Film

Feministisch und surreal – »Poor Things« ist ein Meisterwerk

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos hat mit »Poor Things« eine gleichermaßen poetische wie moderne Frankenstein-Variation gedreht. Der für insgesamt elf Oscars nominierte Film ist vom Drehbuch über die Besetzung und schauspielerische Leistung bis hin zur ästhetischen Bildsprache ein Meisterwerk, das unerschrocken und konsequent für die künstlerische Vision seines Machers spricht.

Bella Baxter lebt in einer Welt des Zaubers und der Wunder. Mit einer ansteckenden Urgewalt macht sie sich die fantasmagorische Villa von Dr. Goodwin Baxter zu eigen, die man im Kino so noch nicht gesehen hat. Vergnügt fährt sie im Dreirad durch den Empfang, uriniert mitten im Raum auf den Boden und schmeißt – halb des Versuchs willen, halb aus Vergnügen – mit Geschirr um sich. Und wenn sie morgens an der überdimensionierten Tafel allein ihr Frühstück zu sich nimmt, dann kann es schon mal sein, dass die Frucht zur Erkenntnis ein Bedürfnis weckt, von dem sie bislang nicht einmal etwas ahnte. So tritt das sexuelle Erwachen durch ein Experiment in ihr Leben, ähnlich wird sie das im weiteren Verlauf der Erzählung handhaben.

Rami Youssef als Max McCandles und Willem Dafoe als Dr. Goodwin Baxter

Es ist eine seltsame Welt, in der sich Bellas »Godfather« Dr. Goodwin Baxter eingerichtet hat. Durch seine viktorianische Villa im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts watscheln einige ungewöhnliche Wesen. Darunter eben auch Bella Baxter, die zunächst etwas zurückgeblieben scheint. Sie stolpert durch die Welt und brabbelt vor sich hin. Ihren Körper bewohnt ein Kleinkind, Goodwin Baxter ist daran alles andere als unschuldig, wie man im Laufe dieses epochalen Meisterwerks von Yorgos Lanthimos erfährt.

Goodwin Baxter ist kein fieser Typ, sondern ein Mediziner mit sanftem Gemüt. Als Mann der Wissenschaft ist er aber bereit, zu unkonventionellen Methoden zu greifen, um die Grenzbereiche des Lebens zu erkunden. Er ist auch selbst davon gezeichnet, sein mit Narben übersätes Gesicht erinnert an Frankenstein und beim Essen rülpst er – zu Bellas Begeisterung – Seifenblasen.

Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) rückt Bella Stone (Emma Stone) ziemlich auf die Haut

Bella ist Baxters seine neueste Kreation. Im Stile eines modernen Prometheus hat er ihrem früheren Ich, das sich in der Eingangssequenz in die Themse stürzt, neues Leben eingehaucht. Nun beobachtet er, wie seine Schöpfung der Welt begegnet. Dafür holt er sich mit Max McCandles einen seiner Studenten ins Haus, der Bellas Entwicklung beobachten und dokumentieren soll. Der stellt bei der jungen Frau eine unbändige und unvoreingenommene Neugier auf die Welt fest, die seine Liebe findet.

Goodwin fürchtet um seinen Einfluss und lässt durch den windigen Anwalt Duncan Wedderburn einen Verlobungsvertrag aufsetzen, mit dessen Hilfe er hofft, sein Geschöpf in seiner kleinen Welt halten zu können. Der selbstgefällige Dandy Wedderburn macht in der attraktiven Bella wiederum das Ziel seiner Begierden aus. Es gelingt ihm, sie zu überreden, ihn auf eine Geschäftsreise nach Lissabon zu begleiten. Der Ausflug wird zu einem Trip der Ausschweifungen und Eskapaden. Denn neben dem »wilden Springen«, mit dem Bella begeistert ihre Sexualität in allen Stellungen entdeckt, hält die Welt unendlich viele Reize für sie parat. Sie begegnet ihnen mit kindlicher Neugier und offenem Herzen, kostet von jeder Verlockung, die sich ihr bietet. Ganz die Tochter eines Wissenschaftlers nutzt sie die Welt als Experimentierfeld und liefert sich ihr ohne Vorbehalt aus.

Bella Baxter geht ihren eigenen Weg, Männer wie Wedderburn wirken nur wie jämmerliche Witzfiguren

Hier nun erweist sich das Drehbuch von Tony McNamara (nach dem Roman von Alasdair Gray) als kongeniale Überraschungstüte. Denn diese Geschichte wartet nicht nur mit unzähligen surrealen Einfällen und überraschenden Wendungen auf, sondern auch mit Dialogen, die einen auf die Bretter hauen. So kindlich naiv, wie Bella der Welt begegnet, so unverfroren und messerscharf entlarvt sie die frauenfeindlichen Klischees, die in ihr herrschen. Konventionen, Benimmregeln und Etiketten sind ihr herzlich egal, Bella Baxter drückt der Welt in ihrer unnachahmlichen Art ihre ganz eigene Handschrift auf. Allein die spitzen Dialoge, mit denen Bella Baxter die Idiotie der Verhältnisse vor Augen führt, sind Oscar-würdig.

