Literarisches bei der 66. Berlinale

Alone in Berlin | Jeder stirbt für sich allein | Marcel Hartmann © X Filme Creative Pool

Wir haben uns durch die Sektionen gewühlt und spannende Literaturadaptionen sowie Autorenporträts entdeckt. Von Emily Dickinson über Hans Fallada bis hin zu Philip Roth – Bücherwürmer finden auch in diesem Jahr ihre Lieblingsstoffe, adaptiert für die große Leinwand.

Der Neuling im Elite-Internat »Prinz Eugen« Törleß beobachtet, wie sein Mitschüler Basini nach einem Diebstahl von zwei Klassenkameraden in besonderer Weise betraft wird. Sie zwingen den Jungen durch sadistische Rituale zu immer neuen Selbsterniedrigungen und verhöhnen ihn als ihr willenloses Opfer. Erst als Basini vor dem aufgehetzten Schüler-Mob steht, geht Törleß öffentlich auf Distanz. Robert Musils in Österreichs k.u.k.-Monarchie angesiedelter Roman über die gewaltsame Herstellung einer »Gefolgschaft in blindem Gehorsam« war unschwer als Parabel auf die NS-Diktatur und das moralische Versagen ihrer Mitläufer angelegt. Volker Schlöndorff hat ihn modern im Stil des französischen Kinos adaptiert, so dass die charakterlichen Deformationen, von denen Musil erzählt, als Resultat jedweder autoritär formierten Gesellschaft gelesen werden konnten. Beim Filmfestival in Cannes 1966 mit dem Kritikerpreis ausgezeichnet, deutet sich in Der junge Törless schon an, dass Schlöndorff eine einmalige Gabe zur Adaption großer Literatur besitzt, was sich später bei Michael Kohlhaas und der Blechtrommel bestätigen wird. In der Retrospektive wird seine Musil-Verfilmung nun noch einmal gezeigt.

Juni 1940 in Berlin. Die nationalsozialistische Propaganda feiert den Sieg über Frankreich, während in einer Wohnküche in Prenzlauer Berg tiefe Trauer herrscht. Der Sohn von Anna und Otto Quangel ist an der Front gefallen. Lange hat das Arbeiterehepaar an den »Führer« geglaubt und ist ihm treu gefolgt, nun erkennt es seine Versprechungen als Lüge und Betrug. Sie beginnen Postkarten zu schreiben, die sie unter Lebensgefahr in Hauseingängen und Treppenhäusern verteilen: Stoppt die Kriegsmaschine! Tötet Hitler! Bald sind ihnen SS und Gestapo auf der Spur. Vincent Perez hat Hans Falladas letzten Roman, verfasst im Fieberdelirium im Herbst 1946, mit Daniel Brühl, Emma Thompson und Brendan Gleeson in den Hauptrollen für die Leinwand adaptiert. Der Wettbewerbsbeitrag Alone in Berlin ist nicht die erste Verfilmung des Stoffes, die bekanntesten Adaptionen sind der DEFA-Dreiteiler mit Elsa Grube-Deister und Erwin Geschonnek in den Hauptrollen von 1960 sowie die fünf Jahre später ausgestrahlte Kinoverfilmung von Alfred Fohrer mit Hildegard Kneef und Carl Raddatz. Falladas Roman ist ein eindringliches Zeugnis der Aufrichtigkeit in einer Atmosphäre der Bespitzelung und Bedrohung.

Indignation | © Winesburg Productions, LLC.

Indignation | © Winesburg Productions, LLC.

