Comic

Verschwörungen galaktischen Ausmaßes

Mit Mœbius verließ am 10. März einer der großen Pioniere des Science-Fiction-Comics die Bühne. Die Nachrufe sind verhallt, nun kann sein gesellschaftskritisches Werk wiederentdeckt werden.

Ein wehrloses Opfer, eine jubelnde Meute und ein Wurf von der Brücke – und schon ist der Leser nicht mehr in dieser, sondern stürzt mit dem abgehalfterten R-Klasse-Detektiv John Difool in eine düstere, zukünftige Welt. Er fällt mit ihm in die Abgründe einer futuristischen Stadt, vorbei an schießwütigen und schaulustigen Kreaturen, die dem vermeintlichen Selbstmörder auf seinem Weg in die Tiefe noch eine mitgeben wollen. Fünf Bilder brauchen Mœbius (alias Jean Giraud) und (Alejandro) Jodorowsky, um die Leser ihrer sechsbändigen John Difool-Reihe – die von 1981 bis 1988 erschienen ist und jetzt unter dem Titel »Der Incal« beim Splitter-Verlag in neuer Auflage erscheint – in der dystopische Wirklichkeit ihres Titelhelden, auf dem Planeten Terra 21, hart aufschlagen zu lassen.

In dieser Wirklichkeit werden die den Planeten bevölkernden Wesen mit sanften Drogen und künstlichen Freudenmädchen namens »Homöo-Geishas« still gestellt, während sie permanenter Überwachung und physischer Gewalt ausgesetzt sind. Und im Untergrund tobt der Krieg aller gegen alle. Zwischen die Fronten dieses Krieges, der sich von einem Aufstand über einen Bürger- und Weltkrieg hin zu einem intergalaktischen Krieg der Sterne auswächst, gerät Difool. An der Spitze von Terra 21 regieren die Techno-Jünger, ein Heer skrupelloser Gewalttäter, mit »seiner absoluten Orphidität« an der Spitze; einem Präsidenten, der sich mittels Klonung immer wieder verjüngen lässt. Er ist auf der Jagd nach dem »Incal des Lichts«, weil dessen kosmische Energie ihm, der bereits im Besitz des »schwarzen Incals« ist, die vollkommene Macht verleiht. Difool ist durch einen Zufall in den Besitz dieses magischen, pyramidenartigen Gegenstands gekommen und wird zum Gejagten, der, wie es sich für den Helden eines guten Actioncomics gehört, immer wieder knapp seinen Verfolgern entkommen kann.

Doch die Incal-Reihe ist mehr als ein Actioncomic. Entstanden aus den Plänen des gescheiterten Filmprojekts »Dune« ist dieser Zyklus wie eine Büchse der Pandora mit positivem Auswurf. Alle Möglichkeiten von Film und Literatur nutzend, ist diese Comic-Reihe Krimi, Thriller, Science-Fiction-Roman, Horrorfilm, Gesellschaftsepos, Parodie, Märchen, Traum-, Abenteuer-, Liebes- und Schelmenroman zugleich. Alles ist hier in Allem, jedes Element gehört in einen größeren Zusammenhang und regiert zugleich ein eigenes Universum. Die Erzählstruktur ist mal chronologisch und mal geografisch ausgerichtet, was nicht heißt, dass das Raum-Zeit-Kontinuum hier eine besonders große Rolle spielen würde. So verschwindet die Sechserbande, die sich im Laufe der Geschichte um den Titelhelden John Difool gruppiert, im dritten Band in den Tiefen der Metaphysik und Esoterik – und entzieht sich damit auch dem Zugriff ihrer Verfolger.

Mœbius und Jodorowsky bedienten sich für ihre Science-Fiction-Reihe verschiedener Handlungsstränge und Erzählebenen, um die einzelnen Episoden aufeinander und über sich hinaus verweisen zu lassen. Dabei befindet sich alles in einem permanenten Prozess des Entstehens und Vergehens. Ist gerade eine Welt betreten, wird sie im nächsten Moment schon wieder verlassen. Meint man endlich einen erzählerischen Faden gefunden zu haben, wird eine neue Fabel eröffnet. Der Kreis hat 360 Grad und ist in sich geschlossen. Das gleiche gilt für das sog. Möbius-Band (beschrieben von dem Mathematiker August Ferdinand Möbius), eine zweidimensionale Struktur, bei der man nicht zwischen oben und unten sowie innen und außen unterscheiden kann. Dies gilt irgendwie auch für die faszinierende Incal-Galaxie, bei der es weder Oben und Unten, noch Innen und Außen gibt. Vielmehr scheint sich die Incal-Welt mit jedem Panel in endlose Weiten fortzusetzen. »Diese Geschichte verzweigt sich immer mehr. Fast ins Unendliche«, lässt Jodorowsky John Difool im dritten Teil sagen, als würde dieser seine ausufernde und mäandernde Erzählweise kommentieren.

