Eine zauberhafte Herzkönigin

© Thomas Hummitzsch

Haare hängen ins Gesicht, Pickel und Sommersprossen glänzen auf der Stirn und Hunde sitzen neben jungen Mädchen auf dem Stuhl. Sie sind nicht perfekt, die Mädchen und jungen Frauen, die Hellen van Meene für die Dauer ihrer Fotografie krönt, aber sie sind anmutig wie die Ikonen der niederländischen Malerei. Die Fotografien der Niederländerin entführen die Betrachter in die rennende Zeit vor dem Erwachsenwerden.

Hellen van Meene wirkt mit ihren strahlend blauen Augen und den feuerroten Haaren wie die freundliche Version der berühmt-berüchtigten Herzkönigin aus Lewis Carrolls Märchen Alice im Wunderland. Als wir uns im Spätsommer begegnen, strahlt sie vor Enthusiasmus und Energie. Vier Monate sind seither vergangen, inzwischen hat sich die Stimmung der 44-jährigen Fotografin gewandelt. Die kurzen Wintertage sind für sie eine Qual, denn ihr fehlt das Licht. Wenn sie aus dem Fenster schaut, überkommt sie Ungeduld und schlechte Laune.

Wie wichtig es ist, dass die kleine, aber quirlige van Meene gute Laune hat, kann man sich vor Augen führen, wenn man ihre Bilder betrachtet. Sie zeigen meist gleichermaßen verletzliche wie stolze junge Frauen und Mädchen, die die ihnen innewohnende Schüchternheit ablegen und selbstbewusst Position vor ihrer Kamera beziehen. »Ich mache meine Modelle für die Dauer unserer Zusammenarbeit zu Königinnen und Königen ihrer selbst«, erklärt van Meene.

Ihre französische Kollegin Bettina Rheims nannte einst die Serie, die sie mit berühmten Modellen wie Laetitia Casta oder Milla Jovovitch in opulenten Kleidern gemacht hat, Héroines. Dieser Titel passt eigentlich viel besser zu van Meenes Arbeiten, denn ihre Modelle – die sie meist auf der Straße trifft und anspricht – sind wie Heldinnen der Normalität inszeniert. Von Perfektion sind sie alle weit entfernt, aber perfekte Menschen findet van Meene ohnehin langweilig. Entsprechend wenig hält sie von den Make-Beliefs, die sich in all den großen Magazinen wiederfinden. »Ich mag es, wenn ich mich selbst in den anderen mit all meinen Schwächen wiedererkenne. Genau dieses Wiedererkennen suche ich bei meiner Arbeit«, erklärt die Fotografin im Gespräch.

© Hellen van Meene / courtesy Schirmer/Mosel

© Hellen van Meene / courtesy Schirmer/Mosel

Die Fotografien der 1972 geborenen van Meene verfangen in ihrer Zeitlosigkeit, die von ihnen ausgeht. Das Thema, auf das man dabei immer wieder stößt, sind junge Mädchen im Übergangsstadium zur Frau – wobei man dies flexibel halten muss, denn der Übergang kann durchaus auch provokativ gesetzt werden. Etwa in der Kleidung, die ihre Modelle tragen, den tierischen Begleitern, die sie in Elliott Erwitt-Manier daneben platziert, oder den Blicken, mit denen sie van Meenes Kamera begegnen, und die sie zuweilen älter und reifer erscheinen lassen, als sie sind. Manchmal sind ihre Modelle aber schlichtweg auch reifer als sie scheinen, weil sie die Wirklichkeit dazu zwingt. Die Serie Teenage Mothers erzählt zahlreiche ihrer Geschichten, mit Blicken, Narben und Gesten.

Van Meene spielt aber auch mit den Genderrollen, wenngleich sie deutlich mehr weibliche Modelle fotografiert hat als männliche. »Ich verstehe Jungs und Männer einfach nicht so gut«, erklärt sie. Zudem könne man mit Jungs nicht so gut spielen wie mit Mädchen, die sie immer wieder in sehr androgynen Rollen ablichtet. Wenn sie dann doch mal einen Jungen fotografiert, dann hat dieser gewöhnlich sehr weibliche Züge.