Bedrohlich war auch die Atmosphäre der McCarthy-Ära in den USA, in der die Verfolgung der Kommunisten eine manische Gestalt annahm. Inmitten dieser Hysterie ist Philip Roths Roman Empörung angesiedelt, den James Schamus, Berlinale-Jury-Mitglied von 2014, nun auf die Leinwand bringt. Im Zentrum steht der aus New Jersey stammende Atheist Marcus Metzner (Logan Lerman), der dem Militärdienst in Korea auf das christlich-konservative College in Winesburg entkommt. Wider Erwarten lauert hier ein anderer Krieg, ein weltanschaulicher, der den jungen linken Studenten immer wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs führt. Dazu kommt noch eine leidenschaftliche Affäre mit der hübschen Studentin Olivia Hutton (Sarah Gadon), die jedoch vom zweifelhaften Ruf der jungen Frau getrübt wird. Indignation, das Regiedebüt von James Schamus, einem der wichtigsten unabhängigen Filmproduzenten der USA, ist glänzend gelungen, wenngleich das Motiv des Romans, in dem sich das im Koreakrieg vergossene Blut junger Amerikaner mit den Blutpfützen in der Metzgerei von Metzners Vater mischt, in den Hintergrund gedrängt wird. Fulminant sind die Rededuelle, die Metzner mit dem Dekan der konservativen Kaderschmiede Dean Caudwell (Tracy Letts) führt, in denen es um Moral, Schuld und Toleranz geht. Prächtig die Bilder, in denen Schamus Kameramann Christopher Blauvelt die beklemmende Atmosphäre dieser Zeit einfängt.

Beklemmend war auch die Atmosphäre im England des späten 18. Jahrhunderts, die Jane Austen in ihrem Roman Sinn und Sinnlichkeit beschreibt. Die Berlinale zeigt in Erinnerung an den jüngst verstorbenen Alan Rickmann Ang Lees Verfilmung des Romans, der den Verstrickungen der Liebe in der Familie Dashwood nachgeht. Die Verfilmung von Lee, neben Rickmann unter anderem mit Kate Winslet, Emma Thompson, James Fleet und Hugh Grant in den Hauptrollen, wurde hochgelobt und gewann 1996 den Goldenen Bären, weil sie nicht nur den Geist der Vorlage bewahrte, sondern zugleich auch die zeitlosen Konflikte zwischen Verstand und Gefühl, Aufrichtigkeit und Treue herausarbeitete.

Bram Stoker's Dracula | Image courtesy of Park Circus/Sony

Bram Stoker’s Dracula | Image courtesy of Park Circus/Sony

Ebenfalls in dieser Zeit angesiedelt ist Bram Stoker’s Dracula, der von Francis Ford Coppola 1992 verfilmt wurde. Die Kamera führte damals Michael Ballhaus, es war eine alte Handkamera mit Handkurbel. Nicht allein dafür, sondern für sein beeindruckendes Lebenswerk erhält Ballhaus den Ehrenbären der diesjährigen Berlinale. Die Dracula-Geschichte ist legendär. Der Immobilienmakler Jonathan Harker reist nach Transsilvanien, um dem Grafen Dracula ein Londoner Domizil schmackhaft zu machen, wird aber selbst das willige Opfer dreier sündhaft schöner Blutsaugerinnen. Graf Dracula reist schließlich doch nach London, weil Harkers Verlobte Mina seiner vor Jahrhunderten verstorbenen Frau ähnlich sieht. Das Drama um Minas Unschuld und Leben nimmt seinen Lauf. Ballhaus Leistung in diesem Film bestand darin, die Effekte mit herkömmlichen Kameratricks zu imitieren. Freunde des Filmhandwerks können hier Stop Motion, Doppelbelichtungen, rückwärts aufgenommene Szenen und vieles mehr bewundern, Freunde der Literatur einfach nur eine der besten Dracula-Adaptionen aller Zeiten anschauen.