Die Romanvorlage von Alasdair Gray

Dem ebenso selbst- wie eifersüchtigen Anwalt geht es mit Bellas sexueller und intellektueller Emanzipation viel zu schnell. Er will sie für sich und entführt sie auf ein Kreuzfahrtschiff. Die Reise führt Bella nach Alexandria, wo sie mit den Abgründen der Welt konfrontiert. Das stürzt sie in eine tiefe Krise und Wedderburn in den Ruin. Beide stranden mittellos in Paris, wo sich ihre Wege bald trennen. Denn um über die Runden zu kommen, heuert Bella in einem Bordell an. Schließlich kann sie dort mit ihrer Lieblingsbeschäftigung ihre Existenz sichern.

Das Dekor funkelt im visionären Licht des viktorianischen Futurismus

Aber auch in dem Pariser Freudenhaus ist sie nicht bereit, die althergebrachten Regeln einfach so hinzunehmen. Statt dass sich die Männer die Frauen aussuchen, sollten sich doch besser die Frauen ihre Kunden aussuchen, da sie mit Freude besser verwöhnen könnten. Nun, nicht jede Revolution obsiegt, das gilt auch für Bella, und doch bringt sie auch diese Erfahrung voran. Die schrägsten Figuren der Stadt werden sich mit ihr vergnügen, bei allen lernt Bella etwas über sich und die Welt. Und sie stößt auf ein Geheimnis, das sie mit ihrem früheren Leben verbindet. Das Schicksal führt sie zurück nach London, wo sie sich nicht nur von ihrem Schöpfer verabschieden, sondern zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben entscheiden muss.

Yorgos Lanthimos bei den vergangenen Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Film ist unterhaltsame Irrfahrt, packende Emanzipationsgeschichte und skurrile Frankenstein-Variation in einem. Der griechische Regisseur, der mit »The Favourite«, »The Killing of a Sacred Deer« und »The Lobster« jeweils für einen Oscar nominiert war, hat seine flirrende Tragikomödie in eine vollkommen artifizielle Welt getaucht. Das Dekor funkelt im düster-visionären Licht des viktorianischen Futurismus, die Kostüme sprühen vor Kreativität und die verzerrende Bildästhetik greift den Surrealismus der Erzählung kongenial auf. Zwischen die einzelnen Kapitel hat Lanthimos famose Bildtafeln gesetzt, die die surrealistischen Bildwelten seiner Erzählung – von Robbie Ryan mithilfe von VistaVision-Kameras und speziellen EktaChrome-Filmen eingefangen – auf den Punkt bringen.

Der Film folgt auch einer inneren Bildlogik, beginnt in dunklen Schwarz-Weiß-Tönen und wechselt mit Bellas Odyssee in eine farbenprächtige Palette, die die Welt in all ihrer Vielfalt einfängt. Nur selten kehrt die schwarz-weiße Welt zurück, und zwar immer dann, wenn Bella erneut ihrer Freiheit beraubt wird. Die schwarz-weiße Welt der (inneren) Gefangenschaft wird abgelöst von der bunten Welt der Freiheit, die Bella sucht. Und auch der Score erzählt seine eigene Geschichte, taucht den Film in eine mystische Aura.

Das alles wäre aber nichts ohne ein Ensemble, das diese abgefahrene Geschichte zum Niederknien belebt. Willem Dafoe gibt seiner gottgleichen Figur die Tiefe und Gelassenheit eines Allmächtigen. Mark Ruffalo brilliert erst als selbstverliebter Lebemann, um dann zum amüsantesten Jammerlappen des modernen Films zurechtgestutzt zu werden. Ramy Youssef glänzt als sanftmütiges Rehauge, der über Bella genauso staunt wie sie über das Leben. Über diesen drei charismatischen Nebenfiguren aber schwebt eine glänzende Emma Stone, die auch Produzentin des Films ist. Bella Baxter mag die Rolle ihres Lebens sein, ist ihr wie auf den Leib geschrieben. So bedeutungsvoll, wie jeder Blick, jede Geste, jede Bewegung ihrer Figur ist, so natürlich kommen sie bei ihr daher. Ihr unmittelbares Spiel verankert diese hochfliegende Geschichte in der Wirklichkeit und lässt die männlichen Figuren in dem Film wie lächerliche Klammeraffen wirken.

»Poor Things« ist ein unerschrocken konsequentes, opulent schräges und künstlerisch visionäres Meisterwerk, in dessen Zentrum eine Figur strahlt, die den Frankensteinmythos in ein feministisches Licht rückt. Für Filme wie diesen wurde das Kino erfunden, deshalb sollte man diese furiose Tour de Feminism auch jetzt auf großer Leinwand, statt später auf dem Sofa sehen.