In den kaum greifbaren Schwebezustand der Pubertät, in dem sich Trotz, Entschlossenheit und Selbstzweifel, Melancholie und Aufbruch vermischen, drängt auch das Thema Sexualität. Van Meene geht damit überaus geschickt um. Sie lässt ihre Modelle mit ikonischen Darstellungen, vermeintlich lasziven Posen und verführerischen Blicken spielen und entführt so in den Proust’schen Schatten junger Mädchenblüte.

© Hellen van Meene / courtesy Schirmer/Mosel

© Hellen van Meene / courtesy Schirmer/Mosel

Das Geheimnis ihrer Aufnahmen aber besteht in der Lichtgebung, der geradezu magischen Illumination ihrer Inszenierungen, die wie eine Anlehnung an die Kunstgeschichte ihrer Heimat Flandern wirken. Ihre Modelle wirken in der von ihr eingefangenen Illumination so zart, verletzlich und geheimnisvoll wie das Bildnis einer jungen Dame von Petrus Christus oder Jan Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrgehänge. Die Haut wirkt dabei manchmal so dünn wie der zur Kaugummiblase gedehnte Hubba-Bubba, wie Pergamentpapier. Die Gefühle dahinter scheinen nahezu greifbar.

Nur ihren Modellen lässt Hellen van Meene mehr Aufmerksamkeit zukommen als dem Licht. Sie ist keine wilde Knipserin, die auf den magischen Moment hofft, sondern eine akkurate Planerin. Dabei verzichtet sie komplett auf Kunstlicht, selbst Spiegel und Reflektoren setzt sie nur in Ausnahmefällen ein, etwa wenn ihr das Wetter ein Strich durch die Rechnung macht und die Sonne wie in den Wintermonaten nicht rauskommen will. Aber wenn ein Shooting vereinbart ist, dann nimmt sie es war, unabhängig von der Wettervorhersage. Dann unterhält sie ihre jungen, oft schüchternen Modelle, gibt ihnen für ein paar Stunden das Gefühl, sie seien die wichtigsten Personen der Welt.

© Hellen van Meene / courtesy Schirmer/Mosel

© Hellen van Meene / courtesy Schirmer/Mosel

Und wenn sie diese Rolle angenommen haben, innerlich strahlen und magisch leuchten, bringt sie sie in die Szenerie und läuft eine gefühlte Ewigkeit lang um sie herum. Dabei achtet van Meene auf das einfallende Naturlicht, seine Wirkung auf der Haut und auf den Stoffen, auf die Schatten, die es wirft und die Lichtpunkte, die es setzt. Irgendwann hat sie die perfekte Position gefunden. Dann erst lässt sie ihre Kamera kommen und macht ihr Foto. Es klickt nie mehr als zwei, drei Mal, dann hat sie ihr Motiv im Kasten. »Wenn man wild um das Modell herumläuft und tausend Fotos aus allen möglichen Perspektiven macht, dann verunsichert man nicht nur das Modell, sondern dann wird die Kunst der Fotografie zur Lotterie des Zufalls.«

Hellen van Meene überlässt ihre Fotografie nicht dem Zufall, sondern vertraut dem eigenen Blick. Die Ergebnisse sprechen für sich, 2015 zeigte das Fotomuseum in Den Haag eine Retrospektive ihrer zum Teil magischen Aufnahmen, auf denen Kinder wie Erwachsene wirken, schwerelos über dem Boden schweben oder sich in Nebelwolken hüllen. Die Jahre werden wie die Hasen laufen lautet der Titel des dazugehörigen Ausstellungskatalogs, der sich eines Zitats bedient, mit dem die amerikanische Lyrikerin W. H. Auden das schnelle Dahinfliegen der Adoleszenz beschreibt. Der Band ermöglicht nicht nur einen großartigen Einblick in das Werk der wichtigsten niederländischen Fotografin der Gegenwart, sondern den Betrachter dieser Fotografien auf jeder Seite staunen und wundern lässt.

Weitere Fotografien kann man auf der Website der Künstlerin unter http://hellenvanmeene.com/ einsehen.

van_Meene_HasenHellen van Meene: Die Jahre werden wie die Hasen laufen

Mit einem Text von Martin Barnes

Schirmer Mosel 2015

272 Seiten. 183 Farbtafeln. 58,- Euro

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