So nah ist die Welt

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Das 15. Internationalen Literaturfestival Berlin zeigt sich traditionell politisch und rückt die Situation der Flüchtlinge in den Mittelpunkt. Die Künstler Jakob Preuss, Jenny Erpenbeck und Ashur Etwebi diskutierten über die europäische Einwanderungspolitik und rückten die Schicksale der Schutzsuchenden in den Mittelpunkt.

Als der spanische Romancier Javier Marías am vergangenen Mittwoch das 15. Internationale Literaturfestival Berlin (ilb) offiziell eröffnete, sagte er, dass die Wirklichkeit eine erbärmliche Schriftstellerin sei, »weil sie weder auswählt noch ordnet oder dosiert; weil sie ohne Widerrede alle Zufälle schluckt – was bleibt ihr übrig, wenn sie doch in ihr geschehen –; weil sie alle Unwahrscheinlichkeiten hinnimmt, selbst solche, bei denen wir in einem Roman oder Film ärgerlich ausrufen würden Komm schon! Wie unverschämt, wer soll das glauben?; weil sie weder filtert noch verschweigt oder hinauszögert, wenn sie doch gerade filtern, verschweigen oder hinauszögern müsste; weil sie ohne weiteres imstande ist, ein Geheimnis oder einen Zweifel zu beseitigen und Ängsten den Boden zu entziehen; weil sie jeder Absicht entbehrt, schlimmer noch, jeden Stils; weil sie entweder keine Pausen kennt oder sie übermäßig in die Länge zieht, bis wir den Faden und das Interesse verloren haben; weil sie voller banaler Figuren und Situationen ohne jede Spannung ist und uns unaufhörlich mit überflüssigen, ja öden Einzelheiten versorgt, etwa mit dem kompletten Menü eines jeden Gastes im Laufe eines Mittagessens; weil sie auf alles mal allzu viel Licht, mal allzu viel Dunkel wirft, weshalb das, was eine Geschichte zu sein schien, gar keine mehr ist, denn man erfährt entweder alles auf einen Schlag, oder man hat keine Chance, etwas zu begreifen, je nachdem; weil es ihr oft an Rhythmus fehlt, sie voll toter Zeit ist oder die Ereignisse sich überschlagen.«

Er glaube daher, dass einer der Schlüssel der Literatur darin liege, dass etwas, was tatsächlich stattgefunden hat, nur dann annehmbar und wahrscheinlich klinge, »wenn es den Filter der Vorstellung durchlaufen hat, wenn man imstande ist, es zu erzählen, als hätte es sich in Wirklichkeit gar nicht zugetragen«. In diesem Sinne ist Jenny Erpenbeck die Autorin der Stunde. Mit ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Gehen, ging, gegangen, den sie in der zweiten Woche des Festivals vorstellen wird, hat sie das Buch zur Flüchtlingsdebatte geschrieben. Darin lernt ein emeritierter Berliner Professor eine Gruppe Flüchtlinge vom Oranienplatz kennen. Ihre Schicksale wecken seine Neugier, und mit jeder Frage, die er an sie richtet, kommt er sich selbst ein wenig näher.

Es werde nie gelingen, einen befriedigenden rechtlichen Rahmen zu finden. Daher brauche es mehr Flexibilität und weniger Gründlichkeit

Es werde nie gelingen, einen befriedigenden rechtlichen Rahmen zu finden. Daher brauche es mehr Flexibilität und weniger Gründlichkeit, so Filmemacher Jakob Preuss

