Der Mythos des Spotttölpels

Die Tribute von Panem | © Murray Close

Erst stark, dann schwach – die Verfilmung von Suzanne Collins Weltbestseller-Trilogie »Die Tribute von Panem« ist komplett. Können die ersten beiden Teile noch prächtig unterhalten, gleitet die Erzählung mit den Mockingjay-Filmen in ein mäßiges, mit zahlreichen Superstars besetztes Effektkino ab.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, an einen Bürgerkrieg zu erinnern, aber die, zu der das Land Panem greift, ist zweifellos die perverseste. »Als Strafe für ihren Aufstand muss jeder Distrikt am Tag der Ernte ein Mädchen und einen Jungen zwischen 12 und 18 Jahren darbringen. Diese Tribute werden zunächst in das Kapitol und anschließend in eine Arena gebracht, wo sie sich auf den Tod bekämpfen, bis nur noch ein Sieger bleibt. Fortan und auf ewig soll dieses Ereignis als „Hungerspiele“ bekannt sein.« So steht es im »Hochverratsvertrag«, der die Grundlage der dystopischen Gesellschaft ist, die Suzanne Collins in ihren bis in die Hochkultur hinein geschätzten Romanen beschreibt.

Panem ist ein Land, das in nicht allzu ferner Zukunft aus den Trümmern eines durch Naturkatastrophen und Kriege auseinanderfallenden Nordamerikas hervorgegangen ist. Es besteht aus zwölf Distrikten, die das Kapitol mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen versorgen müssen. Das autoritäre Regime unter Präsident Snow sichert sich seinen Status mithilfe von Unterdrückung und Gewalt. Elementarer Bestandteil dieses Gewaltprogramms sind die Hungerspiele, eine moderne Form der römischen Gladiatorenkämpfe, die mit Elementen der Reality-Game-Shows verbunden sind. Sie werden zentral von einem »Spielmacher« des Kapitols inszeniert und live im Fernsehen übertragen. Die Todesspiele erfüllen dabei eine doppelte Funktion. Sie befriedigen die menschliche Gier, sich am Leid des anderen zu ergötzen und tragen zugleich die grausame Macht des Kapitols in die letzten Winkel der Bezirke. Das Kapitol sät Angst, um Gehorsam zu ernten.

Im zwölften Distrikt, dem Bezirk der Kohleförderung, leben die 16-jährige Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und ihre zwölfjährige Schwester Primrose (Willow Shields). Auf sie fällt am Tag der Ernte das gefürchtete Los, doch Katniss wird an ihrer Stelle in die Arena ziehen. Sie lässt ihren Verbündeten Gale (Liam Hemsworth) zurück und wird gemeinsam mit dem Bäckersjungen Peeta Mellark (Josh Hutcherson) die 74. Hungerspiele überstehen. Als sie sich am Ende dieses tödlichen Dschungelcamps gegenüberstehen und es zum Showdown kommen müsste, fordern beide das Kapitol heraus, indem sie drohen, mit giftigen Beeren ihrem Leben ein Ende zu machen. Der oberste Spielmacher Seneca Crane (Wes Bentley) ändert kurzerhand die Regeln und lässt beide Tribute am Leben. Die Distrikte werten diesen Akt als Herausforderung des Imperiums durch Katniss und Peeta. Unter dem Zeichen des Spotttölpels formiert sich erster Widerstand.

Präsident Snow (Donald Sutherland) will diese Provokation nicht auf sich beruhen lassen. Für die Spiele zum dritten Jubel-Jubiläum im 75. Jahr nach Bürgerkriegsende lässt sein neuer Spielmacher Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman) nur Überlebende aus vorangegangenen Hungerspielen antreten. Natürlich werden Katniss und Peeta bei diesem Ultra-Gladiatorenkampf für ihren Distrikt antreten, bei dem nur einer von ihnen überleben kann. Doch alles kommt anders bei diesen 75. Hungerspielen, die den Beginn eines neuen Aufstands gegen das Kapitol einleiten.

