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»Ich interessiere mich nicht so sehr für Verbrechen«

Der japanische Autor Hideo Yokoyama spricht über seine ungewöhnliche Kriminalliteratur, die Besonderheiten des japanischen Polizei- und Justizsystems, die Rolle der Medien und den Preis des Erfolgs.

Herr Yokoyama, wo finden beziehungsweise wie entwickeln Sie Ihre Romane, in denen sich stets eine Vielzahl an Geschehnissen übereinanderlegt und miteinander in Beziehung tritt?

Dafür sind weniger Ideen, die ich irgendwo finde, als vielmehr meine Roman-Methode an sich verantwortlich. Ich habe mir selbst die Regel auferlegt, dass jegliche Zeile ohne Ausnahme mit einer anderen Zeile harmonieren und in einen Gleichklang treten muss. Sollte es eine Zeile geben, die sich nicht zu einem Paar verbinden lässt, hat sie in meinem Roman nichts zu suchen und wird verworfen. Diese Methode habe ich erdacht, um den Geschichten einen sicheren inneren Zusammenhalt zu verschaffen, aber wenn man das strikt durchzieht, spannt sich zwischen den Emotionen der Figuren und den Ereignissen so etwas wie ein Spinnennetz und die Geschichte erhält ganz von selbst eine Schichtung.

Warum geht es in Ihren Büchern weniger um die eigentlichen Verbrechen als vielmehr um die Umstände, unter denen die Ermittlungen stattfinden respektive in denen sich die Ermittler bewegen?

Ich interessiere mich nicht so sehr für Verbrechen an sich, sondern für die psychischen Zustände von Menschen, die mit einem Verbrechen im Kontakt standen. Ich möchte nicht darüber schreiben, was für die Gesellschaft am wichtigsten ist, sondern über das, was das Wichtigste für »jemanden« ist. Anders formuliert ist es der Wunsch danach, reine, hohe Verwicklungs-Dramatik zu schreiben. Und wenn man das verfolgt, ist die Existenz eines Verbrechens eigentlich eher hinderlich. Romane, bei denen kein [solches] Ereignis passiert, kann man wohl schon nicht mehr zur Kriminalliteratur zählen, aber schon seit meinem Debüt wähle ich in jedem meiner Romane Vorfälle, in denen die große Last der Individuen zum Vorschein kommt. Die Konflikte zwischen Individuum und Organisation, die ich meist zum Thema wähle, werden oft »Sturm im Wasserglas« genannt [, also ein großes Ereignis in einer für Außen nicht bedeutsamen Einheit], aber das ist der Bühnenstoff großer Ereignisse. Auch in »50« ist es so, dass ich nach einer neuen Art von Kriminalroman gesucht habe, bei der das Verbrechen in der Geschichte weit in den Hintergrund gerückt ist. Das mag im Maßstab klein sein, aber für den Einzelnen gibt es keinen heftigeren Sturm als den im Wasserglas. Diese Art von Vorkommnissen ist allgegenwärtig.

Hideo Yokoyama: 64. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Nikolaus Stingl. Atrium Verlag 2019. 760 Seiten. 14 Euro (TB) / 28,- Euro (HC)

Welche Rolle spielen Traditionen, Ansehen und Ehre im japanischen Polizei- und Justizsystem und inwiefern prägt dies das gesellschaftliche Verständnis von Recht und Unrecht?