Bereits am Freitag diskutierte sie, moderiert von Hans Christian Buch, mit dem Filmemacher Jakob Preuss und dem libyschen Arzt und Poet Ashur Etwebi über die EU-Einwanderungspolitik. Ziel der Debatte sollte sein, Krieterien und Rahmenbedingungen einer europäischen Einwanderungsgesetzgebung zu formulieren. Bei einem solchen Anliegen kann eine Veranstaltung nur an den Erwartungen scheitern. Dennoch lohnte es sich, den drei Künstlern zuzuhören. Preuss zeigte zu Beginn der Debatte einen Ausschnitt seines Dokumentarfilms Europe’s Borderlands, für den er in die Grenzregionen Europas gereist ist und dort mit den Menschen über ihre Hoffnungen und Motive gesprochen hat. Die Aufnahmen, die er zeigt, hat er in den Wäldern an der Grenze zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Marokko gemacht, wo unzählige Menschen darauf warten, dass sich ihnen die Chance bietet, nach Europa zu gelangen. Hier begegnete er dem Kameruner Paul, der wie die meisten aufgrund der Perspektivlosigkeit seiner Heimat den Rücken gekehrt hat. Paul wird eine zentrale Figur in Preuss Film werden, denn in diesem Fall hat der Filmemacher seine neutrale Beobachterposition verlassen. Zwischen ihm und dem Kameruner ist eine Freundschaft erwachsen. Als Paul in Paris ankam, half er, der vor Jahren dort studiert hat, ihm bei der Suche nach einer Unterkunft aus. Inzwischen ist Paul in Berlin angekommen, er wohnt bei Preuss Eltern in deren Haus in Berlin-Wilmersdorf. Preuss Senior ist im Grunde der Richard aus Jenny Erpenbecks Roman. Auch er ist ein emeritierter Professor, der, konfrontiert mit dem Schicksal des Kameruners, Dinge lernt, von denen er vorher nur eine Ahnung hatte, wie Jakob Preuss berichtete.

Der Bogen zu Jenny Erpenbeck war damit gespannt, die Bilder für einen Fernsehbeitrag zu ihrem Roman wurden bei Preuss’ Eltern gedreht. Erpenbeck nahm vor eineinhalb Jahren ihre Recherchen zum Roman auf, alles fing mit einem Fahrrad an, dass sie den Flüchtlingen am Oranienplatz brachte. Die dort protestierenden Menschen nahmen sie mit ihren Schicksalen zwischen Armut, Tod und Verzweiflung gefangen. Fortan begleitete sie die Flüchtlinge in ihrem Kampf um Würde und Existenzberechtigung. Sie wohnt den zähen Verhandlungen um die Räumung des Platzes bei und erlebt, wie der Berliner Senat nach und nach jedes einzelne Versprechen gegenüber den Schutzsuchenden brach. Sie schrieb vor ziemlich genau einem Jahr einen Offenen Brief an Berlins Innensenator Frank Henkel, in dem sie ihrem Ärger Luft machte. Darin schreibt sie, dass »die Flüchtlinge, die wirklich aus ihrem Leben vertrieben wurden, deren Familien in Wirklichkeit ermordet wurden, deren Kinder in Wirklichkeit bei der Überfahrt nach Europa ertrunken sind, die seit drei Jahren wirklich zu Hunger, Obdachlosigkeit und Untätigkeit verdammt sind – die müssen jetzt endlich verstehen, dass in Deutschland die Lösungen für die wirklichen Probleme aus Papier gemacht sind und nur leise rascheln, wenn der Fall ad acta gelegt wird.«

»Man verschenkt so ein unheimlich viel Potential an guter Energie.« Jenny Erpenbeck hat mit »Gehen, ging, gegangen« den Roman zur Flüchtlingskrise geschrieben

»Man verschenkt so unheimlich viel Potential an guter Energie.« Jenny Erpenbeck hat mit »Gehen, ging, gegangen« den Roman zur Flüchtlingskrise geschrieben

Wer dachte, dass Erpenbecks Wut seitdem etwas verklungen ist, der hat sich getäuscht. Das Schreiben des Romans hat ihr offenbar nur umso deutlicher gemacht, in welch schwieriger Situation die Menschen sind, die in Deutschland auf eine zweite Chance warten. Es sind Menschen, die ins Warten eingesperrt sind. Erpenbeck hat ihnen ein Jahr lang dabei zugesehen. Eine Herausforderung für beide Seiten, wie man sich vorstellen kann. Diese Menschen wollen arbeiten, nicht einmal im Monat Geld von einer Behörde fürs Nichtstun empfangen, berichtet die Autorin von ihren Erfahrungen. Der »Wahnsinn der Bürokratie« aber – dem auch die Situation am Lageso zuzuschreiben sei – verhindere jedes Leben, lege den Menschen nur Steine in den Weg. »Man verschenkt so unheimlich viel Potential an guter Energie.«