Die Handlung von The Hunger Games und Catching Fire, den ersten beiden der insgesamt vier Panem-Filme von Francis Lawrence und Suzanne Collins, entsprechen mit geringfügigen Anpassungen den ersten beiden Büchern der Panem-Trilogie. Sie vereinen alle Stärken der Romane, indem sie dicht und intensiv bleiben. Während die mythische Coming-of-Age-Handlung die Erzählung vorantreibt, lernt man nicht nur die einzelnen Figuren mit all ihren Schrullen, Stärken und Schwächen kennen, sondern auch die Funktionalitäten der voyeuristischen Todesshow namens »Hungerspiele« in all ihren abartigen Details. Dies ist vor allem deshalb spannend, weil die Filme das menschliche Verhalten im Medienzirkus der Gegenwart spiegeln. Es gibt den Dompteur der Spiele, einen enthusiastischen Moderator, zahlreiche puppenhafte Harlekinfiguren und vor allem gibt es die sensationsgeile Masse, die die Show lüstern verfolgt und jeden unschuldigen Tod begeistert feiert. Und in dem Moment, in dem man das Geschehen selbst gebannt verfolgt, ertappt man sich bei dem Gedanken, dass man ungewollt selbst Teil der anonymen Masse ist, die hier ihren Voyeurismus befriedigt.

Am Ende von Teil zwei ist eigentlich alles angerichtet, um den Zorn entflammen zu lassen, wie es der Titel des dritten Panem-Romans verspricht. Doch Lawrence und Collins haben im Erfolgsrausch der ersten beiden Filme den gleichen Kardinalfehler begangen wie schon Peter Jackson mit Der Hobbit. Sie strecken die Erzählung eines Buches auf zweimal 120 Minuten und schaffen dabei drei Probleme. Zum einen hält die Romanvorlage einfach nicht genug Handlung für zwei Filme parat, denn die Bildung einer militärischen Opposition, die Befreiung von Peeta aus den Fängen von Präsident Snow und die anschließende Revolution gegen das Kapitol sind im Roman recht schnell erzählt. Spannend wäre gewesen, wenn sich Lawrence und Collins den Schwächen des letzten Romans stärker gewidmet hätten und den fehlenden Motiven nachgegangen wären. Doch Fragen nach der plötzlichen Formierung des Widerstands im Untergrund und die Rolle von Seitenwechsler Plutarch Heavensbee, nach Katniss’ Vorbehalten gegenüber der Anführerin Alma Coin (Julianne Moore) oder nach Peetas Wandel von Snows willfährigem Sprachrohr zum Unterstützer der Revolution werden weder gestellt noch vertieft. Und nicht zuletzt wechselt die Erzählung ihren Ton. Aus einer Survival- wird eine Heldengeschichte, mit dem »Mädchen in Flammen« als zentraler Figur. Diesen einschneidenden Rollenwechsel bekommt auch Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence nur mäßig hin, die moralischen und ethischen Beweggründe ihres Handelns bleiben lange Zeit im Dunkeln und blitzen erst beim postrevolutionären Aufräumen noch einmal auf.

Suzanne Collins Trilogie Die Tribute von Panem ist eine fulminante Dystopie, verpackt in einen Jugendroman. Francis Lawrence Verfilmung ist in der ersten Hälfte grandios, in der zweiten nahezu ärgerlich, weil kaum noch etwas mehr von dem packenden Glanz vor der Mythologisierung des Spotttölpels übrig geblieben ist. Stattdessen verfällt er in mäßiges Effektkino mit Starbesetzung, das einen kitschigen Showdown in einer Auenland-Version von Panem findet.

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Die-Tribute-von-Panem-(Limited-Complete-Collection)-[DVD]Die Tribute von Panem

Regie: Francis Lawrence. Mit: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Donald Sutherland, Philip Seymour Hoffman, Julianne Moore

4 DVDs + Filmbook. FSK: 12 Jahre. Ca. 500 Minuten

Bei StudioCanal Home Entertainment