Man kann sagen, was die japanische Polizei und das Justizsystem gemein haben, ist gerade diese Tradition der nach außen abgeriegelten, inselhaften Kommunikation innerhalb ihrer Organisationen. Man hat das Gefühl, es handelt sich um Dorfgemeinschaften, in der Art, wie die Hierarchie organisiert ist, und nicht so sehr die Ehre und das Ansehen nach Außen, sondern vielmehr die Verhältnisse innerhalb der »Sippe« bestimmen das Handeln. In der japanischen Öffentlichkeit gibt es nur geringes Interesse am Polizei- und Justizsystem, und obwohl es immer wieder Berichte über Skandale und Unrechtmäßigkeiten in den Medien gibt, besteht momentan keinerlei Bestreben danach, diese Systeme fundamental zu ändern. Und da das Rechtsverständnis, das in Prozessen und richterlichen Entscheidungen in Kriminalfällen wiedergespiegelt wird, selten vom dem der Gesellschaft abweicht, scheint es sogar so, dass beide Systeme vom Volk unterstützt werden und großes Vertrauen genießen.

Korruption und Vertuschung sind Themen, die bei Ihnen immer wieder auftauchen. Ist die japanische Polizei für solche Phänomene besonders anfällig? Vielleicht auch, weil sie – ähnlich wie die Politik – zum Großteil ein Männerbund ist und Frauen nur eine geringe Rolle spielen?

Man muss sagen, dass Japan dafür anfällig ist. Das ist nicht auf die Polizei beschränkt; Japaner sind, freundlich ausgedrückt, auf Kooperation bedacht. Unfreundlich gesagt: Sie sind anfällig für Gruppenzwang. In letzter Zeit hat sich auch Japan stark verändert, und durch die Ausbreitung von Sozialen Netzwerken hat es die Stimme des Einzelnen leichter, in der Gesellschaft gehört zu werden, aber das bedeutet nicht, dass diese Volks-Eigenschaft verschwinden würde. Und besonders in einer strikt hierarchischen Gemeinschaft wie der Polizei-Organisation lebt sie fort. Die niederrangigen Polizisten sind oft hervorragende Leute, aber es ist fast unmöglich, dem enormen Gruppendruck der Organisation standzuhalten. Zwar steigt die Zahl der Polizistinnen von Jahr zu Jahr, aber ich gebe Ihnen recht, dass Frauen momentan in dieser Organisation keine große Rolle spielen. Es gibt unter den Polizistinnen sicher viele, die gewissenhaft sind und ein starkes Gerechtigkeitsbewusstsein besitzen, aber ob ein Ausgleich der Geschlechter-Differenz dafür sorgen wird, dass die Korruption innerhalb der Polizei beseitigt wird, das müssen wir wohl erst abwarten und experimentell herausfinden.

Hideo Yokoyama: 50. Aus dem Japanischen von Nora Bartels. Atrium Verlag 2020. 352 Seiten. 22,- Euro.

In Ihrem hier neu erscheinenden Roman greifen Sie auch die Themen Krankheit, Alter und Sterben auf. Wie werden diese in Japan diskutiert und wie wurde Ihr Roman in Japan aufgenommen?

Für mich, in meinem Leben als Autor, war »50« ein epochemachendes Werk. Es hat innerhalb Japans einen neuen Verkaufsrekord aufgestellt, wurde auch in seiner Verfilmung ein Riesenhit und hat ein gesellschaftliches Phänomen ausgelöst. Damals wandelte sich Japan gerade mit rasanter Geschwindigkeit zu einer überalterten Gesellschaft und das Interesse an Alter und Krankheit war zwangsläufig gestiegen. Ich glaube, die Geschichte von einem Mann, der von seiner an Alzheimer erkrankten Frau dazu aufgefordert wird, sie umzubringen, war für die meisten ein Szenario, das sie unmittelbar selbst betreffen könnte. Es gab weitaus mehr Leserstimmen, die für dieses Ehepaar und ihre Umstände Mitgefühl aufbrachten, als solche, die den Ehemann dafür kritisierten, seine Frau getötet zu haben, und diese Tendenz stieg mit dem Alter der Leser. Außerdem ist erwähnenswert, dass es sehr viele Ehepaare gab, die das Buch gemeinsam gelesen oder gemeinsam den Film gesehen haben. »Wie würdest du handeln?« ist eine Frage, die sie sich dabei gegenseitig gestellt haben; man kann sagen, »50« ist ein Roman, der diese Frage an seine Leser stellt. Natürlich ist auch ein Mord auf Verlangen immer noch ein Verbrechen. In Japan, wo selbstbestimmter Tod illegal ist, zögert man, sich überhaupt die Frage zu stellen, wie man sterben möchte. Der Diskurs beschränkt sich darauf, ob man Hochbetagten, die nicht mehr äußerungsfähig sind, lebensverlängernde Maßnahmen zukommen lassen sollte. Ich denke, was »50« dazu verholfen hat, ein solcher Hit zu werden, waren die realen Gefühle der Unsicherheit und Liebe, die die meisten Menschen [bei solchen Gedanken] ihren Lebenspartnern gegenüber empfinden.