Auch Preuss sieht die Zeit gekommen, von den Paragrafen abzurücken, allein schon deshalb, weil es in diesen Fragen »nie gelingen wird, einen befriedigenden rechtlichen Rahmen zu finden«, so der studierte Jurist. »Bei aller Gründlichkeit müssen wir flexibel sein«, denn die Menschen kämen so oder so; dorthin wo es Arbeit und einen Anschluss an die eigene Community gäbe. Deshalb brauche es auch andere Verteilungsmechanismen, in Europa und in Deutschland. Sowohl Dublin als auch der Königssteiner Schlüssel seinen Konzepte, die zum Scheitern verurteilt sind. Preus forderte mehr Plätze für das Resettlement, die 20.000 von Deutschland zur Verfügung gestellten Plätze seinen ungenügend. Europa sollte in der Lage sein, eine halbe Million solcher Plätze jährlich zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus brauche es pragmatische Lösungen, um den Menschen eine echte Chance zu geben. Er warnte aber auch vor der aktuellen Euphorie. Es werden irgendwann Katerstimmung ein- und Schwierigkeiten auftreten. Dann gelte es Ruhe zu bewahren. Seiner Erfahrung nach würden die meisten Menschen ohnehin in ihr Heimatland zurückkehren wollen, wenn sich dort die Situation verbessert habe. Man müsse daher stärker dem Konzept der zirkulären Migration vertrauen, die wenigsten Menschen würden auf Dauer bleiben. Und die die blieben, werden dringend gebraucht, erklärte Preus.

»Eröffnet den Menschen Wege, die es ihnen ermöglichen, ein menschliches Leben zu leben«, forderte der Libyer Asher Etwebi.

»Eröffnet den Menschen Wege, die es ihnen ermöglichen, ein menschliches Leben zu leben«, forderte der Libyer Asher Etwebi.

Der Libyer Ashur Etwebi ist ein Paradebeispiel für Preuss Ausführungen. Der dichtende Mediziner lebt derzeit in Norwegen, ein Stipendium hat es ihm mit seiner Familie ermöglicht, der Gewalt nach dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes zu entfliehen. Er würde lieber heute als morgen in sein Heimatland zurückkehren, wenn es die Situation zuließe. Zugleich gab er der Diskussion noch einmal eine grundsätzlichere Ausrichtung. Er kritisierte die Politik der westlichen Staaten. »Mit der einen Hand geben sie Waffen, mit der anderen helfen sie den Flüchtlingen.« Vierzehn Jahre nach Nine-Eleven sei fast die ganze arabische Welt ein Ground Zero, der Westen spiele hier keine kleine Rolle. Wenn die Menschen nun diese Regionen panisch verließen, dann seien Europa und die USA aufgefordert, diese Schutzsuchenden aufzunehmen. Die Unterscheidung zwischen Flüchtling und Armutsmigranten findet sei Haarspalterei, erklärte Etwebi, denn am Ende stünden sie gemeinsam vor den Toren Europas. Dass es keine einfach Lösung für das Problem der Bewältigung dieser globalen Krise gebe, sei ihm bewusst. Aber es gebe einen einfachen Grundsatz: »Eröffnet den Menschen Wege, die es ihnen ermöglichen, ein menschliches Leben zu leben«, forderte der Libyer.

Die Diskussionen um die Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden stehen im Mittelpunkt des 15. ilb, das noch bis zum 19. September läuft und mit fast 250 Veranstaltungen und mehr als 200 Autoren aus über 50 Ländern eine der größten Literaturveranstaltungen hierzulande ist. Fragen von Flucht, Vertreibung und Identität werden nicht nur in der Festival-Anthologie Woher ich nicht zurückkehren werde (hier als pdf zum Download) reflektiert, sondern bis zum Schluss in zahlreichen der insgesamt 244 Veranstaltungen thematisiert. Etwa wenn der nigerianische Literaturnobelpreisträger und Unesco-Botschafter Wole Soyinka über den islamistischen Terror in seinem Heimatland und die Ursachen von Vertreibungen weltweit sprechen, der Belgier David van Reybrouck seine packende Kulturgeschichte des Kongo vorstellen oder die syrische Journalistin über ihre Reisen in die zerstörte Heimat berichten wird.

Von Dingen zu erzählen, als hätten sie sich in Wirklichkeit gar nicht zugetragen ist das eine. Aber wie Wirklichkeit fällt derzeit so krachend in unseren Alltag, dass es zunächst angesagt scheint, die Fiktion Fiktion sein zu lassen und sich der Gegenwart zu stellen.