System mit vielen Fragezeichen

François Ozon: Grâce à Dieu | © Jean-Claude Moireau

François Ozon setzt sich in »Grâce à Dieu« mit dem Schweigen der Kirche über Pädophilie auseinander und lässt die Missbrauchsopfer sprechen.

Die Fragen, wie geschlossene Systeme funktionieren und wie man sie knacken oder ihnen entkommen kann, spielen an den ersten Tagen der 69. Berlinale auch in anderen Beiträgen eine Rolle. Frankreichs Regiestar François Ozon (»8 Femmes«, »Swimming Pool«, »Frantz«) ist zum wiederholten Mal auf der Berlinale vertreten. In seinem Wettbewerbsbeitrag »Grâce à Dieu« erzählt er die Geschichte von mehreren Männern, die als Kinder und Jugendliche von einem Priester sexuell bedrängt worden sind. Sein Film basiert auf dem Fall von Bernard Preynat, der 2016 wegen sexueller Übergriffe an über 70 Jungen angeklagt wurde und in Frankreich eine Debatte über das Vertuschungssystem der katholischen Kirche angestoßen hat.

In Ozons Film löst der Familienvater Alexandre (Melvil Poupaud) Jahrzehnte nach den Ereignissen Ermittlungen aus, weil er Gerechtigkeit will und bei der Kirche in Lyon auf Widerstände stößt. Die polizeilichen Ermittlungen weiten sich aus und so erfährt François (Denis Ménochet), dass er nicht der einzige ist, der als Jugendlicher von dem Priester (Bernhard Verley) missbraucht worden ist. Er gründet gemeinsam mit anderen betroffenen Männern einen Verein, der weitere Betroffene ausfindig macht und deren Geschichten sammelt, um der Justiz endlich genug Material in die Hand zu geben, um dem Treiben des Priesters und dem Schweigen der Kirche zur Pädophilie in den eigenen Reihen ein Ende zu bereiten.

Ein wichtiges Thema, dass Ozon aber mit zweifelhaften Mitteln umsetzt. Er porträtiert die Betroffenen und ihren Kampf mit der Vergangenheit, verliert seine Figuren dabei aber immer wieder aus den Augen. Auch erfährt man nicht genau, was ihnen zugestoßen ist, die Ereignisse bleiben nebulös. Damit betreibt er unglücklicherweise das Geschäft der Kirche, die bei jedem aufkommenden Missbrauchsfall die Nebelmaschinen anwirft. Da wird dann heruntergespielt und vertröstet, auf interne Verfahren verwiesen (die dann oft nicht stattfinden), mit Anwälten Druck gemacht und gebetet. Letzteres wird in »Grâce à Dieu« auch eine Menge – man fragt sich, warum. Ozon zugutehalten muss man, dass er den Lebensgeschichten der Opfer Raum und Wirkung gibt. So wird ihnen zumindest Gehör geschenkt.