Himmelfahrtskommando Hindukusch

Gruppenaufnahme der Offiziere der Militärischen Mission in stark verschlissenen Uniformen, breitkrempigem Hut, Patronentaschen über der Schulter und mit Pistole am Gürtel, vor der Mauer des Bagh-e Babur stehend (v.l.n.r.: Dr. Günther Voigt, Oskar Niedermayer, Kurt Wagner). Links im Hintergrund Dr. W. O. v. Hentig auf seinem Blauschimmel Pascha sitzend. | © Stiftung Bibliotheca Afghanica, CH-4416 Bubendorf

Wir schreiben das Jahr 1914. Die deutschen Militärs suchen mithilfe eines »The Great Game« genannten Spiels nach der perfekte Strategie gegen die übermächtige britische Seemacht. Die »paschtunische Schandlinie« im Osten Afghanistans hat sich dabei als »Achillesferse des britischen Kolosses« herausgestellt. In seinem historischen Reise- und Abenteuerroman »Risiko« erzählt Steffen Kopetzky fulminant die Geschichte einer Geheimmission, mit der das Deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg am Hindukusch drehen wollte.

Als es 1914 zum Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand kommt, steht die Welt bereits unter Strom. Die Militärs der Großmächte Deutschland, Großbritannien und Russland suchen bei Strategiespielen schon lange nach der besten Taktik im sogenannten »Great Game«. Dann kommt es in den ersten Kriegstagen zu einem hinterhältigen Angriff der deutschen Marine auf die britischen Truppen vor Albanien. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und fällt verheerend aus. Die Deutschen müssen ins neutrale Istanbul fliehen. Hier wartet der Diplomat und Orientkenner Freiherr Max von Oppenheim mit einem waghalsigen Plan auf. Unter der Führung von Oberleutnant Oskar Niedermayer schickt er eine Geheimexpedition auf den Weg nach Kabul, um im Auftrag des »Sultans von Deutschland« Hadschi Wilhelm el-Almani ein Bündnis mit den Afghanen zu schließen. Mit von der Partie sind der Marinefunkoffizier Sebastian Stichnote, der NZZ-Journalist Adolph Zickler und der britische Spion Andrew Gilbert, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen.

Steffen Kopetzky ist mit seinem Roman Risiko ein betörend-mitreißender Abenteuerroman gelungen, in dem er nebenbei mit dem von Michel Houellebecq gezeichneten Bild des Islam aufräumt. Im Interview spricht er über die Hintergründe des Romans und seine Recherchen.

Die historischen Bilder, die diesen Beitrag illustrieren, sind der Sammlung »Werner Otto von Heftig 1915 – 1917« aus der Phototheca Afghanica entnommen, mit der die Stiftung Bibliotheca Afghanica im schweizerischen Bubendorf verschollene Bilder von Afghanistan sucht und zugänglich macht. Das Titelbild zeigt eine Gruppenaufnahme der Offiziere der Militärischen Mission in stark verschlissenen Uniformen, breitkrempigem Hut, Patronentaschen über der Schulter und mit Pistole am Gürtel, vor der Mauer des Bagh-e Babur stehend (v.l.n.r.: Dr. Günther Voigt, Oskar Niedermayer, Kurt Wagner). Links im Hintergrund Dr. Werner von Hentig auf seinem Blauschimmel Pascha sitzend. 

Steffen Kopetzky auf der Leipziger Buchmesse 2015 | © Thomas Hummitzsch

Steffen Kopetzky auf der Leipziger Buchmesse 2015 | © Thomas Hummitzsch

Herr Kopetzky, Sie erzählen in Ihrem Roman »Risiko« vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs von einer Geheimexpedition deutscher Militärs und Diplomaten nach Afghanistan. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestoßen?

Ich habe in einem Buch des britischen Historikers Peter Hopkirk, in dem er sich mit der Spionagegeschichte im frühen 20. Jahrhunderts des britischen Empires auseinandersetzt, davon gelesen. Darin schrieb er über den Jihad als Mittel der deutschen Militärs. Ziemlich schnell habe ich den unglaublichen Stoff darin erkannt, speziell als ich die ersten Fotos von Oskar Niedermayer in Kabul gesehen habe. Mit seinem Räuberbart, mit Hut und Patronengürtel, der Flinte zwischen den Beinen, steht er da im Auftrag des Deutschen Reiches mitten in der afghanischen Hauptstadt – man denkt sofort an eine Karl-May-Figur. Dann habe ich festgestellt, dass es zu dem Thema nur einen einzigen Roman von 1917 gibt, geschrieben von John Buchan, der später als Autor von Die neununddreißig Stufen sehr bekannt wurde. Er war auch Chef des britischen Geheimdienstes zum Ende des Ersten Weltkriegs. Buchan ist im Grunde der erste britische Spion, der auch Romanautor war; und hat als Einziger diesen Stoff in einem seiner Romane verwendet.

Können Sie sich erklären, warum dieser fantastische Stoff in der (Literatur-)Geschichte kaum bekannt ist?

Inzwischen schon, denn sobald man sich mit der Sache beschäftigt, wird es kompliziert. Die verschiedenen Reiseberichte und autobiografischen Dokumente von Oskar Niedermayer oder Werner Otto von Hentig und ein paar anderen der Expedition (sogenannten Niedermayer-Hentig Expedition, A.d.A.) widersprechen sich in der Sache zum Teil stark. Die Lektüre des Niedermayer-Buchs ist zudem auch ziemlich qualvoll, ständig springt er vor und zurück. Es war dementsprechend nicht einfach, aus all dem Material einen Plot zu stricken und die Gesamtlage zu begreifen. Ich musste viel nachrecherchieren, auch um herauszufinden, inwieweit diese Expedition im Kontext des 1. Weltkriegs überhaupt einen strategischen Sinn hatte. Die Recherchekreise wurden dann immer größer, dehnten sich aus auf das Osmanische Reich, die Geschichte des Islam, den inneren Zerfall des Islam und so weiter, so dass es eigentlich einen Universalgelehrten erfordert. Ich habe bei diesen Recherchen relativ schnell verstanden, warum das bislang noch keiner gemacht hat.

Haben Sie den Nahen und Mittleren Osten bereist, um einen Eindruck der Bedingungen vor Ort zu bekommen? Sie beschreiben diese in Ihrem Roman überaus eindrücklich?

Nicht wirklich. Nach Konstantinopel beziehungsweise Istanbul habe ich eine Recherchereise für den Roman gemacht. Außerdem war ich schon mal in Indien und mit einer Kulturdelegation des deutschen Außenministers in Islamabad, aber in Mesopotamien, Irak, Persien oder Afghanistan war ich noch nie. Als man noch nach Afghanistan reisen konnte, war ich noch nicht an dem Thema dran, und als es dann soweit war, war die Situation im Land – zumindest für jemanden, der wie ich nicht landeskundlich ist – zu riskant. Aber man muss ja nicht unbedingt irgendwohin reisen, um Dinge zu beschreiben, sondern es geht um das richtige Arrangement der Dinge.