Die Sprengkraft des Dogmatismus

Das Simeonskloster im Nordwesten Syriens. Noch ist das Pilgerheiligtum von den Angriffen des »IS« verschont geblieben

Der aktuelle Preisträger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Navid Kermani und der rumänische Armenier Varujan Vosganian sprachen beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über ihre aktuellen Bücher und kamen beide auf die Folgen der Radikalisierung der Religion, wie sie aktuell im Nahen und Mittleren Osten zu beobachten ist, zu sprechen.

Die Religion ist zurück, nicht nur im gesellschaftlichen Diskurs, sondern auch in der Literatur. Ob Martin Walser, Sibylle Lewitscharoff oder Martin Mosebach – die ehemaligen Granden der deutschen Sprachkunst verzetteln sich im Dogmatismus des Christentums. Ihre Romane bildeten den intellektuellen Humus, auf dem die Abendlands-Sehnsucht der selbsternannten Patrioten am rechten Rand unserer Gesellschaft wuchs.

Dabei lässt sich ausgewogen und sachlich über Religion sprechen, ohne es an Sinnlichkeit und Mystik mangeln zu lassen. Der aktuelle Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Navid Kermani, zweifellos einer der größten Intellektuellen und feinsinnigsten Romanciers der Republik, macht dies in seinem neuen Buch Ungläubiges Staunen. Darin beugt sich der bekennende Muslim schwärmend, aber nicht unkritisch über das Christentum und seine Bildkultur. Ob in El Grecos Christi Abschied von seiner Mutter, Caravaggios Der ungläubige Thomas oder einer unscheinbaren Pieta-Figur – er entdeckt in diese Kunstwerke das Rätselhafte und die Schönheit des Religiösen.

KermaniSeine Neugier gegenüber dem Christentum sei mit seinem Roman Dein Name gewachsen und mache sich vor allem am christlichen Konzept der Feindesliebe fest, erklärte Kermani. Denn dies sei der Kern dessen, dass den biblischen Jesus von dem Jesus im Koran unterscheide. Bei seiner Auseinandersetzung mit dem Christentum seien für ihn viele Fragen offengeblieben, gestand er beim ilb in Berlin, aber so habe er sich auch das Staunen bewahren können. Dies macht auch den Kern seiner Erkundungen aus, prägt den zugewandten und intellektuellen »Ton des Verstehen-wollens, aber nicht Verstehen-könnens«.

Kermani_Ungläubiges Staunen

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum, Verlag C.H.Beck, 303 Seiten. 24,95 Euro

Liest man in diesem wunderbar illustrierten Werk, rätselt man ob des aggressiven Tons, den 2009 Kardinal Karl Lehmann und der ehemalige Kirchenpräsident von Hessen-Nassau Peter Steinacker angeschlagen hatten, als sie sich gegen Kermanis Auszeichnung mit dem Hessischen Kulturpreis ausgeschlagen haben. Denn jede Kritik am christlichen Dogmatismus, die sein Erzähler hier äußert, wird aufgefangen im verwunderten Fragen nach der sinnlichen Dimension, die doch entscheidend sei für die religiöse Erfahrung. »Das Religiöse ist kein Denken, sondern ein Erlebnis«, sagte er in Berlin. Man denke nur an das Kind in der Messe, das den Gesängen lausche und den Weihrauch atme. Dieses Kind ergötze sich nicht an der Predigt, sondern am Rausch der Sinne. Dieser Rausch sei der eigentliche religiöse Moment, ein Augenblick des Schönen, der die Zeit vergessen lässt. Und »die Zeit vergessen bedeutet, die Ewigkeit zu atmen.«

Kermanis insistieren auf die Schönheit und Sinnlichkeit des Religiösen, das ihm immer wieder das ungläubige Staunen ermöglicht, ist aber nicht nur ein ästhetischer, sondern vor allem ein politischer Moment. »Wenn Religion zusammenschrumpft auf die wörtliche Bedeutung der Schriften, dann schlägt sie um in Gewalt und die Texte werden zu Dynamit«, erklärte er. Die Folgen sahen wir kürzlich im syrischen Palmyra, davor im irakischen Nimrud oder in der malischen Stadt Timbuktu, wo die Steinzeitislamisten mit den historischen Denkmälern nicht nur die Überreste anderer Kulturen, sondern alle Tradition und alles Schöne in Grund und Boden gestampft haben. Wer dachte, dass die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan im Frühjahr 2001 ein einmaliger Akt der Kulturvernichtung war, der ist in den letzten Monaten eines besseren belehrt worden.

Deir-ez Zor liegt ebenfalls in Syrien, bis zum Herbst 2014 stand dort eine Gedenkstätte, die an den Genozid an den Armeniern vor einhundert Jahren erinnerte. Tausende Armenier pilgerten jedes Jahr in die Heilige Märtyrerkirche, bis die Islamisten das Gebäude in der ostsyrischen Stadt in die Luft sprengten. Ein zynischer Gruß an die Armenier kurz vor dem traurigen Jubiläum.

