Bill und Turner Ross neue Dokumentation ist so nah an der Wirklichkeit wie eine Erzählung von Hunter S. Thompson. »Bloody Nose, Empty Pockets« handelt von einfachen Menschen mit echten Problemen und erzählt damit viel von der amerikanischen Gesellschaft.

Das Filmduo Bill und Turner Ross wendet sich einmal mehr den einfachen Menschen zu. In ihrer Doku-Fiction »Bloody Nose, Empty Pockets« begleiten sie mit ihrer Kamera die letzten 18 Stunden einer Bar in Las Vegas.

In den Morgenstunden, wenn die große Party vorbei ist, ist nichts mehr von all dem Bling Bling zu sehen, für das Las Vegas berühmt ist. Grau wirkt da der Himmel, trist die von grauen Rollläden verdeckten Auslagen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man die Straße, an der die Bar Roaring 20s liegt, auch für einen Ausläufer irgendeines Industriegebiets halten. Die Kneipe selbst wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der Tresen ist abgegriffen, die Toiletten stumpf gescheuert von den Jahren, das Interieur vergilbt. Selbst die beiden Barkeeper haben keine Lust mehr und wollen nur noch raus aus diesem Schuppen.

Der Zahn der Zeit hat auch an der Stammkundschaft geknabbert, an Michael, Shay, John und Ira und wie sie alle heißen. Sie alle sind sich hier vor Jahren das erste Mal begegnet, nun zelebrieren sie den Untergang ihres zweiten – für manche auch ersten und einzigen – Wohnzimmers. Sie alle tragen Geschichten mit sich rum, sind gescheitert als Schauspieler, haben sich verloren als Musiker oder als Soldat gelitten. Sie wissen, was es bedeutet, einsam zu sein und am Tresen so etwas zu finden, was sich wie Familie anfühlt, auch wenn es keine ist.

Das wird spätestens dann klar, wenn der Pegel steigt und jede für sich des Fusels Weisheit zu Kopf steigt. Dann werden aus den lebenserfahrenen Alltagsphilosophen schnell tollwütige Boxer, die es kaum abwarten können, Meinungsverschiedenheiten direkt auszutragen. Und doch eskaliert es nie, bleibt alles friedlich. In dem über die Jahre geschlossenen Kneipenfrieden schlummern dann die kleinen Momente, in denen es den Ross-Brüdern gelingt, die amerikanische Gesellschaft in ihren Protagonisten zu spiegeln. Da geht es dann plötzlich um fehlende Gerechtigkeit, Rassismus, um nicht genutzte Chancen und fehlende Solidarität; die dann dazu führt, dass man dann eben gegenseitig einspringt, wenn der eine oder die andere Mal Hilfe braucht.

»Bloody Nose, Empty Pockets« von Bill Ross IV, Turner Ross | USA 2020, Panorama 2020 | © Department of Motion Pictures

Als Zuschauer ist man mittendrin im Geschehen. Man sitzt mit am Tisch, wenn tränenreiche Liebeserklärungen fließen, sitzt daneben, wenn die obdachlosen Stammgäste auf dem Sofa einschlafen, und schaut hilflos zu, wenn Drogen und Alkohol so manchen Bargast zum Absturz bringen. Diese Nähe erzeugt eine große Sympathie für diese Rockabilly-Tresengesellschaft.

Bill und Turner Ross neue Dokumentation ist so nah an der Wirklichkeit wie eine Erzählung von Hunter S. Thompson. Nichts davon ist echt. Die Bar Roaring 20s hat längst nicht dicht gemacht. Sie steht auch nicht in Las Vegas, sondern in New Orleans und wird dort von Menschen frequentiert, die alles mögliche tun, aber in diesem Film treten sie nicht auf. Und doch könnte alles könnte, nichts ist hier aus der Luft gegriffen. Letztendlich erlebt man hier 98 Minuten Magischen Realismus für die Leinwand. Deshalb ist es auch nicht falsch, zu behaupten, dass »Bloody Nose, Empty Pockets« von einfachen Menschen mit echten Problemen handelt und viel von der amerikanischen Gesellschaft erzählt.

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