Gruselig wird es auch in Kiyoshi Kurosawas Creepy, der Verfilmung des gleichnamigen preisgekrönten Mystery-Romans des japanischen Suspense-Spezialisten Yutaka Maekawa. Nachdem er nur knapp dem Mordanschlag eines Psychopathen entkommen ist, kündigt der Ermittler Takakura seinen Beruf im aktiven Polizeidienst und tritt eine Stelle als Universitätsdozent für Kriminalpsychologie an. Doch die Sehnsucht, die Motive von Verbrechern zu ergründen, bleibt. So zögert er kaum, als sein früherer Kollege Nogami ihn bittet, einen alten Fall aufzurollen. Vor sechs Jahren verschwand eine Familie unter mysteriösen Umständen, und bis heute wurden keine Leichen gefunden. Während sich Takakura in die alten Akten vertieft, stellt sich seine Frau mit kleinen Geschenken bei den neuen Hausnachbarn vor. Dabei trifft sie auf den mysteriösen Herrn Nishino, der sich und seine Familie nahezu komplett abzuschirmen sucht. Eines Tages steht dessen Tochter Mio vor der Tür und konfrontiert Takakura mit einer ungeheuerlichen Behauptung. Plötzlich bilden Gegenwart und Vergangenheit ein Knäuel, das zu entwirren für Takakura zu einer lebensgefährlichen Aufgabe voller überraschender Wendungen wird.

A Quiet Passion | Johan Voets © A Quiet Passion

A Quiet Passion | Johan Voets © A Quiet Passion

Wie viele Wendungen gab es im Leben der Lyrikerin Emily Dickinson? Kaum etwas ist über die amerikanische Dichterin bekannt. Terence Davies sucht in seinem Kostümfilm A Quiet Passion nach Antworten auf die Frage, was für ein Mensch sich hinter der Dichterin verbirgt. Da Dickinson, hier von Cynthia Nixon verkörpert, die meiste Zeit ihres Lebens im elterlichen Anwesen in Amherst, Massachusetts, verbrachte, ist das alte Herrenhaus auch der zentrale Schauplatz des Films. Davies zeichnet das Porträt einer begabten, aber an seelischen Schwierigkeiten leidenden Frau, die sich vor den Menschen zurückzieht, Gedichte schreibt und sich dabei aus der Enge ihrer eigenen Welt hinausbegibt in die Weite des Universellen. Davies versucht, die Biografie nachzustellen und zu erkunden, wie die einzigartigen Gedichte der Emily Dickinson entstehen konnten.

Ingeborg Bachmann und Paul Celan gehören zu den empfindsamsten und zugleich sprachmächtigsten Dichtern ihrer Zeit, der Film Die Geträumten von Ruth Beckermann rückt ihre bewegende Liebesgeschichte ins (Sprach-)Zentrum seiner Handlung. In diesem Fall handelt es sich jedoch um eine besondere Anordnung. Die Beziehung der Österreicherin und des Juden aus Czernowitz wird anhand ihres fast 20 Jahre währenden Briefwechsels (1948–1967) erzählt, indem Beckermann Anja Plaschg und Laurence Rupp in einem Studio aus der Korrespondenz lesen lässt. Man hört in den klaren, unter die Haut gehenden Stimmen Sehnsucht, Vorwürfe und Zweifel, spürt das Ringen um die Worte in einem ständigen Kommen und Gehen der Liebe. Was allein diese Worte auslösen, liest man in den Gesichtern von Plaschg und Rupp. Was Sprache vermag und wie sie aus der Vergangenheit in die unmittelbare Gegenwart springt, das macht dieser Film eindrucksvoll deutlich.

Genius | Marc Brenner © Pinewood Films

Genius | Marc Brenner © Pinewood Films

Max Perkins nahm als Lektor im Verlagshaus Scribner’s Sons Schriftstellergrößen wie Ernest Hemingway oder Francis Scott Fitzgerald unter Vertrag. Als ihm ein wildes, ungeordnetes 1.000-Seiten langes Manuskript eines unbekannten Autors namens Thomas Wolfe in die Hände fällt, ist er überzeugt, ein literarisches Genie entdeckt zu haben. Gemeinsam machen sich die beiden Männer daran, das Werk herauszubringen – ein schier endloser Kampf um jede Formulierung beginnt. Dabei kommen sich der sanfte Familienmensch Perkins und der exzentrische Autor Wolfe näher als gewöhnlich, was argwöhnisch von ihren Frauen beobachtet wird. Bei dem Buch handelt es sich um Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben, es wird Wolfes Durchbruch als Schriftsteller, was aber nur seine Paranoia stärkt. Genius, der Wettbewerbsbeitrag des erfolgreichen Londoner Theaterregisseurs Michael Grandage, basiert auf A. Scott Bergs preisgekrönter Biografie Max Perkins: Editor of Genius, die der renommierte Drehbuchautor John Logan (Skyfall, Spectre, The Last Samurai, Gladiator) adaptiert hat. Es ist eine Zeitreise ins New York der Roaring Twenties mit Jude Law, Colin Firth, Nicole Kidman und Laura Linney in den Hauptrollen, die einem literarischen Erfolg auf den Grund geht.

