Allgemein, Fotografie

Portraitist der Upper Class

Er galt zu seiner Zeit als der teuerste Fotograf von Paris, in seinem Studio herrschte dennoch ein reges Kommen und Gehen. Ein imposanter Bildband ermöglicht erstmals einen Blick auf bisher unzugängliches Fotomaterial aus dem Studio von Man Ray.

»Wenn ich mir ein Gesicht photographisch anverwandle, arbeite ich wie die alten Meister. … Man muss die Entfernungen beachten! Dann wird das Portrait auch nicht entstellt. In den meisten Aufnahmen, die von traditionellen Photographen gemacht werden, ist die Nase fast doppelt so groß wie das Ohr. Weil sie näher am Apparat ist. … Man darf ein Modell nie aus weniger als vier Metern Entfernung photographieren.«

Jemand, der »die anderen« seiner Zunft als »traditionelle Photographen« bezeichnet, scheint sich selbst nicht dazuzuzählen. Der Surrealist und Dadaist Man Ray, dem das Eingangszitat zuzuschreiben ist, hat eine Sonderstellung in seiner Zunft, denn er hob die Fotografie auf eine neue Ebene. Seine Portraitaufnahmen aus über fünf Jahrzehnten sind in einem prachtvollen Bildband versammelt, der den Schlusspunkt der Sortierung, Zuordnung, Digitalisierung und Archivierung von mehr als 12.000 Negativen darstellt, die Mitte der 1990er Jahre aus dem Studio Man Rays in den Besitz des Pariser Nationalmuseums für Moderne Kunst, Centre Pompidou, übergingen. Die Portraits umfassen knapp zwei Drittel dieses enormen Fundus.

Als Kritiker ist mit Superlativen sparsam umzugehen, denn schnell sind sie verbraucht, doch bei den Portraits des US-Amerikaners, der im Paris der Zwanziger Jahre schnell ein zweites Zuhause fand, sind sie angebracht. Es gab nahezu niemanden im Kreis der euroatlantischen Boheme gab, den Man Ray nicht portraitierte. Der vorliegende Portrait-Foliant liest sich wie ein Who is Who des transatlantischen Kunst- und Schreibgewerkes. In dem hochempfindlichen Bildmaterial, das nun erstmals öffentlich zugängig gemacht wurde, wimmelt es von namhaften Fotografen, Malern, Lyrikerinnen, Romanciers, Journalistinnen, Reportern, Sängerinnen, Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Schauspielern, Galeristen, Kunstsammlern sowie Repräsentanten der Diplomatie und der undurchsichtigen High Society (und all jener, die sich zu dieser zählten).

Die Portraits spiegeln nicht allein das Begehren der Fotografierten, einmal von Man Ray abgelichtet worden zu sein, sondern auch das Beziehungsnetzwerk, in dem sich Man Ray aufhielt und zugleich seinen wirtschaftlichen Erfolg sicherte. Man Ray galt zu seiner Zeit als der »teuerste Fotograf von Paris«. Ab Mitte der 1920er Jahre erschienen seine Fotografien auch in »Hochglanzmagazinen« wie Vogue, Harper’s Bazaar oder Vanity Fair, so dass Touristen aus Amerika bald bei ihm Schlange standen. Ein Besuch in seinem Atelier wurde zum Pflichtprogramm eines jeden Parisbesuchs.

Man Ray. Portraits. Paris – Hollywood – Paris 1921 – 1976 fehlen jedoch die vielen surrealistischen Spielereien, für die der Fotograf bekannt ist. So fehlen etwa die Aufnahmen von Kiki, seiner Pariser Geliebten. Auf Le violon d’Ingres von 1924, Noire et Blanche von 1926 oder Larmes von 1932 – allesamt Bildikonen des Surrealismus – muss man hier verzichten.

Thomas Mann by Man Ray

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Thomas Mann by Man Ray | © 2011 Man Ray, VG Bild-Kunst, Bonn / courtesy Schirmer/Mosel