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»Die Freiräume für jeden Einzelnen schrumpfen«

Der ehemalige Dumont-Verleger Lutz-W. Wolff ist neben Simone Fischer (für Anakonda) der einzige Übersetzer, der beide Orwell-Klassiker neu übersetzt hat. Wie Orwell war er für die BBC im Einsatz und bezeichnet »1984« daher als »Buch seines Lebens«. Bei der Übertragung ist er unter anderem auf Bezüge zu Oliver Cromwell gestoßen, wie er im Gespräch erklärt.

Was macht das Werk von George Orwell aus Ihrer Sicht so zeitlos?
Orwell hat sein totalitäres System nicht irgendwo in einem fernen Land angesiedelt, sondern genau da, wo er lebte: im »freien Westen«. Und er hat recht behalten. Der kapitalistisch-demokratische Staat ist zwar weniger gewalttätig als die offen autoritären Staaten, sieht sich aber genauso wie diese in der Lage, riesige, heterogene Bevölkerungen unter Kontrolle halten und lenken zu müssen. Er setzt nicht auf Zwang und Mangel, sondern auf Belohnungen und eine scheinbare »Freiwilligkeit«, ist aber in seinem Anspruch, die Menschen zum Guten erziehen zu wollen, nicht weniger totalitär als andere Systeme (früher sprach man von »repressiver Toleranz«).
Die Digitalisierung liefert in beiden Systemen das nötige Handwerkszeug. Insofern beschreibt Orwell die »condition humaine« des heutigen Menschen. Sein Buch ist die Blaupause für die Welt, die Regierungsinstanzen, zwangsfinanzierte Medien, Big Data, Facebook, Google, Visa, Paypal etc. pp. auf der ganzen Welt geschaffen haben und immer weiter verfeinern. Deshalb noch einmal: Wenn man begreifen will, was gerade mit uns (unserer Gesellschaft und jedem Einzelnen) passiert, muss man »1984« (und auch Dave Eggers »The Circle«) gelesen haben. Schwer ist es nicht, denn Orwell hat sich bewusst um eine einfache, klare Sprache bemüht. 

George Orwell: 1984. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. Mit einem Vorwort von Robert Habeck. dtv Verlag 2021. 416 Seiten. 24,00 Euro. Hier bestellen

Zeitlos heißt bei Orwell oft auch zeitgemäß. Kann man »1984« einfach auf die Gegenwart übertragen?
Bei der Betrachtung von »1984« darf man zudem nicht vergessen, dass die Weltbevölkerung zur Zeit der Niederschrift des Romans (als ich etwa 5 Jahre alt war) gerade mal 2,5 Milliarden betrug, in den wenigen Jahren, die seither vergangen sind, aber auf das mehr als Dreifache angewachsen ist. Das heißt: Die Notwendigkeit, die Bevölkerungen im räumlichen, materiellen und letztlich auch geistigen »Rahmen« zu halten, ist (aus Sicht der Regierenden) exponentiell gewachsen und wird immer drängender. Nicht nur in der Volksrepublik China, sondern überall auf der Welt ist »Harmonie« das herrschende Paradigma. Dementsprechend schrumpfen die Freiräume für jeden Einzelnen.

Hatte die aktuelle Relevanz seiner Romane Folgen für Ihre Neuübersetzung?
Orwells Blick auf die Zukunft war so präzis, dass man bei der Übersetzung darauf achten muss, nicht einfach heutige (oder auch historische) Begriffe aus der Realität einzusetzen. Deshalb heißt es bei mir z.B. »TeleSchirm« und nicht »Bildschirm«. Die von Orwell geprägten Neologismen wie »ZweiMinutenHass«, »DoppelDenk«, »NeuSprech« etc. wurden durch die nicht ganz dudenmäßige Schreibweise hervorgehoben. Die arg gelehrten »Proles« wurden ausnahmsweise zu »Prolls« verschärft und »aktualisiert«. 

George Orwell: Farm der Tiere. Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff. Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow. dtv Verlag 2021. 192 Seiten. 20,00 Euro. Hier bestellen

In Ihren Anmerkungen arbeiten Sie einige wesentliche historische Bezüge aus.
In den Anmerkungen werden vor allen die Bezüge zu literarischen und künstlerischen Vorbildern und zur Biografie herausgearbeitet. So ist mir u.a. gelungen, den möglichen Ursprung des Namens »Ozeania« und seine Verbindung zu Oliver Cromwell, dem einzigen britischen Diktator zu finden. Orwell hatte keine persönliche »Innenansicht« eines anerkannt totalitären Systems. Seine Erfahrungen im kolonialen Polizeidienst, im Spanischen Bürgerkrieg, mit der BBC und der britischen Presse genügten zwar, um die Prinzipien der Bewusstseinsindustrie zu erkennen, aber z.B. sein Aufenthalt in Deutschland (1944/45) als Kriegsberichterstatter war insofern enttäuschend, als er unter den besiegten Deutschen niemanden mehr finden konnte, der sich an das NS-Regime zu erinnern vermochte. Um einen britischen (im Ansatz totalitären) Diktator zu finden, musste Orwell bis zu Oliver Cromwell (1599-1658) zurückgehen, der England in eine Republik zu verwandeln versuchte. Diesem wiederum hatte der Publizist James Harrington (1611-1677) 1656 eine utopische Denkschrift mit dem Titel The Commonwealth of Oceana geschickt (die eine Umverteilung des Eigentums bewirken sollte). Wohl deshalb heißt Orwells Staat des Jahres 1984 »Ozeania« und auf dem »Victory Square« steht ein Reiterstandbild von Cromwell.

Welche Passage hat Sie beim Übersetzen mit Blick auf die Gegenwart besonders bewegt?
Die mit Abstand wichtigste Beobachtung Orwells ist das Phänomen der gezielten Wahrnehmungs- und Bewusstseinsveränderung durch Beschneidung, Verkürzung und Reduzierung der sprachlichen Vielfalt, die er »NeuSprech« nennt. Dieser seit der Jahrtausendwende  aggressiv vorgetragene, administrativ abgesicherte und medial verstärkte Angriff auf die Freiheit des Denkens ist atemberaubend, und lässt sich an Hand von Orwells Beschreibung des »NeuSprech« und seiner Prinzipien hervorragend analysieren. Natürlich gibt es historische Vorbilder (z.B. die Ausrottung der Dialekte während der Entstehung der Nationalstaaten oder das brutale »NeuSprech« der Jakobiner, der Nationalsozialisten, der Stalinzeit und anderer totalitärer Regime, aber erst Orwell hat das Prinzip des »NeuSprech« auf seinen Wesenskern reduziert: Das Verhindern von Denken. 

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