Auf den Grund ging auch der britisch-polnische Weltenbummler Joseph Conrad, dessen Herz der Finsternis zu den Pflichtlektüren eines jeden Literaturliebhabers gehört. Hugo Vieira da Silva hat nun seine Erzählung An Outpost of Progress für die Leinwand adaptiert. Zwei portugiesische Kolonialbeamte erreichen darin einen entlegenen Elfenbeinhandelsposten am Kongo. Nachdem der frühere Stationsvorsteher gestorben ist, sollen sie das Geschäft reaktivieren. Doch die angeheuerten Arbeiter legen sich nicht gerade ins Zeug, neue Ware zu beschaffen, vielleicht auch, weil die strahlend weißen Uniformen die Beamten nicht nur als Fremdkörper im Dschungel markieren, sondern in den Augen der Einheimischen auch als Geister. Während der unbedarfte Sant’Anna in Alkohol und Musik Zerstreuung sucht, wird sein Vorgesetzter João de Mattos bald von der Malaria heimgesucht. Die freie Adaption des portugiesischen Filmemachers widerbelebt die Geister der Kolonialgeschichte in mannigfaltigen Körpern und Gewändern und lehnt sich visuell an die Ästhetik des Stummfilmkinos an.

The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger | © Sandro Kopp

The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger | © Sandro Kopp

The Seasons in Quincy ist ein außergewöhnliches, vierteiliges Porträt des britischen Schriftstellers, Malers und Kunstkritikers John Berger, der seit Jahrzehnten zurückgezogen in den französischen Alpen lebt. Bis er Besuch bekommt von der Schauspielerin Tilda Swinton, dem Regisseur Christopher Roth, dem Musiker Simon Fisher Tuner und dem Schriftsteller Colin MacCabe. Alle teilen sie seinen offenen Blick, seine Sicht auf die Dinge und die Welt. Ihre Besuche strukturieren das Jahr oder umgekehrt, so genau weiß man das nicht, und geben der jeweiligen Episode den visuellen Stil vor. Es wird philosophiert, gelacht und sinniert, und selbst wenn Gastgeber und Gast nur nebeneinander schweigen, dann sagt dies mehr, als tausend Worte es könnten. Worte und Natur gehen hier eine betörende Melange ein, ergänzen und kontrastieren sich. Eine poetische Verneigung vor einem großen Autor und politischen Denker.

Zum 30. Jubiläum des Teddy-Awards werden noch einmal einige Perlen gezeigt. Eine ist zweifellos Isaac Juliens Annäherung an das Leben des Harlem-Renaissance-Dichters Langston Hughes. Langston Hughes – Looking for Langston erzählt mit Werkauszügen, Fantasie-Sequenzen, Fotografien und Texten von Essex Hemphill und Bruce Nugent vielschichtig von einem Mann, der mit seiner betörenden Sprache zu einer Ikone der Bürgerrechtsbewegung aufstieg.

Und auch im längsten Beitrag auf der diesjährigen Berlinale, dem 720-minütigen Dreiteiler Chamissos Schatten, geht es am Rande um Literatur. Ulrike Ottinger folgt darin den Spuren des Schriftstellers und Naturforschers Adalbert von Chamisso. Dessen Märchen Peter Schlemihls wundersame Geschichte ist Ausgangspunkt des Porträts, für das sich Ottinger auf der Basis von Chamissos Reisetagebüchern auf seine Spuren von Alaska über Tschukotka nach Kamtschatka macht.