Daseinspanorama zwischen zwei Welten

Persian New Year (Nowruz) Table: Haft Sin, in Holland - Photo by Pejman Akbarzadeh / Persian Dutch Network - (Haft-Sin Setting Table: Raheleh Nikoo / PDN) | CC BY-SA 3.0

Was heißt es, ein Iraner in Deutschland zu sein? Shida Bazyar wagt in ihrem Debüt  »Nachts ist es leise in Teheran« einen großen Sprung, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Er führt ihre Helden von der iranischen Revolution zu den Protesten gegen die schlechte Bildungspolitik in Deutschland. Dabei erzählt sie die Geschichte einer Familie, die in zwei Generationen Flucht, Heimweh, Ankommen und Aufbruch erlebt.

Im Zentrum des Romans stehen vier Familienmitglieder in vier Dekaden: ihre Erfahrungen und Erlebnisse, Ängste und Hoffnungen, Wünsche und Erwartungen. So entsteht das große Gemälde eines Verhältnisses, das man deutsch-iranisch nennen, aber auch mit Fug und Recht als migrantisches Erfahrungspanorama bezeichnen könnte. Denn soviel die Helden in Shida Bazyars Debüt auch vom Iran und ihren verschiedenen zum Herkunftsland ihrer Ahnen erzählen, soviel handelt dieses Buch auch von den verstellten Blicken und Erwartungen, die die (west)deutsche Gesellschaft an diese »nicht-deutsche« Familie heranträgt.

Alles beginnt 1979 bei dem jungen Kommunisten Behsad, der nach der Vertreibung des Schahs für eine gerechtere Gesellschaft in Teheran kämpft. Denn »eine Revolution kann nicht fortgesetzt werden, wenn wir grinsend auf dem Dach stehen«, wie es an einer Stelle heißt. Es braucht die Leidenschaft und den Mut, all die warnenden Worte der Eltern und Freunde auszuschlagen, um sich im Untergrund gegen die Schergen des alten Regimes und gegen die Revolutionsgarden der aufstrebenden Mullahs zu engagieren. Und doch unterlaufen den linken Idealisten Fehler, so dass Behsad durch die Flucht nach Deutschland zwar Leib, aber nicht sein Leben im Iran retten kann.

Zehn Jahre später setzt die Erzählung seine Frau Nahid ein, die vom Leben in der deutschen Provinz erzählt. Von Walter und Ulla, die die junge iranische Familie zu ihrem persönlichen Projekt gemacht haben, und davon, wie sich ihr Verhältnis zu Deutschland ändert. Wie am Anfang alles, was sie tat, in das Wort Exil passte, und wie sie sich der deutschen Sprache mühsam annäherte. Einer Sprache, die lange Zeit klang, als wäre sie »eingefroren, um aufzutauen, in späteren Zeiten«.

Es folgen in weiteren Zehnjahresschritten die Perspektiven von Laleh und Morad, den Kindern von Behsad und Nahid. Sie erzählen von ihrem selbstverständlichen Leben »im deutschen Exil«, dem Einser-Abitur, dem Muster-Diplom, dem Bausparvertrag und von Claus Klebers ZDF-Weltwissen, aber auch von dem Befremden, wenn der Iran und die dort gebliebene Verwandtschaft ins Bild rücken.

Die vier in der Ich-Perspektive verfassten Rückblicke sind subjektiv-nüchtern verfasst und rekonstruieren Erlebtes und Erfahrenes, Gegenwart und Geschichte in Splittern. Aus den vielen einzelnen Facetten der individuellen Erinnerungen ergibt sich das niemals vollständige, aber wahre Bild einer Familie, durch die sich nicht nur das (Er)Leben in zwei Gesellschaften zieht, sondern die auch jeder für sich einen Umgang mit ihrem Gefühl von Verantwortung, Verlust und Schuld finden müssen. Die Brüche in den einzelnen Biografien summieren sich zu einem Bruch, der sich subtil durch die Familie zieht. Er teilt sie in die, die mit der Hoffnung auf Rückkehr ins Exil gegangen sind, und jene, die in Deutschland ihre natürliche Heimat haben. Shida Bazyar wirft so die Frage, ob die deutsche Gesellschaft in der Lage oder willens ist, sich von Neuankömm­lingen – wie in den vergangenen Jahren Tausende in Deutschland angekommen sind – ein Bild zu machen, mit dem diese leben und sich integrieren können.

Eine wesentliche Stärke des Romans liegt in seiner erzählerischen Anlage, wenngleich man sich weniger das schlichte Nebeneinander der vier Geschichten als vielmehr ein Ineinandergreifen gewünscht hätte. Dennoch: Die Lebenswelten im Iran und in Deutschland nähern sich im Laufe des Romans zunehmend aneinander an, obwohl die Lebensrealitäten der »Daheimgebliebenen« und der »Exilierten« immer stärker auseinanderlaufen. So ist es kein Wunder, dass am Ende des Romans die deutschen Bildungsproteste und die grüne Revolution im Iran in Morsads Kopf zusammenfließen. »Natarsid, ma hame ba ham hastim« skandieren die iranischen Demonstranten im Fernseher. Dieses iranische »Habt keine Angst, wir sind alle zusammen hier« steht hier im Verhältnis zum deutschen »Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut«. Das ist die Form, mit der 2009 iranische und deutsche Geschichte aufeinanderprallen. Das zeigt nicht nur, wie eng die Welt zusammengerückt ist, sondern wie sich die disparaten Geschichten zu einer neuen Weltgeschichte verbinden, in der sich die existenziellen Fragen der jungen Generationen jeder moralischen Bewertung entziehen. In Shida Bazyars fulminanten Debüt ist Morsads Konfrontation mit der iranischen Geschichte der Auftakt einer neuen Heimatsuche. Er weiß zwar nicht viel von seinen Verwandten, aber er wird sich, gepackt von den Bildern aus der Heimat seines Vaters, an seinen Rechner setzen und seine Familie auf Facebook zusammensuchen.

Was heißt es nun, ein Iraner zu sein? Während der junge Kommunist Behsad eine klare Antwort hätte, macht diese Frage seinen Sohn Morsad vierzig Jahre später wütend. »Weil die Antwort darauf so simpel klingt, aber mit Blut und Schmerzen verbunden ist«, wie es im Roman heißt. Nachts ist es leise in Teheran entfaltet ein beeindruckendes Panorama des Daseins zwischen zwei Welten, bei dem die Autorin einfachen Antworten aus dem Weg geht, um zu den tiefen Wahrheiten ihrer Helden vorzudringen. Auch deshalb wurde der Roman mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2017 ausgezeichnet.

9783462048919Shida Bazyar: Nachts ist es leise in Teheran

Kiepenheuer & Witsch 2016

288 Seiten. 19,99 Euro

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