Im Königreich der Primaten

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Im Wettbewerb erkunden der ungarische Beitrag »On Body and Soul« sowie das amerikanische Kammerspiel »The Dinner« das Wesen des Menschen mit tierischer Hilfe.

»Irgendwer leidet immer« heißt es am Ende von Oren Movermans The Dinner, zu dem die Brüder Paul (Steve Coogan) und Stan (Richard Gere) mit ihren Frauen Claire (Laura Linney) und Barbara (Rebecca Hall) in einem Nobelrestaurant zusammenkommen. Die Voraussetzungen für die Zusammenkunft könnten ungünstiger nicht sein, denn Paul hat ebensowenig Lust auf das äffische Gehabe seines erfolgreichen Politikerbruders wie dessen Frau Barbara, die ihren Zorn erst einmal hinter einer dicken Sonnenbrille verbirgt. Doch schnell wird deutlich, dass die persönlichen Befindlichkeiten am Tisch nicht das größte Problem des Abends sind. Denn die Söhne der beiden Brüder sind in ein entsetzliches Verbrechen verwickelt, von dem jeder weiß, ohne zu ahnen, dass alle anderen es auch wissen.

Das Drama lebt davon, wie die Spannungen zwischen den einzelnen Personen den eigentlichen Anlass der Zusammenkunft immer wieder zur Seite drängen. Insbesondere der mit der Muttermilch aufgesogene Dauerzwist der beiden Brüder drängt immer wieder in den Vordergrund, weil der sarkastische Misanthrop Paul die aufgesetzte Politikerfreundlichkeit seines älteren Bruders nicht erträgt. Dieser ist in seinen Augen ohnehin mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, was er auch alle spüren lässt. Zugleich brechen im Laufe des Abends die Konflikte auf, die beide Paare nach außen immer gut verborgen haben. »Familien sind erdrückend, lieblos und grausam«, heißt es im Film, und genau das wird an die Oberfläche gebracht.

Die Dramaturgie wird von den Gängen des Dinners vorgegeben. Es wird zwar auch gegessen – von allem nur das Feinste –, aber die eingeblendeten Gänge verweisen darauf, wie sich die Dinge zuspitzen. »The Dinner« ist keineswegs wie Louis Malles Dinnerfilm Mein Essen mit André, sondern folgt eher den Pfaden von Roman Polanskis »Der Gott des Gemetzels«. Zudem ist Movermans Kammerspiel ein Familienthriller. In Rückblenden und Introspektion erzählt er die jeweiligen Sichtweisen auf die verfahrene Familiengeschichte sowie auf das grausame Verbrechen an einem aus dem Ruder gelaufenen Abend.

Interessant ist dabei die Entwicklung des in den beabsichtigen Missklängen perfekt miteinander harmonierenden Ensembles. Denn als die Wahrheit durch ein Youtube-Video ans Licht kommt, schlagen die Charaktere um. Der emotionslose Politiker wird plötzlich moralisch, die beiden verständnisvollen Frauen zeigen, dass sie für ihre Söhne über Leichen gehen würden und der Sardoniker Paul, der das Menschentheater als beständigen Kampf der Primaten liest und als Geschichtslehrer für jeden Satz noch einen historischen Kriegsverweis parat hält, verfällt in Schweigen. Und plötzlich ist man mitten im Königreich der Affen, in dem die Instinkte greifen und jeder Charakter nur noch um seine eigene Deutungshoheit kämpft.

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Ildikó Enyedi: »On Body and Soul«

Ildikó Enyedi: »On Body and Soul«

Weniger darwinistisch als vielmehr psychologisch nähert sich die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi an das Menschsein an. In ihrem Film On Body and Soul lässt sie den steifen Wirtschaftsprüfer Endre (Géza Morcsányi) und die autistisch veranlagte Veterinärmedizinerin Mária (Alexandra Borbély) in einem Budapester Schlachthaus aufeinandertreffen und Interesse aneinander finden. Um die beiden Figuren arrangiert die Ungarin ein Ensemble, in dem sich die klassischen Kabbalen und Lieben des Alltags spiegeln. In dieser Abbildung des Alltags im Mikrokosmos erinnert der Film an Danis Tanovićs letztjährigen Wettbewerbsbeitrag Tod in Sarajevo.

Mit schonungslosen Bildern der maschinellen Schlachterei fängt Enyedis Kameramann Máté Herbai die skurrile Szenerie ein. Was sich Festivaldirektor Dieter Kosslick dabei gedacht hat, die empfindlichen Kritikergemütern morgens um 9 Uhr mit literweise Rinderblut und Kühen am Haken auf den Leib zu rücken, bleibt sein Geheimnis. Diesen erschütternden Aufnahmen sind märchenhafte Aufnahmen eines friedlich durch einen verschneiten Wald streifenden Hirschpaares gegenübergestellt, deren Bedeutung sich zunächst nicht erschließt.

Als in dem Schlachthaus eine Dose Bullensteroid verschwindet und eine Geburtstagsfeier aus dem Ruder läuft, werden Ermittlungen aufgenommen. Eine Psychologin wird hinzugezogen, aus deren Befragungen hervorgeht, dass Mária und Endre von exakt denselben Träumen heimgesucht werden. Sie träumen von einem Hirschpaar, jeweils in den Rollen von Hirsch und Hirschkuh, und beginnen, sich über ihre Träume auszutauschen. Diese Träume öffnen den Blick in die Seelen zweier zutiefst einsamer Menschen, die zudem verschiedentlich Schwierigkeiten mit dem Körperlichen haben. Über sie nähern sich Endre und Mária an, ohne sich tatsächlich nah zu kommen, denn Mária hat damit ihre Probleme.

Alexandra Borbély spielt die in sich gefangene, ihren Kinderpsychologen immer wieder aufsuchende Tierärztin in flirrender Intensität. In winzigen Gesten und Blicken lässt sie die Zuschauer von der inneren Qual ihrer Figur wissen, ohne deren Ursachen wirklich aufzudecken. ihre Introvertiertheit bleibt ein Geheimnis.

Der Film hat seine Längen, die allegorische Anlage hat aber ihre Faszination. Erst am Ende kippt er aus dramaturgischen Gründen aus dem magischen Realismus in den Irrealismus. Da überschlagen sich die Dinge und die Unmöglichkeiten der Erzählung summieren sich, um die Liebe zwischen Mária und Endre doch noch möglich zu machen. Diesen Kitsch hätte es nicht gebraucht, Enyedi wollte wohl das Märchen komplett machen.

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