Im April veranstaltete das ilb eine weltweite Solidaritätslesung aus Varujan Vosganians Buch des Flüsterns, um bei Lesungen in über 40 Ländern an den Völkermord zu erinnern. Beim ilb konnte der rumänische Armenier sein gleichermaßen erschütterndes wie wunderbares Buch, das vom Genozid an den Armeniern und all den »Krankheiten des 20. Jahrhunderts erzählt« – und im vergangenen Jahr für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert war –, gemeinsam mit seinem Übersetzer Ernest Wichner noch einmal präsentieren. Der Roman hat hymnische Kritiken erhalten, wurde sogar als die europäische Version von Gabriel García Márquez Hundert Jahre Einsamkeit bezeichnet.

VosganianIn dem Roman, der hauptsächlich aus der Perspektive des Großvaters erzählt wird, ausgehend von den Ereignissen 1915 aber vielstimmig das Leben der Familie im gesamten 20. Jahrhundert schildert, geht es um die verschiedenen Möglichkeiten, mit dem Trauma des Genozids umzugehen. Vosganians Figuren müssen sich entscheiden zwischen verzeihen, vergessen und Rache – und je nach Situation gehen sie einen anderen Weg. Klug komponiert und überaus sinnlich geschrieben (und übersetzt) gibt der Roman den Armeniern die Würde, die die unsägliche Debatte darum, ob man hier von einem Genozid sprechen kann oder nicht.

Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns. Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag. 512 Seiten, 26,- Euro

Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns. Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag. 512 Seiten, 26,- Euro

Dabei kann man auch einige Parallelen zu Fatih Akins letzten Film The Cut ziehen, bei der Beschreibung des Wehklagens in einem Flüchtlingslager hat man förmlich die Bilder aus dem Film vor Augen. Das Weinen im Lager wird bei Vosganian als »eine Art ununterbrochenes Stöhnen mit tiefer Stimme, das aus Tausenden von Brustkörben quoll und sich wie ein Generalbass anhörte« beschrieben. Und weiter heißt es: »Das Weinen war kein Tränenfaden über der Wange, sondern ein Ton.«

Mit solch eindrücklichen Beschreibungen mach Vosganian den Genozid an den Armenien konkret, er holt in seinem Roman die Schicksale der Menschen heraus aus der Anonymität der Masse. »In Geschichtsbüchern ist der Tod abstrakt, ist eine Zahl mit ein paar Nullen dahinter. In literarischen Büchern kennt der Tod keine Nullen und jede Figur stirbt für sich.«

Und weil es wichtig ist, dass diese Nullen in unserem Gedächtnis von Menschen und Schicksalen ersetzt werden, schreibt Vosganian weiter. Gerade hat er einen 800-seitigen (!) Erzählungsband beendet, der den Titel Das Spiel der einhundert Blätter und andere Geschichten heißen und vier Erzählungen versammeln wird. Andere würden wohl vier kleine Romane oder Novellen draus machen, der Rumäne aber nicht. Es würde nicht wundern, wenn auch hier die Protagonisten seiner Prosa miteinander in Beziehung stehen – auch über die Grenzen der jeweiligen Erzählung hinweg. Mutmaßlich im Frühjahr 2017 wird der Band erscheinen.

Im Gespräch mit seinem Übersetzer betonte Vosganian, dass sein Buch des Flüsterns keine politische Moral habe. Als Präsident der Armenier in Rumänien habe er natürlich selbst eine Haltung zu den Dingen, aber im Roman spiele diese keine Rolle. »Die Kunst hat keine Schlussfolgerungen mitzuteilen, sonst braucht sie keine Leser mehr.« Er sprach aber auch über die syrischen Flüchtlinge, die vor dem Terror des Islamischen Staats fliehen und mit denen Europa überfordert sein will. In Rumänien, wo er bereits als Superminister für Wirtschaft und Arbeit aktiv war und aktuell Mitglied im Parlament ist, habe er als Präsident der armenischen Vereinigung gerade einen Antrag gestellt, in dem er nicht viel mehr als das gefordert hat, als das, was sein Vorgänger bereits vor genau einhundert Jahren gefordert hat: Die Aufnahme der Armenier aus dem Kriegsgebiet im Mittleren Osten, konkret aus Syrien, wo sie neben Christen, Drusen und Jesiden zu den bedrohten Minderheiten gehören. »Das 20. Jahrhundert ist zu Ende, aber es ist noch nicht vorbei. Das ist es erst, wenn wir seine Lektionen gelernt haben.«

Das Foto zeigt das Simeonskloster im Nordwesten Syriens im November 2010, kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Noch ist die Wallfahrtsstätte von den Angriffen des »IS« verschont geblieben. Das Kloster befindet sich auf dem Gebiet der Toten Städte, in denen weitere archäologische und kulturelle Schätze aus der Frühzeit der Siedlungsgeschichte der Region stehen.