Vieles im epochalen Mœbius-Jodorowsky-Incal-Zyklus erinnert an die Star-Wars-Reihe von George Lucas, nicht zuletzt auch das Figurentheater, welches Mœbius und Jodorowsky aufs Papier gezaubert haben. Menschen und menschenähnliche Gestalten, Mischwesen von Mensch und Tier, Androiden, Roboter und vollautomatische Maschinen sowie etliche monsterhafte Kreaturen, die Mœbius mit seiner kongenialen Fantasie geschaffen hat, bilden das schrecklich faszinierende Gruselkabinett dieser Negativ-Utopie, an deren Ende die Zerstörung des Universums und dessen Neuaufbau steht.

Der sechsbändige John-Difool-Zyklus ist zugleich ein Meta-Roman in Comicform, der mit dem Medium und seinem Inhalt spielt. So wie der Incal aus zwei Teilen besteht, die zusammengeführt werden müssen – was im dritten Teil der Reihe geschieht – so gibt es auch innerhalb des Zyklus zu jedem Band den Gegenband: »Der Incal des Lichts« (Band 2) ist die Antwort auf »Der schwarze Incal« (Band 1), »In höchsten Höhen« (Band 4) geht »In tiefsten Tiefen« (Band 3) voran und »In weiter Ferne« (Band 6) geht »In nächster Nähe« (Band 6) voran.

In der Erzählung findet sich dieses Prinzip von Stück und Gegenstück an den verschiedensten Stellen wieder, besonders deutlich tritt dies aber bei einzelnen Figuren hervor, die als zweigeschlechtliche Kreaturen oder Zwitterwesen beides in sich vereinen und damit das Vollkommene und Ideale verkörpern. Ebenso meisterhaft wie genüsslich haben Mœbius und Jodorowsky selbst ihrer Hauptperson, John Difool, dieses Prinzip übergestülpt, indem sie ihn gleichermaßen als Held und Anti-Held in Szene gesetzt haben. Die Idee hinter dieser Vereinigung der Gegensätze liegt im Ausgleich, der mit ihrer Vereinigung einhergeht. Das Schlechte kann nicht durchdringen, wenn ihm das Gute innewohnt. Dieser Ausgleich ist in den Gesellschaften und Völkern im Incal-Universum nicht mehr vorhanden. Sie versinken in einem Strudel der Gewalt! Der Incal soll diesen Ausgleich auf einer metaphysisch-geistigen Ebene wieder schaffen und so den totalitären Materialismus besiegen.

Wer »Der Incal« nun als esoterisches Manifest zweier Comicpioniere liest, nimmt die Geschichte zu ernst und hat vergessen, dass sie Alles in Allem ist; eben auch Märchen und Parodie. Wie kritisch Mœbius und Jodorowsky esoterischer Irrationalität und Glaubenssystemen aller Art gegenüberstehen, beweist die kürzlich im Verlag schreiber&leser erschienene Gesamtausgabe von »Lust & Glaube«, einer Nach-68er Universitäts-Groteske. In deren Zentrum steht Alain Mangel, ein Philosophie-Professor an der Pariser Elite-Universität Sorbonne, der den Gelüsten seiner Jugend erliegt. Durch die Mechanismen von Zuckerbrot und Peitsche, die sich hier in sexueller Freiheit und Gruppenzwang konkretisieren, gerät er in die Fänge einer sektiererischen Gemeinschaft, die von ihm und seinem Leben soweit Besitz ergreift. Wie nah Lust und Glaube, Verführung und Verdummung sowie Selbstaufgabe und Entmündigung beieinander liegen, zeigt diese aufklärerische Trilogie in meisterhafter Manier.

Bei aller Genialität, die auch dieses Werk prägt, ist das Opus Magnum von Mœbius (Nicht das von Jean Giraud! Da ist zweifellos die Western-Comicserie »Blueberry«) dennoch ohne Frage die John-Difool-Reihe. Zu Unrecht ist sie in Vergessenheit geraten. Nun kann man die Reihe endlich wieder in der klassischen Kolorierung und einigem Zusatzmaterial wiederentdecken.

Diese bildgewaltige und farbenfrohe Science-Fiction-Oper gehört in die Welt der kongenialen Comic-Klassiker, die der Geschichte der Comics ihren Stempel aufgedrückt haben.

Dieser Beitrag ist in einer kürzeren Fassung im Tagesspiegel erschienen.

1 Kommentare

Kommentare sind geschlossen.