Literatur, Roman

Im Herz der Finsternis

Thomas Mullen schreibt in seiner viel gelobten »Darktown«-Krimiserie über Rassenhass im Amerika vor der Bürgerrechtsbewegung. Seine Bücher zeigen, wie Hass und Ideologie eine Gesellschaft von innen heraus zerfressen.

»Welchen Teil findest Du schwieriger: die weißen Cops, die dich dafür hassen, dass du denkst, du seist ihnen ebenbürtig, oder die Farbigen, die dich dafür hassen, dass du dich wie ein Weißer benimmst?« Diese Frage eines Geistlichen bringt das Dilemma auf den Punkt, in dem sich Predigersohn Lucius Boggs und Straßenkämpfer Tommy Smith permanent befinden. Beide gehören zu Atlantas erster afroamerikanischer Polizeieinheit, die in dem als Darktown bezeichneten Stadtteil Ende der vierziger Jahre auf Streife geht. Fragt man Boggs selbst, dann beschreibt er sich und seinen Kollegen als »zwei Verrückte, deren Beruf tatsächlich darin besteht, anderen zu helfen«.

Es ist kein Zufall, dass Boggs und Smith für den Polizeidienst ausgewählt wurden. Boggs ist der Sohn des örtlichen Pfarrers, in dessen Haus ständig Konflikte in und zwischen Familien geschlichtet wurden. Boggs bringt die Autorität seines Vaters mit, die ihm auf der Straße nur helfen kann. Und wenn es doch einmal brenzlig wird, dann ist da immer noch der stämmige Smith, der robustere der beiden Zweite-Klasse-Polizisten. Denn genau das sind sie, ihre Kompetenzen beschränken sich auf das Darktown-Viertel, das Mullen Krimiserie ihren Namen gibt. Außerhalb der Grenzen hat ihr Wort kein Gewicht und selbst darin ist es nur beschränkt belastbar. Denn sie dürfen weder scharfe Waffen mit sich führen, noch Verhaftungen von Weißen vornehmen. »Sie waren Streifenbeamte, keine Detectives«, fasst Mullen ihre Situation anfangs prägnant zusammen. Deshalb entwischt ihnen auch der weiße Fahrer, der nicht nur eine Laterne beschädigt, sondern auch seine afroamerikanische Begleitung misshandelt hat. Als diese wenig später tot aufgefunden wird, nimmt der Fall Fahrt auf.

Thomas Mullen-Darktown
Thomas Mullen: Darktown. Aus dem Englischen von Berni Mayer. Dumont Verlag 2018. 478 Seiten, 24 Euro. Hier bestellen

Im rasanten Auftakt von Thomas Mullens umwerfender Krimiserie stand der permanente Spießrutenlauf der beiden farbigen Polizisten, die als sogenannten »Negro-Cops« auf Streife gehen, im Mittelpunkt. Eingeklemmt zwischen der von Rassismus, Korruption und toxischer Männlichkeit durchtränkten Polizeibehörde Atlantas und dem von Elend, Ausgrenzung und Kriminalität geprägten Alltag der Afroamerikaner geraten sie in einen Fall, in dem sie zwischen die Mühlen von Rotlichtmilieu, Schwarzbrennerei und Politik geraten. Und wenn sie dabei auf eines nicht setzen können, dann auf die Loyalität ihrer weißen Kollegen. Die wollen sie lieber schnell als langsam scheitern sehen.

Im zweiten Fall »Weisses Feuer« setzt der 45-jährige Mullen sein düsteres Porträt der Südstaatengesellschaft in den fünfziger Jahren fort. Boggs und Smith geraten hier zwischen die Fronten eines Schmugglerkriegs in Atlantas Unterwelt, die sich bis in ihre Familien hinein erstrecken. Die Gewissenskonflikte, die sie erleben, stellen auch ihr Vertrauen zueinander auf die Probe. Denn Verbrechen aufzuklären ist das Eine, die eigene Familie ans Messer zu liefern das Andere. Zeitgleich ist ihr weitgehend loyaler weißer Kollege Denny Rakestraw mit Unruhen beschäftigt, die der Zuzug farbiger Familien in dem Viertel verursacht, in dem er sich gerade mit seiner Familie niederlassen will. Während er seine Nachbarn zu beruhigen versucht, macht im Hintergrund allerdings nicht nur der Ku-Klux-Klan Stimmung. Er macht sich auf die Suche, um herauszufinden, wer hinter der ominösen Spendensammlung steckt, mit der die weiße Nachbarschaft das Geld zusammentragen will, um den neuen afroamerikanischen Nachbarn ihre Grundstücke wieder abzukaufen?

Thomas Mullen-Weisses Feuer
Thomas Mullen: Weisses Feuer. Aus dem Englischen von Berni Mayer. Dumont Verlag 2020. 479 Seiten, 24 Euro. Hier bestellen

Wie sich das für jede gute Serie gehört, ist die Schnittmenge des Personals im zweiten Teil der »Darktown«-Reihe im Vergleich zum Auftakt beträchtlich. So gibt es nicht nur ein Wiedersehen mit den beiden schwarzen Polizisten und ihren Familien, sondern auch mit ihren stärksten Gegenspielern Sergent McInnis und Officer Dunlow, denen ihr doppeltes Spiel aus Teil Eins nicht unbedingt geholfen hat. Sie haben mit Boggs und Smith noch eine Rechnung offen, die hier nun beglichen werden soll.

Thomas Mullen bildet in seiner Krimireihe die Komplexität der Lebensverhältnisse in den 1950ern ab und zeigt, dass die Grenzen zwischen Opfer und Täter nicht so klar verlaufen wie die zwischen Schwarz und Weiß. Seine Literatur lebt davon, dass er die herkömmlichen Linien zwischen Gut und Böse geflissentlich ignoriert. Seine Charaktere sind echte Typen mit Ecken und Kanten, keine dahergelaufenen Klischees, die eine bestimmte Rolle auszufüllen haben. Dies wird insbesondere im zweiten Teil seiner Reihe deutlich, in der Boggs und Smith von inneren Konflikten geschüttelt werden und mehr als einmal an ihre moralischen Grenzen stoßen. Das macht diese Reihe nicht nur komplex, sondern auch sehr lebendig. Diese Krimis erzählen vom Leben und weiten damit das Genre.

»Sie schreiben über das Verbrechen wie ein Mann, der noch keine Sünde im Leben begangen hat«, beschwert sich Tommy Smith in »Weisses Feuer« bei einem Journalisten über dessen Polizeireportagen. Diesen Vorwurf kann man Thomas Mullen wahrlich nicht machen. Seine »Darktown«-Serie ist authentisch, vielschichtig und erhellend. Sie führt ins Herz der Finsternis des rassistischen Amerikas und zeigt, wie Menschenhass in jede Pore einer Gesellschaft sickert und sie vergiftet. Diese Krimis erweisen sich als erschreckend aktuelle gesellschaftspolitische Lektüre.