In Ihren Erzählungen taucht auch immer die Verbindung zwischen Polizeiarbeit und Journalismus auf. Ihr Roman »64« wird gar aus der Perspektive eines Pressedirektors, und nicht aus der eines Detektivs erzählt. In welchem Verhältnis stehen Journalismus und Polizeiarbeit Ihrer Ansicht nach zueinander?

Aus der Sicht von Journalisten ist die Polizei einerseits ständig Gegenstand der Kritik, andererseits eine unverzichtbare Informationsquelle. Und aus der Sicht der Polizei ist die Presse ein hinderlicher Zuschauer, andererseits sorgt sie auch für die Publicity, wenn die Polizei einen Fall lösen konnte. Daher stehen sie sich so nahe, dass sie fast schon miteinander verwachsen sind, überhäufen einander aber auch mit Spott und Verachtung. Ein Verhältnis, dass man kaum in anderen Zusammenhängen wiederfindet und das von außen nur schwer zu begreifen ist. In jungen Jahren habe ich zwei Jahre lang in einer Lokalzeitung über Kriminalfälle Bericht erstattet. Aus meiner Erfahrung dort kann ich sagen, dass es eine Arbeit ist, die man nur als ausgesprochen guter oder ausgesprochen schlechter Mensch machen kann.

Hideo Yokoyama: 2. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Atrium Verlag 2019. 149 Seiten. 16 Euro.

Sie haben an »64« zehn Jahre gearbeitet, der Roman ist ein internationaler Bestseller geworden. Haben Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet?

Den Erfolg hätte ich mir im Traum nicht ausgemalt. Nachdem die ausländischen Verlage festgelegt waren, hatte ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, wie die Figuren meiner Bücher, die immer wieder unter und in ihren Organisationen leiden, im europäischen und amerikanischen Ausland ankommen würden, wo ja der Individualismus tief verwurzelt ist. Aber heimlich habe ich doch erwartet, dass es vielleicht doch einige, wenn auch nicht viele Leser geben wird, da es doch nirgendwo auf der Welt einen Ort gebe, an dem Menschen frei von Beschränkungen und Zwängen von Organisationen sind.

Sie werden international als japanischer Stieg Larsson betitelt. Gefällt Ihnen das oder würde Sie lieber mit einem anderen Autor oder einer anderen Autorin verglichen werden?

Nennt man mich wirklich so? Das ist natürlich eine Ehre; ich kann das kaum glauben. Ich bin auf internationaler Ebene doch noch ein Newcomer.

Welchen Preis hat der Ruhm des erfolgreichen Krimiautors?

Erfolgreich? So habe ich noch nie von mir gedacht. Ich habe sehr viel Zeit mit Krankheit und Depression verschwendet. Im Rest meines Lebens möchte ich mich ganz aufs Romanschreiben konzentrieren.

Herr Yokoyama, vielen Dank für Ihre Antworten.

Die Übersetzerin von »50« Nora Bartels hat die Fragen aus dem Deutschen ins Japanische und die Antworten aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt. Ihr gilt der ausdrückliche Dank des Interviewers.

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