ausgerichtet, sondern in den angegliederten Forschungs- und Schönheitslabors auch die Körperhüllen der einzelnen Glieder dieser Leistungsmaschine perfektioniert. Der in Stuttgart geborene Autor hätte keine bessere Welt (er)finden können, um das Regieren des Nerdismus in der modernen Arbeitsgesellschaft, die sich längst zu einer Müdigkeitsgesellschaft entwickelt hat, vorzuführen. Eine Welt, in der hinter den Kulissen selbst die Gewinner zu den Verlierern gehören.

Stilistisch behandelt Schönthaler diese Welt so wie sie beschaffen ist – an der Oberfläche sachlich, darunter arglistig. In der leisen Ironie seiner Sprache versteckt sich das Grauen, hinter den wohlkomponierten Sätzen lauert der Abgrund. Paradigmatisch dafür eine Szene, in der Assistant Director Frederick Quass mit einem Kollegen über das Familiäre plaudert. »Man weiß einfach nicht, wo man dran ist«, sagt er, und man ist geneigt, im Wissen um die zuweilen chaotischen Zustände in einer Familie eilfertig zuzustimmen. Doch dann liest man weiter und mit jedem Satz öffnet sich der Boden unter den Füßen ein wenig mehr: »Ständig ist alles anders, ständig wird etwas anderes von einem erwartet… Permanent ist man am Schwimmen… was gestern noch gut war, ist plötzlich Unfug und umgekehrt. Da sagt man sich doch: Dann lieber Arbeit, denn dort wird man gebraucht, dort hat man seine Aufgaben, weiß, was man zu tun hat«. Wie perfide ist diese Hochleistungsgesellschaft, in der am Ende die Aussage »Dann lieber Arbeit…« alle Alternativen schlägt? Philipp Schönthaler führt sie uns auf schaurig-schöne Art und Weise vor.

cover.htmlPhilipp Schönthaler: Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn

Verlag Matthes & Seitz Berlin 2013

280 Seiten. 19,90 Euro.

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